onlinejournalismus.de - Das Magazin zum Thema
Newsletter
eintragen
austragen
  Archiv | Infos
Suchen
"UND"
"ODER"
Blogs!
Rezension
Surftipp
Seite besuchen
WEBLOGS 19.01.2004
Wenn Untertanen zu persönlich werden
Von Email an Benedikt Tüshaus sendenBenedikt Tüshaus Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Weblogs, was immer man darunter verstehen mag, sind vor allem eines: demokratisch. In Iran, wo nicht annähernd einmal ein Promille der Bevölkerung einen Internet-Anschluss hat, spielen Weblogs eine wichtige Rolle: Sie bündeln weltweite Aufmerksamkeit. Der Führung des Landes gefällt das nicht.

"Weblogs in Iran sind ein dezentrales Netzwerk der freien Information", bemerkte etwa Hossein Derakhshan, ein iranischer Blogger. (Foto: Mischel)

"Es regnet und es scheint so, als würde es bald auch ein bisschen schneien. Eine großartige Zeit zum Schreiben!" Und sie schreibt, wann immer sie kann. externer LinkNotes of an Iranian girl ist eines von Tausenden iranischen Netz-Tagebüchern, so genannten Weblogs. Und es ist eines der wenigen in englischer Sprache. Die Studentin veröffentlicht unter dem Pseudonym "Iranian girl" ihre Gedanken über die nächste Prüfung, und über die Atompolitik ihres Landes. Sie schreibt vom Ende des Ramadan und wie neulich Polizisten bei einer Demonstration Studenten verprügelten. Sie schreibt auch von der Pressefreiheit in ihrem Land, die von der Regierung mehr und mehr eingeschränkt wird.

Informationsminister räumt Sperrung von Seiten ein

"Zurzeit kann man nicht auf die wichtigsten politischen Websites oder bekanntesten Weblogs zugreifen", externer Linkmeldet "Iranian girl" am 5. Dezember 2003. Nach den Zeitungen hat die Zensur in Iran auch das Internet erreicht. Die zunehmende Zahl der Blogs wird von der iranischen Regierung nur ungern gesehen.

Nicht erst beim Weltinformationsgipfel in Genf Anfang Dezember wurde Irans Informationsminister Ahmad Motamedi mit dem Vorwurf konfrontiert, mehrere Tausend Webseiten, darunter auch politische Tagebücher, gesperrt haben zu lassen. "Nur pornographische und unethische Seiten" wurden geschlossen, erklärte daraufhin Motamedi am Rande der Mammutveranstaltung. Darunter fielen 240 anti-religiöse Seiten, so der Iraner. "Wenn sie aber politisch sind, kombiniert mit anti-religiösen Inhalten, blocken wir sie auch", räumte er auf Nachfragen ein. Wie er sich die zunehmende Zahl gesperrter Seiten erklären könne? "Technische Probleme gibt es immer", er wisse aber nicht, warum sie zuletzt häufiger vorkamen. "Manchmal passieren Fehler."

Iranische Weblogger nutzten den Genfer Gipfel, um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die umstrittene Zensur-Praxis ihrer Regierung zu lenken. Laut BBC News stünden die Internet Service-Provider selbst zwar nicht unter staatlicher Kontrolle, doch würden sie durch die Androhung harter Bestrafung davon abgehalten, eine der gesperrten Websites zugänglich zu machen. Zudem versuche Teheran, den Markt mehr und mehr zu konsolidieren, um die Zahl der Anbieter zu reduzieren. "Weblogs in Iran sind ein dezentrales Netzwerk der freien Information – das ist der Grund, warum die Politiker sie nicht besonders mögen", bemerkte etwa externer LinkHossein Derakhshan, ein iranischer Blogger, der mittlerweile im Ausland lebt.

Weblogs keine Alternative zur traditionellen Presse

In Iran bloggen "Leute der gehobenen, intelligenten Schicht", erklärt Jo Groebel, Direktor des externer LinkEuropäischen Medieninstitutes. Unter Studenten seien die Webtagebücher sehr verbreitet. "Weblogging ist für die Identitätsbildung und die Freiheit des Gedankens sehr wichtig", unterstreicht er die Bedeutung des Internets für das Land. Groebel warnt allerdings davor, die Tagebücher als eine ernst zu nehmende Alternative zur traditionellen Presselandschaft zu verstehen. Die Wirkung der Weblogs entfalte sich eher dadurch, dass die Blogger und ihre Leser ihrerseits die Meinungen weitergeben. Ihre Zahl sei aber verhältnismäßig gering.

Erst die Steinigung. Nun die Zensur?

Die iranischen Blogger begreifen das Internet vor allem international als Chance. Daher stellen einige ihre Gedanken in Englisch oder anderen westlichen Sprachen ins Netz. Die EU könne in dieser Angelegenheit eine wichtige Rolle spielen, sagte der Iraner Derakhshan gegenüber den BBC News. "Der Druck der EU hat Iran damals gezwungen, das Steinigungsgesetz außer Kraft zu setzen, und vielleicht ist dies auch bei der Internet-Zensur möglich".

"Wie auch immer", schreibt "Iranian girl" am ersten Geburtstag ihres Weblogs, "es scheint so, als seien diese einfachen Webseiten, geschrieben von einfachen Leuten, mittlerweile zu einem großen Ärgernis für die Regierung geworden." Auch bei ihr ist einer der Gründe, warum sie mit dem Blog angefangen habe, die geringe Zahl der iranischen Weblogs in englischer Sprache gewesen. "Doch die Zeiten haben sich geändert."

Dieser Artikel ist zuerst erschienen bei der externer Linktagesschau.de. Mit freundlicher Genehmigung.

Texts for Teaching
Mindy McAdams nimmt im Online Journalism Review neun
englischsprachige Lehrbücher für den Online-Journalismus unter die Lupe. Sie ist
Professorin an der University of Florida.
lesen
Dossiers
Barrierefrei? New-Media-Buzzword oder staatlich verordnetes Nischenthema für Sozialfuzzis? Hier erfahren Sie alles Wissenswerte zum Thema.
zum Dossier
Studierende des Darmstädter Studiengangs "Online-Journalismus" haben ein umfangreiches Dossier rund um Weblogs und Journalismus zusammengestellt.
zum Dossier
Aus den Ressorts
Webwatch: Relaunch bei MSNBC.com - Aus alten Fehlern lernen
Praxis: Ressourcen für Journalisten - Alle Links zum Rest der Welt
Aus- und Fortbildung: Bestandsaufnahme - Ausbildung für den Online- Journalismus im Jahr 2003
Forschung: Delphi- Studie bringt prozentgenaue Prognose zum Online- Publishing
Buchtipps: Videojournalismus - Die digitale Revolution?
 
 

nach oben