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Torschrei in Versalien (2)

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Wirkte eher langweilig: Der Live-Ticker von Bild.de. (Screenshot: Heijnk)
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Sprachemotional eher im Abseits standen dagegen verblüffenderweise die Ticker-Schreiber bei Bild.de, die sich von ihren Printredaktionskollegen in Sachen Sprachkraft sicher noch einiges abschauen könnten. Als beispielsweise das Golden-Goal der Koreaner gegen Italien fiel, war von einem grossbuchstabigen Torschrei im Bild-Livebericht weit und breit nichts zu lesen.

Die Emotionen des Redakteurs waren lesbar: RP-Online. (Screenshot: Heijnk)

Während bei RP Online die Sensation als fulminanter TOOOOOOOOOOOOR-Schrei über die Internet-Backbones lief, wurde bei Bild.de nur vergleichsweise trocken vermeldet: "Die Sensation ist perfekt. Gastgeber Südkorea schlägt den dreifachen Weltmeister Italien durch ein Golden Goal von Jung-Hwan Ahn." Auch im deutschen Halbfinale gegen Südkorea machten die Tickertexter von Bild.de nicht gerade in Überschwang, zwar flimmerte immerhin ein bildtypisches Jaaaa! auf die Monitore – doch so richtig fan-ergriffen wirkte das nicht.

Ähnlich zurückhaltend tickerte auch die ARD und zeigte, vertreten durch die NDR-Online-Redaktion, eher hanseatisch temperiertes WM-Fieber. Als Michael Ballack im Halbfinale gegen Südkorea das zigtausendfach umjubelte 1:0-Siegtor schoss, hieß es im NDR-Ticker doch relativ lapidar: "Unglaublich, dieser Michael Ballack. Erst Gelb, jetzt der Matchwinner? 1:0 für Deutschland durch den Mittelfeldspieler. Jetzt ist das Finale zum Greifen nah."

Eher Emotionslos: Der Live-Ticker des NDR. (Screenshot: Heijnk)
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Auch hier fehlte den Ticker-Textern offenkundig noch etwas die Übung im emotionalen Feintuning und den Live-Berichten ein paar Grad plus. Richtig dünn war's dagegen bei Spiegel.de und beim ZDF, die beide zwar einen grundsoliden, redaktionellen Service ablieferten, aber nur enttäuschende Live-Ticker anboten, über die wenig mehr zu erfahren war als der aktuelle Spielstand auf Refresh-Klick.

Unterstreicht ihr Niveau auch im Netz: Die Zeit. (Screenshot: Heijnk)
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Selbst die Web-Redaktion der ehrwürdigen Wochenzeitung Die Zeit, nicht gerade als Zentralorgan der Sport-Berichterstattung bekannt, hatte da mehr zu bieten und überraschte durch einen Pop-up-Ticker mit dem gerade aktuellen Spielstand gleich auf der Startseite, der auf weiteren Mausklick auch gleich einen Live-Kommentar, zum Teil auf Print-Zeit-Niveau lieferte. Köstlich.

Wer dagegen eher den multimedialen, technisch aufwändigeren Ticker-Genuss suchte, für den gab es während des WM-Turniers eigentlich nur eine Adresse: In Sachen Feature-Reichtum war der Sport1-Ticker das Nonplusultra. Gespickt mit zahlreichen technischen Features wie Echtzeit-Spielbericht-Zeitleiste, Spiel- und Spielerstatistiken und trotzdem ladeschnell – die WM-Web-Live-Berichterstattung verdiente sich hier Bestnoten. Besonderes Highlight im Sport1-Ticker: die zeitverzögerte Szenenfoto-Slideshow. Da bewegte Live-Bilder aus naheliegenden Gründen im Web nirgends zu betrachten waren, wich die Sport1-Redaktion auf Fotoreihen aus, die beim schnellen Klicken zumindest als simulierte Bewegtbilder durchgehen konnten.

Kleinere Usability-Mankos waren da schnell verziehen: In der Vorrunde fehlte im Ticker ein direkter Zugang zu den Gruppentabellen. Wenn man genau wissen wollte, ob ein Spielstand das Weiterkommen oder das Turnier-Aus bedeutete, musste man deshalb erst umständlich in die Hauptnavigation der WM-Sonderberichterstattung wechseln und sich von dort aus weiter hangeln. Auch die Zweiteilung des Ticker-Textes in eine Kurz- und eine Langversion war zwar ladezeittechnisch klug gedacht, beim Lesen störte sie teilweise aber doch gewaltig, weil der Aktualisierungsklick immer wieder auf die Kurzvariante zurückführte.

Auch externer Linksports.com lieferte einen prima gelungenen Rund-um-sorglos-Ticker, der unter anderem auf den reichweitenstärksten deutschen Portalen bei t-online.de und freenet.de implementiert war. Zwar gab es von sports.com keine zeitverzögert gelieferten Torschuss-Slideshows, aber immerhin jede Menge Szenenfotos in einer Bildergalerie, die obligatorischen Spiel- und Spielerstatistiken und einen Ticker-Text, in dem die Highlights jedes Spiels durch grafische Symbole markiert waren – optimal fürs schnelle Scannen.

Wer nun aber glaubt, die Ticker könnten nur auf dem Fußballfeld florieren, ist einigermaßen auf dem Holzweg, denn mittlerweile findet sich die Erzählform "Live-Ticker" auch in anderen Themenfeldern. Im Wirtschaftsjournalismus etwa wird mit Ticker-vergleichbaren Lösungen vor allem in der Berichterstattung über Hauptversammlungen oder Bilanz-Pressekonferenzen grosser Aktiengesellschaften experimentiert. So berichtete beispielsweise die Online-Redaktion des Manager Magazins Ende Mai 2002 im Live-Text gut sieben Stunden lang von der mit Spannung erwarteten externer LinkHauptversammlung der Büdelsdorfer Mobilcom-AG. Anders als für den inzwischen entlassenen Mobilcom-Vorstandschef Gerhard Schmid geht die Erfolgsgeschichte für den Live-Ticker also weiter.

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