| WERBEWELTEN |
25.03.2004 |
| Liebling, ich hab'
die Nachrichten gekauft! |
Von Fabian
Mohr |
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Die letzten Dämme bröckeln: In vielen Onlineangeboten
ist die Vermengung von Inhalt und Werbung inzwischen Alltag.
Für Internet-Nutzer wird es immer schwieriger, die
Trennlinie auszumachen: Wo werden Inhalte noch nach journalistischen
Standards erstellt - und ab wann ist Werbung oder PR im
Spiel?
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| Immer mehr Informationen
- aus nicht immer transparenten Quellen: Ob Online-Angebote
wirklich glaubwürdig sind, ist schwer zu entscheiden.
(Foto: Mohr) |
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Für den Buchkritiker war klar: Was er da aus den Händen
legte, war "ein seltenes Ereignis in der deutschsprachigen
Gegenwartsliteratur." Frank Schätzing habe sich
mit seinem Thriller "Der Schwarm", so das Fazit, "in
die erste Reihe großer internationaler Thriller-Autoren
geschrieben." Nicht, dass diese wohlwollende
Besprechung auf den Bücherseiten
der Netzeitung überrascht:
Sie basiert vollständig auf einem "Verlagstext" -
einem Werbetext von Kiepenheuer&Witsch.
Auf ihren Bücherseiten macht
die Netzeitung ausgiebig Gebrauch von solchen "Verlagstexten" -
und vermerkt dies erst knapp am Ende der Texte. Abgerundet
werden die Artikel mit einem Link zur entsprechenden Amazon-Verkaufsseite.
Nun wird die Welt zum Dorf: Amazon meldet ebenso "ein
seltenes Ereignis in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur." Und
sieht Frank Schätzing - der Leser ahnt es - "in
der ersten Reihe großer internationaler Thriller-Autoren".
"Ausdrücklich gekennzeichnet"
Unlauter? Mitnichten, meint die Netzeitung. Herausgeber und
Chefredakeur Michael Maier betont auf Anfrage von onlinejournalismus.de,
die verwendeten und als solche "ausdrücklich
gekennzeichneten" Verlagstexte seien "Teile des
Bücherkatalogs" der Netzeitung. Eine Trennung
zwischen journalistischen und werblichen Inhalten sei damit "klar
gegeben". Somit laufen die Bücherbesprechungen
aus Verlagsfeder für ihn nicht als journalistische
Inhalte bei der Netzeitung - sollen bei den Nutzern aber,
so hat es den Anschein, diesen Eindruck wecken.
Gestalterisch fügt sich das Bücherportal nahtlos
ins Design der Netzeitung ein, Look and Feel sind nahezu
identisch mit Voice
of Germany, der
Kultur-Rubrik der Netzeitung. Die Buchbesprechungen
werden zudem wie gewöhnliche Artikel mit Teasern beworben.
Alles andere als Werbetexte ließ auch die Pressemeldung zum Start des Bücherportals erwarten: Man werde "fortlaufend
neue Bücher durch redaktionell ausgewählte Lektüre-Empfehlungen
aus allen wichtigen Buch-Sachbereichen" vorstellen.
Netz-Werte im Niedergang
Was bei gedruckten Qualitätspublikationen noch für
einen mittelschweren Skandal sorgen würde - eine Literatur-Rubrik,
die Verlags-PR 1:1 ins Blatt hebt - ist im Netz inzwischen
salonfähig. Doch welche Folgen hat die konsequente Vermischung
von Content und Commerce für die Glaubwürdigkeit?
Das Urvertrauen von Lesern, Zuschauern und Zuhörern
in ihr Medium basiert auf der manchmal naiven Annahme, unverfälscht
informiert zu werden; ohne Fallstricke, ohne verkappte PR,
mit einem Wort: koscher. Beispiele aus der schönen,
neuen Netzwelt belegen aber: Vertrauenswürdigkeit hat
keine Priorität mehr.
Ein besonders krasser Fall: Die Rubrik Soll
und Haben im Online-Angebot von
n-tv. Verpackt im Gewand einer service-orientierten
Rubrik für Finanzthemen wird klassische Schleichwerbung
für Sparkassen-Produkte an den User gebracht. Tückisch:
Der auffällige Teaserkasten auf n-tv
Wirtschaft lässt nirgends
erahnen, dass hinter ihm Inhalte liegen, die nicht mehr vom
Nachrichtensender verantwortet werden,
sondern von der Sparkassen-Finanzportal GmbH. Die leistet
ganze Arbeit: Ob Immobilienportal, Online-Banking oder Börsenspiel:
Wenn's um Geld geht, natürlich - und nichts als -
Sparkasse.
Sender-Logos über der Werbe-Insel
Sogar die Domain wechselt der arglose
Internet-Nutzer: Statt auf n-tv.de surft er inzwischen über
sollundhaben.sparkasse.de - wohl ohne es überhaupt zu
merken. Denn gestalterisch sind die Seiten von Soll und Haben
passgenau ins Layout
von n-tv.de integriert, tragen die Logos von n-tv wie CNN
und sind ausweislich der Hauptnavigation Teil der der Rubrik "Wirtschaft & Börse".
Der Dienstleister nachrichtenmanufaktur
GmbH - seit 1. Januar für das Online-Angebot von n-tv
zuständig
- ließ die Bitte um eine Stellungnahme unbeantwortet.
Etwas subtiler als plumpe Schleichwerbung und im Trend:
Ein gekaufter Platz in der Navigation. Neben klassischen
Sub-Rubriken wie "Börse" oder "Fonds" platziert,
nisten sich etwa bei Spiegel Online die Pioneer
News in der Wirtschaft ein.
Formal wird mit offenen Karten gespielt: Über der
Pioneer-Seite steht, wenn auch nicht in Großschrift,
das Wort "Anzeige".
Doch gestalterisch werden keine erkennbaren Anstrengungen
unternommen, die Werbetexte von der Anmutung der regulären
Wirtschaftsseiten abzusetzen - ebenso bei den Volkswagen
News in der Auto-Rubrik. Anzumerken ist: Beim gedruckten
Spiegel würde wohl schon der Vorschlag, die Wirtschaft
um eine gekaufte Unterrubrik zu erweitern, für offene
Meuterei sorgen.
Jeder Lobby ihre Rubrik
Noch eine Spur forscher geht die Netzeitung
bei der Vermarktung von Rubriken ans Werk. Die "Initiative
Neue Soziale Marktwirtschaft" - getragen von den Arbeitgeberverbänden
der Metall- und Elektroindustrie - ist "freundlicher
Unterstützer" der Rubrik Visionen
für
Deutschland; die Rubrik Der
neue Arbeitsmarkt hat "TeamArbeit für Deutschland" im
Rücken - dahinter verbirgt sich wiederum das Bundesministerium
für Wirtschaft und Arbeit. Michael Maier versichert,
dass die Netzeitung auch dort "selbstverständlich
kritisch" berichte; über das Desaster bei der
Nürnberger Bundesagentur habe "kaum ein Medium
so umfassend und kritisch geschrieben".
Ein Blick über den öffentlich-rechtlichen Zaun
macht klar: Es ist dies kein Problem allein der rein werbefinanzierten
Medien. Schon 1997 sorgte ZDF.MSNBC, der gemeinsame Nachrichtenkanal
des Zweiten Deutschen Fernsehens mit MSNBC, einem Joint-Venture
zwischen NBC und Microsoft, für heftige Debatten.
"Rechtlicher Grenzfall"
Inzwischen hat das ZDF
den Partner gewechselt, die Online-Nachrichten firmieren
als heute.t-online.de - doch die Kritik an der millionenschweren Liaison mit
einem Werbepartner ist nicht verstummt. Auch im öffentlich-rechlichen
Lager: Jörg
Sadrozinski, Chef von tagesschau.de, hält das
Modell für "problematisch" und
einen "rechtlichen Grenzfall".
Doch kann man von Internet-Angeboten, die ihre Kosten selber
einspielen müssen, erwarten, dass sie ein Ohr für
solche Zwischenrufe haben? Seien wir realistisch: Sponsorships
werden in naher Zukunft eine Dimension erreichen, die wir
vor kurzem noch für Satire gehalten hätten. Online
bleibt - leider - ein Hinterhof des Journalismus.
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