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JOURNALISTEN-WEBLOGS 10.09.2003
I bLog, You bLog, We bLog? Web Log!
Von Email an Thomas Mrazek sendenThomas Mrazek | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Mit Online-Tagebüchern pflegen Journalisten Kontakt zu Publikum und Kollegen. Geld verdienen lässt sich damit zwar kaum, doch man kann sich einen Namen machen.

Betreiber von Weblogs dokumentieren die Fundstücke ihrer Surftouren durch das Web, indem sie kurze kommentierende Einträge schreiben und via Hyperlink auf die Fundstelle verweisen. Andere User können - je nach Weblog - auch ihren Senf dazugeben. (Screenshot: Mischel)

Im Internet werden auch gebildete Menschen manchmal sehr direkt: "Das ist ja wohl für'n Arsch," schreibt Konstantin Klein so unverblümt wie zutreffend auf seiner Website [externer Link]The Big Very Orange, "mein Lieblings-Krawallsender berichtet, dass nach dem Silicone Breast Enhancement jetzt das Buttock Enhancement in Mode kommt. Sprich: Silikon-Implantate für Leute ohne Arsch in der Hose. Kann man sich sein Geld doch gleich in denselben schieben." Mit derlei Sottisen unterhält Klein, der sein Geld als freier Korrespondent für Deutsche Welle und ARD in Washington verdient, eine Fangemeinde beiderseits des Atlantiks, darunter nicht wenige Kollegen.

Klein ist ein Blogger, Die sehr große Orange ist sein Blog. Blogs – Kurzform von WebLogs - sind eine Melange aus Tagebuch, Forum, Newsticker und Linksammlung. In meist knappen Sätzen liefern die Blogger Querverweise oder Einschätzungen zu interessanten, merkwürdigen Erscheinungen der Zeit. Sie palavern über Gott, die Welt oder die eigene Befindlichkeit, diskutieren politische oder wissenschaftliche Themen. Die journalistischen Profis unter den Bloggern können sich jenseits redaktioneller Normen und Zwänge austoben, ihren Gedanken freien Lauf lassen, sich dem Publikum mal ganz anders mitteilen.

Der dernier cri im Internet sind Weblogs nicht. Matt Drudge, der mit seinem [externer Link]Drudge Report anno 1996 Bill Clintons Affäre mit Monica Lewinsky publik machte, gilt als einer der Urväter des Genres. Mittlerweile bloggen in den USA bereits drei Millionen Hobby-Publizisten. Während des Irak-Kriegs entstanden zahllose Netztagebücher, die ungefiltert die aktuellen Ereignisse reflektierten. Manche dieser Produktionen aus der Subkultur des Netzes erreichte beachtliche Zugriffszahlen. So informierten sich beim "War-Blog" [externer Link]Command Post täglich bis zu 100.000 Besucher.

Sinnvolles Marketinginstrument

Von solcher Popularität sind die etwa 7.000 Blogger im deutschen Sprachraum weit entfernt. Klaus Eck ist einer von ihnen. Der Münchner Journalist hat im Frühjahr sein [externer Link]Eck.Punkte.log eröffnet. Eck, der sich hauptberuflich auf "Content Business sowie Online-Perspektiven und Meinungen zur Web-Welt" spezialisiert hat, dokumentiert und kommentiert laufend aktuelle Entwicklungen aus seinem Themenbereich. Seine Leser geben ab und zu ihre Meinungen zu Ecks Beiträgen ab. "Ich erhalte dadurch wichtiges Feedback für meine Arbeit, das Web redigiert mich praktisch", erklärt Eck. "Damit kann kein anderes Medium konkurrieren."

Der Aufwand hält sich in Grenzen. Klaus Eck nutzt für seine Inhalte ein (noch) kostenloses Angebot des Hamburger Anbieters [externer Link]20six. Auf dessen Server ein Blog einzurichten, dauert nur zwei Minuten. Eck ist begeistert: "Mit dem Blog erziele ich eine größere Resonanz als über eine Homepage. Je interessanter du schreibst, desto mehr Menschen nehmen dich wahr." Seine Gäste können sich vollautomatisch jede Aktualisierung seines Angebotes melden lassen. Ecks Vorauswahl erspart ihnen den Besuch einer Vielzahl von Seiten; wenn sie ein Beitrag interessiert, wählen sie von den Eck.Punkten aus die jeweilige Seite an.

Wichtig ist für Eck auch die Archivfunktion: "Das Blog ist für mich eine Art 'Steinbruch' meiner Arbeit. Hier lagern rund 350 Häppchen, auf die ich sofort zugreifen kann." Geld verdienen lässt sich mit dem Bloggen noch nicht. Im Juni [externer Link]berichtete die Netzeitung zwar über einen Londoner Journalisten, dessen Fachangebot [externer Link]paidcontent.org ihm über Werbeeinnahmen den Lebensunterhalt finanziert. Doch das ist bisher die Ausnahme. "Man kann sich einen Namen machen", das ist im Moment für Eck der Punkt.

Blogs als Recherche-Instrument

Die Münchner Journalistin [externer Link]Katja Riefler ist beim Bloggen nicht auf sich allein gestellt. Sie berät Medienunternehmen und beschäftigt sich seit 1994 mit Online-Diensten. Seit 2001 schreibt sie in einem [externer Link]Gruppen-Weblog des Poynter Institute for Media Studies in St. Petersburg/Florida. Hier diskutieren rund 20 Experten aus aller Welt über Aspekte des Online-Publizierens. In kurzen Beiträgen teilen sie ihre Meinung zu aktuellen Themen aus ihrem Fachgebiet mit. Oft setzen sie Links zu externen Quellen oder bereits publizierten Artikeln. "Ich erhalte wichtige Anregungen von außen", sagt Riefler. "Das Blog trägt zur Vernetzung bei". Die aktive Teilnahme ist den Experten vorbehalten; Außenstehende können die Seite zumindest anschauen Beiträge kommentieren. "Häufig werde ich auf meine Artikel angesprochen", freut sich Riefler, die auf diesem Weg schon manche interessante Diskussion geführt hat. Auch als Recherche-Instrument hat sie Blogs schätzen gelernt: Sie stoße dort häufig auf die aktuellsten Quellen, die Themen seien von fachkundigen Autoren aufbereitet.

Anders als die Medienberaterin, die das neue Arbeitswerkzeug im kleinen Kreis der Spezialisten nutzt, bloggen zahlreiche Journalisten in den angelsächsischen Ländern bereits für ihr Publikum. So serviert der amerikanische Polit-Kolumnist [externer Link]Andrew Sullivan, ehemals Chefredakteur der New Republic und Autor des New York Times Magazine, seinen Lesern den Daily Dish. Die Redaktion des britischen Guardian gibt ihren Lesern bloggend Einblick in das [externer Link]Beste aus der Tagesproduktion der englischsprachigen Weltpresse.

Hierzulande ist die Kunde zu Rieflers Bedauern noch nicht angekommen: "Als Marketinginstrument unterschätzen die deutschen Medien Weblogs völlig." Die Netzeitung hat es zumindest versucht. Sie bot im Frühling ihrer Zielgruppe Gelegenheit, [externer Link]selbst ein Netztagebuch zu schreiben. Doch die machte kaum Gebrauch davon. Jetzt liegt das Projekt auf Eis. Der vorerst letzte Eintrag stammt von Autor Ben Schwan. "Wir kommen wieder", [externer Link]steht da, aber mit einer Einschränkung: "sobald sich ein Ereignis anbietet."

Der Beitrag ist zuerst im August 2003 im [externer Link]BJV report (Ausgabe 4/2003), dem Mitgliedermagazin des Bayerischen Journalisten-Verbandes, erschienen.

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