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Mit Online-Tagebüchern pflegen Journalisten Kontakt
zu Publikum und Kollegen. Geld verdienen lässt sich damit
zwar kaum, doch man kann sich einen Namen machen.
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| Betreiber von Weblogs
dokumentieren die Fundstücke ihrer Surftouren
durch das Web, indem sie kurze kommentierende Einträge
schreiben und via Hyperlink auf die Fundstelle verweisen.
Andere User können - je nach Weblog - auch
ihren Senf dazugeben. (Screenshot: Mischel) |
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Im Internet werden auch gebildete Menschen manchmal sehr
direkt: "Das ist ja wohl für'n Arsch," schreibt
Konstantin Klein so unverblümt wie zutreffend auf seiner
Website The
Big Very Orange, "mein Lieblings-Krawallsender berichtet,
dass nach dem Silicone Breast Enhancement jetzt das Buttock
Enhancement in Mode kommt. Sprich: Silikon-Implantate für
Leute ohne Arsch in der Hose. Kann man sich sein Geld doch
gleich in denselben schieben." Mit derlei Sottisen unterhält
Klein, der sein Geld als freier Korrespondent für Deutsche
Welle und ARD in Washington verdient, eine Fangemeinde beiderseits
des Atlantiks, darunter nicht wenige Kollegen.
Klein ist ein Blogger, Die sehr große Orange
ist sein Blog. Blogs – Kurzform von WebLogs - sind eine
Melange aus Tagebuch, Forum, Newsticker und Linksammlung.
In meist knappen Sätzen liefern die Blogger Querverweise
oder Einschätzungen zu interessanten, merkwürdigen
Erscheinungen der Zeit. Sie palavern über Gott, die Welt
oder die eigene Befindlichkeit, diskutieren politische oder
wissenschaftliche Themen. Die journalistischen Profis unter
den Bloggern können sich jenseits redaktioneller Normen
und Zwänge austoben, ihren Gedanken freien Lauf lassen,
sich dem Publikum mal ganz anders mitteilen.
Der dernier cri im Internet sind Weblogs nicht. Matt Drudge,
der mit seinem Drudge
Report anno 1996 Bill Clintons Affäre mit Monica
Lewinsky publik machte, gilt als einer der Urväter des
Genres. Mittlerweile bloggen in den USA bereits drei Millionen
Hobby-Publizisten. Während des Irak-Kriegs entstanden
zahllose Netztagebücher, die ungefiltert die aktuellen
Ereignisse reflektierten. Manche dieser Produktionen aus der
Subkultur des Netzes erreichte beachtliche Zugriffszahlen.
So informierten sich beim "War-Blog" Command
Post täglich bis zu 100.000 Besucher.
Sinnvolles Marketinginstrument
Von solcher Popularität sind die etwa 7.000 Blogger
im deutschen Sprachraum weit entfernt. Klaus Eck ist einer
von ihnen. Der Münchner Journalist hat im Frühjahr
sein Eck.Punkte.log
eröffnet. Eck, der sich hauptberuflich auf "Content
Business sowie Online-Perspektiven und Meinungen zur Web-Welt"
spezialisiert hat, dokumentiert und kommentiert laufend aktuelle
Entwicklungen aus seinem Themenbereich. Seine Leser geben
ab und zu ihre Meinungen zu Ecks Beiträgen ab. "Ich
erhalte dadurch wichtiges Feedback für meine Arbeit,
das Web redigiert mich praktisch", erklärt Eck.
"Damit kann kein anderes Medium konkurrieren."
Der Aufwand hält sich in Grenzen. Klaus Eck nutzt für
seine Inhalte ein (noch) kostenloses Angebot des Hamburger
Anbieters 20six.
Auf dessen Server ein Blog einzurichten, dauert nur zwei Minuten.
Eck ist begeistert: "Mit dem Blog erziele ich eine größere
Resonanz als über eine Homepage. Je interessanter du
schreibst, desto mehr Menschen nehmen dich wahr." Seine
Gäste können sich vollautomatisch jede Aktualisierung
seines Angebotes melden lassen. Ecks Vorauswahl erspart ihnen
den Besuch einer Vielzahl von Seiten; wenn sie ein Beitrag
interessiert, wählen sie von den Eck.Punkten aus die
jeweilige Seite an.
Wichtig ist für Eck auch die Archivfunktion: "Das
Blog ist für mich eine Art 'Steinbruch' meiner Arbeit.
Hier lagern rund 350 Häppchen, auf die ich sofort zugreifen
kann." Geld verdienen lässt sich mit dem Bloggen
noch nicht. Im Juni berichtete
die Netzeitung zwar über einen Londoner Journalisten,
dessen Fachangebot paidcontent.org
ihm über Werbeeinnahmen den Lebensunterhalt finanziert.
Doch das ist bisher die Ausnahme. "Man kann sich einen
Namen machen", das ist im Moment für Eck der Punkt.
Blogs als Recherche-Instrument
Die Münchner Journalistin Katja
Riefler ist beim Bloggen nicht auf sich allein gestellt.
Sie berät Medienunternehmen und beschäftigt sich
seit 1994 mit Online-Diensten. Seit 2001 schreibt sie in einem
Gruppen-Weblog
des Poynter Institute for Media Studies in St. Petersburg/Florida.
Hier diskutieren rund 20 Experten aus aller Welt über
Aspekte des Online-Publizierens. In kurzen Beiträgen
teilen sie ihre Meinung zu aktuellen Themen aus ihrem Fachgebiet
mit. Oft setzen sie Links zu externen Quellen oder bereits
publizierten Artikeln. "Ich erhalte wichtige Anregungen
von außen", sagt Riefler. "Das Blog trägt
zur Vernetzung bei". Die aktive Teilnahme ist den Experten
vorbehalten; Außenstehende können die Seite zumindest
anschauen Beiträge kommentieren. "Häufig werde
ich auf meine Artikel angesprochen", freut sich Riefler,
die auf diesem Weg schon manche interessante Diskussion geführt
hat. Auch als Recherche-Instrument hat sie Blogs schätzen
gelernt: Sie stoße dort häufig auf die aktuellsten
Quellen, die Themen seien von fachkundigen Autoren aufbereitet.
Anders als die Medienberaterin, die das neue Arbeitswerkzeug
im kleinen Kreis der Spezialisten nutzt, bloggen zahlreiche
Journalisten in den angelsächsischen Ländern bereits
für ihr Publikum. So serviert der amerikanische Polit-Kolumnist
Andrew
Sullivan, ehemals Chefredakteur der New Republic und Autor
des New York Times Magazine, seinen Lesern den Daily Dish.
Die Redaktion des britischen Guardian gibt ihren Lesern bloggend
Einblick in das Beste
aus der Tagesproduktion der englischsprachigen Weltpresse.
Hierzulande ist die Kunde zu Rieflers Bedauern noch nicht
angekommen: "Als Marketinginstrument unterschätzen
die deutschen Medien Weblogs völlig." Die Netzeitung
hat es zumindest versucht. Sie bot im Frühling ihrer
Zielgruppe Gelegenheit, selbst
ein Netztagebuch zu schreiben. Doch die machte kaum Gebrauch
davon. Jetzt liegt das Projekt auf Eis. Der vorerst letzte
Eintrag stammt von Autor Ben Schwan. "Wir kommen wieder",
steht
da, aber mit einer Einschränkung: "sobald sich
ein Ereignis anbietet."
Der Beitrag ist zuerst im August 2003 im BJV
report (Ausgabe 4/2003), dem Mitgliedermagazin des Bayerischen
Journalisten-Verbandes, erschienen. |