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PRO & CONTRA (2/2) 09.02.2005
Die Diskussion um den Videojournalismus
Von Email an Roman Mischel sendenRoman Mischel | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

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Seine Stärken kann der Videojournalismus möglicherweise in Situationen ausspielen, zu denen konventionelle Fernsehteams bisher kaum Zugang finden konnten. So wird immer wieder die Intimität hervorgehoben, die VJs dank unauffälliger und kompakter Technik zu ihrem Umfeld herstellen können.

Gehe zu: 

Weil die Präsenz eines kompletten TV-Teams fehle, kämen die Reporter näher an das Geschehen heran und könnten viel unbefangener in privaten Situationen agieren (vgl. Rosenblum 2003, 44; Wolf 2003, 14; Wittke 2000, 115; Wegner 2004, 33; Foraci 2004, 20).

Das hat zum Beispiel Marion Kainz mit ihrem mehrfach preisgekrönten Film externer LinkDer Tag, der in der Handtasche verschwand bewiesen:

"Der Autorin war es darin gelungen, ihrer Protagonistin, einer Alzheimer-Patientin, sehr nahe zu kommen. Das technische Gerät, da sehr unauffällig, trat nicht als Hindernis zwischen Autorin und Protagonistin. Der Film lief in der Reihe 'Menschen hautnah' und ist ein Beispiel dafür, dass in sorgsam und frei konfigurierten Formaten die eigene Autorenhandschrift durchaus zur Geltung kommen kann."

(Wolf 2003, 14)

Den Zusammenhang zwischen Authentizität und konsequenter Reduktion der technischen Hilfsmittel haben auch verschiedene Spielfilm-Regisseure erkannt. Bereits 1995 unterschrieben vier dänische Filmmacher das externer Link"Dogma"-Manifest, in dem sie sich u.a. darauf einigten, ausschließlich mit handgeführter Kamera zu arbeiten und die am Drehort vorhandene Beleuchtung zu nutzen. Dadurch sollten die Schauspieler maximale Bewegungsfreiheit haben, da die Kamera stets der Handlung folgen sollte – und nicht umgekehrt (vgl. Buck 1999, 107ff.).

Investigative Dreharbeiten

Wegen ihrer Unauffälligkeit wird die kompakte Technik oft auch bei investigativen Dreharbeiten eingesetzt, wie z. B. in der 45-minütigen NDR-Reportage "Drogenkampf im Bürgerviertel". Mit ihrer MiniDV-Kamera, so klein wie ein Walkman, gelang es den Autoren, unbemerkt in Hamburgs Dealerszene zu drehen und Material von hohem dokumentarischen Wert zu gewinnen (vgl. Voigt 1996, 60ff.). Obwohl die technische Entwicklung der Geräte 1996 noch in den Anfängen steckte, fällt das Fazit des Kameramanns durchaus positiv aus:

"Wir lernen, die kleine Mini-Kamera ernst zu nehmen. Sie hat ihren ersten TV-Job souverän und zuverlässig überstanden. Uns gab sie bei diesem Milieu-Film die Sicherheit, keine Feinheit von dokumentarischem Wert versäumen zu müssen. Auch nach der Überspielung auf Betacam SP überzeugte uns die Qualität des digitalen JVC-Camcorders."

(Voigt 1996, 64)

Zu einem ähnlichen Schluss kommen Thomas Höller und Karl-Heinz Kreutzer, die für das ZDF drei Beiträge über illegale Vogelfänger in Surinam produziert haben (vgl. Höller 1999, 74ff.). Dabei drehten sie ausschließlich mit der kompakten MiniDV-Kamera externer LinkVX 1000 von Sony. Das Gerät unter den Arm geklemmt, blieben die beiden selbst auf einem Vogelhändler-Markt in Paramaribo unentdeckt. "Die Technik war ideal für den schnellen Einsatz ohne Eingriff auf das Motiv. Die übersichtliche Bedienung hat diesen Einsatz unter anderem möglich gemacht. Mit jeder anderen Kamera wären wir nicht zu diesen Bildern gekommen." (ebd., 82)

Eine neue Qualität der Bilder sieht auch Mike Arnold, Leiter des BBC-Videoreporter-Programms. Eine Reportagen-Serie kommentiert er mit den Worten: "Solche Filme hätten wir in dieser Qualität niemals im Programm gehabt, wenn wir mit herkömmlichen Drei-Mann-Teams angerückt wären, die unter Kosten- und Zeitdruck eine Geschichte hätten produzieren müssen." (zit. nach Meuren 2003, 32)

Hohe Flexibilität

Der Einsatz kompakter Technik lässt den Fernsehanstalten Freiraum für Experimente und neue Formate, die wegen hoher Kosten durch konventionelle Produktionsabläufe im TV-Alltag nie möglich gewesen wären. "Der unbeschwerte Zugriff auf eine jederzeit drehbereite Aufnahmetechnik erlaubt spontanes Drehen 24 Stunden am Tag", sagt Dokumentarfilmer Rainer Komers (zit. nach Nowara 2003a, 46), der einen Teil seines Films "ErdBewegung" in Nordindien mit einer kompakten DV-Kamera drehte (vgl. ebd,. 44ff.).

Auf diese Weise können Videojournalisten Langzeitdokumentationen mit einer Vielzahl von Drehtagen relativ kostengünstig realisieren. Zudem stehen ihnen Wege zu Ereignissen offen, bei denen vorher gar nicht feststeht, ob sie nicht doch eine brauchbare Story bieten – Situationen, die es aus Kostengründen nicht ermöglichen, ein komplettes Team "auf Verdacht" heraus zu schicken (vgl. Roether 2002, 4). Zudem ist es verzeihbar, wenn Videojournalisten bei ihrer Arbeit Fehler machen - denn ein produzierter, aber nicht ausgestrahlter Beitrag verschlingt keine Unsummen mehr (vgl. Angeli 2003, 87).

"Living Camera"

Das ausklappbare LCD-Display ermöglicht ungewöhnliche Bildperspektiven. (Foto: Mischel)

Eine weitere Eigenart des Videojournalismus ist ebenfalls durch die kompakte Technik bedingt: Die kleinen, digitalen Kameras sorgen für eine neue Bildästhetik, "deren Grundlage im Bereich der 'Living Camera' liegt, einer Technik aus den Anfangsjahren der Filmgeschichte, die durch den Videojournalismus nun wiederentdeckt und kreativ genutzt wird." (Wittke 2000, 115).

"Der Videojournalist", so bringt es Michael Rosenblum auf den Punkt, "kann seine Kamera genauso nutzen wie ein Zeitungsmann seinen Notizblock. Er ist befreit aus der Zwangsjacke üblicher Fernseharbeit mit all den horrenden Kosten und logistischen Schwierigkeiten, die die Produktion eines Beitrags bislang verursacht" (zit. nach Meuren 2003, 33). Für jeden Fernsehreporter müsse eine Kamera daher wie ein "elektronischer Bleistift" zur Grundausstattung gehören. (vgl. ebd.). Metzger sieht in Teilen des Fernsehens daher eine ähnliche Entwicklung wie im Hörfunk:

"Zuerst und vor allem braucht es deswegen gute Reporter: Gespür für ein Thema und seine Umsetzung, ein guter Blick für Protagonisten, Offenheit und Genauigkeit bei der Recherche, gute Bilder zu sehen und dann natürlich auch aufs Band zu bringen, nachher im Schnitt die Fähigkeit, eine Geschichte so zu erzählen, dass sie das Publikum fesselt. Das hat mehr mit journalistischem Handwerk und Persönlichkeit zu tun als mit Technik."

(zit. nach Nowara 2003b, 52f.)

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Die technische Ausstattung von
Videojournalisten.

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