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LIVE-TICKER WÄHREND DER FUßBALL-WM 16.07.2002
Torschrei in Versalien (1)
Von Email an Stefan Heijnk sendenStefan Heijnk | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Von webtypischen Erzählformen wird zwar viel geredet, wirklich durchgesetzt hat sich bislang aber erst eine: der Live-Ticker. Was vor einigen Jahren als eher schnödes Echtzeit-Protokoll begann, ist inzwischen zur hochtechnisierten Traffic-Maschine gereift. Auch abseits vom Fußballfeld.

Viele Websites mit journalistischem Anstrich profitierten während der Fußball-WM von den verkorksten Fernseh-Übertragungsrechten. (Screenshots: Heijnk)

Schon der Eröffnungstag bescherte gigantische Quoten: Als Senegal zum Auftakt der Fußball-WM 2002 Titelverteidiger Frankreich in die Knie zwang, zählte die offizielle Website des Fußball-Weltverbands FIFA bereits satte 107 Millionen Seitenabrufe, fast genau so viele PageImpressions (PI) wie News-Marktführer Spiegel.de durchschnittlich im ganzen Monat generiert.

Auch hierzulande steigerten die Site-Betreiber ihre Klickraten teilweise dramatisch, denn mit jedem Anpfiff gab es auch an den Büro-Computern kein Halten mehr. Vor allem die Auftritte der deutschen Mannschaft entluden sich in den Server-Log-Files als wahre Klick-Gewitter in heftigstem PI-Geprassel: externer LinkRP-Online etwa jubelte schon nach der ersten WM-Woche über stattliche fünf Millionen Ticker-PI (zum Vergleich: im gesamten Mai 2002 generierte RP-Online 14.539.463 PI), externer LinkBild.de verlautbarte zum Ende der Vorrunde einen Traffic-Sprung von fünf auf zehn Millionen (PI) pro Tag und Sport1 meldete zwei Tage vor dem Viertelfinale gegen die USA (19. Juni) das Überschreiten der 100-Millionen-PI-Grenze (im gesamten Mai 2002 waren es 43.209.722 PI).

Erklären lassen sich diese gewaltigen Quoten-Erfolge natürlich vor allem durch die Zugkraft des Ereignisses und durch die – für Website-Betreiber – optimalen, medialen Rahmenbedingungen: Sieben Stunden Zeitunterschied sorgten dafür, dass die Mannschaften statt zur besten Sendezeit zur fernsehproblematischen Arbeitszeit aufs Spielfeld geschickt wurden. Und obendrauf fand mehr als die Hälfte der 64 Partien für die breite Fan-Masse als Live-Bild nur im kirch-verschlüsselten Bezahlsender Premiere statt.

Um Spiele wie den Knaller zwischen England und Argentinien, die Viertelfinalschlacht zwischen Südkorea und Italien oder das deutsche Nerven-Drama gegen die USA trotzdem live erleben zu können, wichen viele Fans daher notgedrungen nicht nur in Media-Märkte oder aufs Radio aus, sondern strömten in Massen auch ins Internet. Vom verheißungsvollen 8:0-Auftakt-Kantersieg der DFB-Elf gegen Saudi-Arabien bis hin zum grandiosen Finale gegen Brasilien – per Live-Ticker konnte jeder mit dabei sein, auch ganz klammheimlich am Arbeitsplatz.

Allerdings: Live-Ticker war dabei noch lange nicht gleich Live-Ticker. So zahlreich sie für den PI-Fang zum Einsatz kamen, so unterschiedlich präsentierten sie sich in der Zugriffsschnelligkeit und der benutzten Technologie, in der Palette der angebotenen Funktionalitäten und im Sprachstil.

In Sachen Ladezeit beispielsweise stellte externer LinkHeise Online schon während der WM ein halbes Dutzend der Text-Tapeten auf den Technik-Prüfstand, streng nach den Regeln des Keynote-Leistungsindex. Das Urteil der Sekundenfuchser fiel dabei überraschend positiv aus, denn immerhin vier der sieben getesteten Ticker (Bild, Bundesliga.de, DFB, Eurosport, kicker, Sport1.de und Yahoo) verkrafteten den unverhofften Durchmarsch der deutschen Kicker und die entsprechend dramatisch gesteigerten Zugriffszahlen anstandslos. Über den Messzeitraum zeigte sich externer LinkSport1.de mit 1,15 Sekunden am besten in Form, während Bild.de und Eurosport.de mit 40 Sekunden Ladezeit beim digitalen Laktat-Test durchfielen und regelkonform die rote Karte gezeigt bekamen.

Mindestens ebenso interessant waren aber auch die Leistungsunterschiede im Redaktionellen. Gemeinsamer formaler Nenner aller Live-Ticker-Varianten war natürlich der minutensortierte, fortlaufende Text, doch in der Dimension "Schriftsprache" war's das dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Am deutlichsten wurde das in punkto Sprachfarbe: Bei RP-Online etwa wurden zwar keine multimedialen Gimmicks geboten, dafür aber ein Live-Kommentar mit echtem Verbal-Schmackes. So wurden die WM-Tore - ganz in der erprobten, RP-typischen Bundesligaticker-Manier - nicht einfach nur protokollarisch unterkühlt verbucht, sondern emotionsgeladen und gegen jede Chatiquette im Versalsatz auf die Bildschirme geschrien. WM-Fieber pur.

Auch die Tickerschreiber bei Sport1.de, denen man in Bundesliga- und Championsleague-Spielen zuweilen eine gewisse Gelangweiltheit anmerken kann, legten zur WM in Sachen Emotikonografie deutlich zu und griffen kräftig zu Rufzeichen und Fettsatz, Buchstabenwiederhooooolungen und auf die Umstelltaste.

» weiter in Teil 2

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