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MICHAEL.MAIER@NETZEITUNG.DE 16.01.2003
"Nicht auf diese Gönnerhaftigkeit angewiesen..." (2)
Von Email an Roman Mischel sendenRoman Mischel | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

« zurück zu Teil 1

Welchen Sinn macht die Zeitung dann überhaupt noch?

Für mich machen Zeitungen Sinn wie zum Beispiel die Financial Times aus London, die einfach jeden Artikel fantastisch recherchiert. Da stehen wirklich Nachrichten drin. Auch das Wall Street Journal macht das über weite Strecken sehr gut. Vieles in Zeitungen wie beispielsweise der FAZ ist überzeugend, wenn die eigene Recherche und das Analytische im Vordergrund stehen. Aber im Nachrichtengeschäft hat jede Zeitung ein wirkliches Profilproblem.

Welche Anforderungen stellen Sie an Ihre eigenen Redakteure?

Das Gebäude der Netzeitung in der Albrechtstraße. "Wenn in Berlin eines günstig ist, dann sind das die Mieten für Büroräume", sagt Maier. (Foto: Mischel)

Zunächst einmal haben wir einen sehr strengen redaktionellen Kodex, den wir auch externer Linkpubliziert haben. Darin geht es hauptsächlich um die Gesinnung. Das mag jetzt eine Platitude sein, aber ich finde es sehr wichtig, dass wir uns konzentrieren auf unabhängigen, kritischen Journalismus. Wir ergreifen nicht Partei und sind unbestechlich. Gerade heute ist in einer grassierenden Weise die Verknüpfung von wirtschaftlichen, politischen und journalistischen Interessen festzustellen. Das ist sehr weit entfernt von der Uridee unseres Gewerbes.

Das zweite ist die handwerkliche Kompetenz. Unsere Redakteure müssen wissen, wie man recherchiert, wie man eine Nachricht mehrfach gegencheckt. Das ist im Internet besonders schwierig, weil der Zeitdruck sehr hoch ist. Wir haben in den zweieinhalb Jahren, die es uns jetzt gibt, jede Nachricht vor der Veröffentlichung mehrfach überprüft. Beispiel Sebnitz: Wir haben diese Meldung erst publiziert, nachdem der zuständige Oberstaatsanwalt mit dem "dringenden Tatverdacht" in die Tagesthemen ging. Vorher ging die Nachricht schon tagelang durch die Agenturen und die Bild-Zeitung. Uns kam die Geschichte seltsam vor, wir haben vier Tage lang nichts geschrieben. Wir lassen uns durch den Zeitfaktor also nicht unter Druck setzen.

Tagesaktuelle Nachrichten sind bei der Netzeitung kostenlos zu lesen. Seit Ende Juni 2002 setzen Sie allerdings auf ein zusätzliches Abo-Modell. Sie werben damit, dass es werbefrei ist und nur fünf Euro im Monat kostet. Wie erfolgreich sind Sie damit?

Wir sind sehr zufrieden. Die ersten Ergebnisse liegen genau dort, wo wir sie erwartet haben. Natürlich braucht so etwas eine gezielte Vermarktung. Wir haben uns an solche Gruppen gewandt, für die dieser Dienst interessant sein kann.

Ich halte unseren Abo-Service für ein sehr elegantes Modell, das wir – zu unserem großen Vorteil – zu Grenzkosten produzieren können. Zum Vergleich: Bei einer Zeitung erzeugt jeder neue Abonnent Kosten für Papier, Druck und Vertrieb. Unsere Abonnenten erzeugen keinerlei zusätzliche Kosten. Daher können wir mit einem sehr kleinen Abonnentenstamm schon eine sehr große Wirkung erreichen.

Dieser Stamm darf aber auch nicht zu groß werden. Das Argument für Ihr Modell ist Werbefreiheit. Bei einer Zeitung hingegen abonniert der Kunde die Werbung gleich mit. Sie müssen sich entscheiden: Einnahmen durch Werbung oder Einnahmen durch Abonnenten.

Wir haben es in Deutschland mit einem großen Markt zu tun. Allein zehntausend Abonnenten würden uns einen signifikanten Teil unserer Revenues bringen – und trotzdem steht uns noch der gesamte Markt der deutschsprachigen Internet-Surfer zur Verfügung. Ob von unseren 500.000 Lesern 10.000 oder 20.000 Abonnenten werden, spielt für unsere generelle Reichweite keine Rolle.

Was halten Sie denn von anderen Modellen, wie zum Beispiel Archive nur noch gegen Gebühr zugänglich zu machen?

Schauen Sie sich die New York Times an: Ein großer Teil ihres Erfolgsmodells ist auf kostenpflichtige Archive zurückzuführen. Ich glaube, dass so etwas auch in Deutschland funktioniert. Allerdings ist hier zu Lande die Bereitschaft noch sehr gering, Micropayment zu betreiben. Wir hingegen arbeiten mit einem sehr altmodischen Modell, wo man sogar die Rechnung zugestellt bekommen kann. Bevor wir unser Abo-Modell eingeführt haben, sagten uns zwei Drittel unserer befragten Leser, dass sie auf so etwas Wert legen. Nur zwei Prozent wären hingegen bereit, per Micropayment zu bezahlen. Zudem ist die Bereitschaft der User sehr gering, für eine einfache Nachricht einen bestimmten Betrag zu bezahlen.

Wie sieht es denn mit der Produktion umfangreicher, multimedialer Beiträge aus. Sind Sie als Chefredakteur bereit, so etwas von einem frei arbeitendem Journalisten zu kaufen?

Ja, klar. Was zum Beispiel viel zu wenig zu lesen ist, sind gut recherchierte Geschichten im Bereich Wirtschaftskriminalität. Die Bezahlung richtet sich ganz nach dem Aufwand des Autors und dem vereinbarten Ergebnis. Das müsste man im Einzelfall sehen.

» weiter in Teil 3

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