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Sind wir alle Journalisten?
Der Medienwissenschaftler John Hartley von der australischen
University Queensland hat im Juli 2004 auf einer internationalen
Tagung in Erfurt die These vertreten, dass im Internet jeder
ein Journalist ist ("everyone is a journalist")
und dass wir uns auf dem Weg in eine "redaktionelle Gesellschaft"
("’redactional’ society") befinden.
Diese Vorstellung ist naiv, weil sie den Journalismus auf
den schlichten Vorgang des Veröffentlichens reduziert
und seine spezifischen Leistungen ignoriert oder sie als in
jedem Fall gegeben unterstellt, sobald sich nur jemand öffentlich
zu Wort meldet.
Einen realistischeren Blick auf das Internet hat Hans Magnus
Enzensberger in seinem Essay "Das digitale Evangelium"
geworfen. Darin hat er von der eigenen utopischen Hoffnung
Abschied genommen, dass neue Medien mit einem Rückkanal
schon ihrer Struktur nach emanzipatorisch wirken: "Das
interaktive Medium ist weder Fluch noch Segen; es bildet schlicht
und einfach die Geistesverfassung seiner Teilnehmer ab."
Entscheidend ist nicht das technische Potenzial, sondern der
Gebrauch eines Mediums.
Nur wenig von dem, was im Internet publiziert wird, wird
journalistischen Ansprüchen gerecht. Von den Kritikern
werden vor allem zwei Einwände dagegen vorgetragen, dass
auch Laien einen wesentlichen Beitrag zur öffentlichen
Kommunikation leisten können.
Viele Augen sehen mehr, viele Köpfe wissen mehr
Einwand Nummer 1: Redaktionen von Presse und Rundfunk können
kontinuierlich recherchieren und berichten. Dazu sind Laien
in ihrer Freizeit nicht in der Lage. Dem lässt sich entgegen
halten: Durch die Vielzahl der Nutzer, die ihr Wissen in den
Communities teilen, wird dieser Nachteil wettgemacht. Je mehr
Teilnehmer mitmachen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit,
dass irgendjemand Experte für ein Thema ist oder zur
richtigen Zeit am richtigen Ort war – wie "Salam
Pax" und einige andere
Warblogger, die während des Irakkriegs 2003 vom Ort
des Geschehens berichten konnten.
Auch der US-Präsidentschaftswahlkampf 2004 liefert
Belege für diese These: Dass sich John Kerry für
John Edwards als Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten
entschied, konnte man zuerst im Forum einer Luftfahrt-Website
lesen. Dort berichtete ein Mechaniker, dass das Wahlkampf-Flugzeug
von Kerry, das in einem Hangar in Pittsburgh stand, gerade
den Schriftzug "Kerry – Edwards" bekommen
hatte. Und dass CBS-Anchorman Dan Rather auf gefälschte
Dokumente über Bushs Wehrdienstzeit hereingefallen war,
wurde in Weblogs wie Rathergate
aufgeklärt.
Das letzte Beispiel belegt auch die Wirksamkeit der „Watchdog“-Rolle
des P2P-Journalismus, der etablierte Journalisten und Medien
kritisch begleitet (wie in Deutschland der BILDBlog
die Bild-Zeitung).
Dass auch nach dem Urteil professioneller Journalisten im
Internet nicht nur Belangloses und Minderwertiges publiziert
wird, zeigt die große Bedeutung, die das Medium inzwischen
als Recherchequelle besitzt – und das nicht immer nur
zur Freude der Blogger: Als die Frankfurter Tabloidzeitung
"News" umfangreich aus Weblogs zitierte,
ohne bei den Autoren um Erlaubnis zu bitten, erntete das Blatt
heftige Kritik.
Geprüft wird nach der Veröffentlichung
Einwand Nummer 2: Die Angebote haben keine Redaktion, um
die Nachrichten und Meinungen vor ihrer Veröffentlichung
zu prüfen. Es gibt keine Qualitätssicherung, journalistische
Normen werden fortlaufend verletzt. Auch dieser Einwand lässt
sich – zumindest teilweise – entkräften:
Die Besonderheit des P2P-Journalismus besteht gerade darin,
dass die Prüfung von Informationen und Meinungen erst
nach der Publikation stattfindet: Was veröffentlicht
wird, gilt als vorläufig und unfertig, es soll infrage
gestellt und diskutiert werden. Die anderen Nutzer sind aufgerufen,
fremde Beiträge in einer offenen Diskussion oder auf
Bewertungsskalen zu kritisieren und, falls nötig, zu
korrigieren. An diesem Prüfverfahren beteiligen sich
auch andere Anbieter im Internet, vor allem in der "Blogosphäre".
Der Vorteil dieses Verfahrens besteht darin, dass die Qualitätskontrolle
transparent ist und dass der oft an die Adresse von Redaktionen
gerichtete Vorwurf, dass "hinter den Kulissen" manipuliert
werde, nicht erhoben werden kann.
Wie effektiv diese in die Öffentlichkeit verlagerte
Qualitätsprüfung ist – gemessen an journalistischen
Standards –, ist bisher noch nicht gründlich untersucht
worden. Viel dürfte davon abhängen, ob das Qualitätssicherungssystem
gute Leistungen (durch Reputation, Bonuspunkte oder erweiterte
Teilnahmemöglichkeiten) belohnt und schlechte bestraft.
Es muss die Bereitschaft gefördert werden, eigenes Wissen
mit anderen zu teilen und vorgegebene Regeln einzuhalten.
Reputation kann ein Teilnehmer z.B. nur dann erwerben, wenn
das System über ein Gedächtnis verfügt, das
seine Verdienste aus der Vergangenheit speichert und transparent
macht. Über ein ausgefeiltes System verfügt etwa
Slashdot.org.
Letztlich kommt es aber darauf an, dass die Teilnehmer fähig
und willens sind, niveauvolle Beiträge zu schreiben und
zu würdigen.
Professioneller und P2P-Journalismus ergänzen
einander
Denkbar ist das Entstehen eines Öffentlichkeitssystems,
in dem sich professioneller und P2P-Journalismus ergänzen:
Die Vorteile des professionellen Journalismus sind die hohe
Reichweite, die er über Presse und Rundfunk erreicht,
sowie die gründliche redaktionelle Prüfung. Die
Stärken des P2P-Journalismus sind die Informationsvielfalt,
der intensive Meinungsaustausch und die Schnelligkeit.
Professionelle Journalisten nutzen Blogs und Communities
als Recherchequellen. Hier finden sie Themenideen, Argumente
und Informationen aus "erster Hand", die sie weiter
verarbeiten. Dadurch können sie zusätzliche Aufmerksamkeit
auf die partizipativen Websites lenken.
Die Laienkommunikatoren im Internet filtern ihrerseits die
Medienberichterstattung, indem sie auf ausgewählte Nachrichten
linken, und sie begleiten den professionellen Journalismus
als "Media watchdogs". Der P2P-Journalismus wird
deshalb keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zum
professionellen Journalismus sein.
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