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Im Internet darf die Zeitung plötzlich so dick
sein, wie sie will. In dieser Welt der unbegrenzten Informationskanäle
müssen sich die Online-Leser erst einmal zurechtfinden.
Wenn diese dann auch noch anfangen, selbst zu veröffentlichen,
dann verschwimmen die Grenzen von professionellem und Laien-Journalismus
vollends. Oder sind wir doch alle Journalisten?
Mangelverwaltung in den klassischen Medien
Solange der Journalismus auf die klassischen Massenmedien
angewiesen war, also bis Mitte der neunziger Jahre, war redaktionelle
Arbeit Mangelverwaltung. Die Vermittlungskapazität von
Presse und Rundfunk reichte nicht aus, um jedem, der etwas
öffentlich mitteilen wollte, die Möglichkeit dazu
zu geben: Es gab nicht genügend Sendezeit und Frequenzen,
nicht ausreichend Druckseiten und publizistische Einheiten.
Der Nachrichtenstrom musste in ein Rinnsal verwandelt werden.
Diese Aufgabe wurde an Redaktionen, Verleger und Intendanten
delegiert, die bestimmten, welche Nachrichten und Meinungen
veröffentlicht wurden. Sie begleitete stets der Argwohn,
dass sie ihre mächtige "Gatekeeper"-Rolle nicht
neutral ausüben, sondern missbrauchen. Das Publikum kam
nur selten zu Wort. Wer als Leserbriefschreiber seine Gedanken
veröffentlichen wollte, war auf die Gnade der Redaktion
angewiesen, die darüber entschied, ob die eingesandten
Zeilen gedruckt wurden oder nicht. Auch die Bewegung der Alternativmedien
– aus der als bekannteste, professionellste und einflussreichste
Publikation die taz hervorging – konnte dies nicht wesentlich
verändern.
In der Medienpolitik stand nicht umsonst jahrzehntelang
die Kontrolle über den begrenzten Zugang zur Öffentlichkeit
im Mittelpunkt. Egal, ob über Pressekonzentration oder
Rundfunkregulierung diskutiert wurde, immer ging es um die
Frage, wie unter den Bedingungen der Kanalknappheit Vielfalt
und Ausgewogenheit gewährleistet werden können.
Das Nadelöhr ist im Internet an einer anderen
Stelle
Ist im Internet nun alles anders, weil es ein unschlagbar
billiges, flexibles und einfach bedienbares Publikationsmedium
ist, sodass sich praktisch jeder öffentlich zu Wort zu
melden kann? Nur scheinbar sind im Internet fast alle Hürden,
die bisher den Weg in die Öffentlichkeit versperrt haben,
beseitigt. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass auch hier
nicht jeder allen alles sagen kann und nicht jeder alles lesen
kann, was er lesen will.
Im Internet ist das Nadelöhr nicht verschwunden, sondern
nur an eine andere Stelle gerückt: von der Anbieter-
auf die Nutzerseite. Nun herrscht nicht mehr Knappheit an
Vermittlungskapazität, sondern Knappheit an Zeit und
Kompetenz der Rezipienten. Sie sind alleine mit der Aufgabe
konfrontiert, aus der Überfülle an verfügbaren
Informationen eine sinnvolle Auswahl zu treffen.
Drei Vermittlungsformen im Internet: Profession,
Partizipation, Suchalgorithmen
Der offene Zugang zum Internet wirft also zwei Folgeprobleme
auf: die Auffindbarkeit von Informationen und die Prüfung
ihrer Qualität. Auch im neuen Medium sind deshalb Vermittler
notwendig, die für die Rezipienten diese Probleme lösen.
Allerdings besitzen die professionellen Journalisten kein
Vermittlungsmonopol mehr. Stattdessen gibt es im Internet
ein Nebeneinander von drei Formen der Vermittlung öffentlicher
Kommunikation: professionelle, partizipative und technisch
gesteuerte Vermittlung.
Ihre Leistungsfähigkeit kann man jeweils danach beurteilen,
wie sie das Problem der "Informationsflut" und das
Problem des "Informationsmülls" bewältigen.
Professioneller Journalismus wird vor allem von den klassischen
Medien im Internet betrieben und nur von sehr wenigen reinen
Online-Anbietern wie der Netzeitung.
Wie der Presse- und Rundfunkjournalismus ist er im Wesentlichen
einseitig (also ohne oder nur mit geringem Nutzer-"Feedback")
und auf ein Massenpublikum ausgerichtet. Die Online-Journalisten
unterscheiden sich in ihrem Rollenselbstverständnis,
nach ihren Tätigkeiten und Qualifikationen kaum von den
Kollegen in anderen Medienbereichen.
Das Problem des professionellen Online-Journalismus: Er
ist teuer, weil eine Redaktion unterhalten werden muss. Da
die Nutzer selten zahlungsbereit sind und die Werbeerlöse
gering sind, ist er im Netz kaum finanzierbar. Presse und
Rundfunk begnügen sich deshalb oft mit Billigjournalismus
im Internet, mit Tickermeldungen und so genannter "Shovelware",
also Beiträgen, die vom Muttermedium übernommen
werden. Außerdem wächst die Neigung, journalistische
Inhalte als verkaufsförderndes Umfeld für Werbung
und E-Commerce zu betrachten.
Dennoch: Professioneller Journalismus ist prinzipiell ein
Garant für eine hohe Angebotsqualität. Das unterscheidet
ihn von Suchmaschinen wie Google
News und Yahoo
Nachrichten, die Nachrichten automatisch selektieren und
gewichten. Sie können große Datenmengen verarbeiten,
sind aber nicht in der Lage, deren inhaltliche Qualität
zu prüfen. Außerdem können Suchmaschinen nur
jene Beiträge auswerten und sortieren, die schon im Internet
vorhanden sind. Sie selbst steuern keinen Content bei –
anders als der Peer-to-Peer-Journalismus,
der auch partizipativer
Journalismus oder "Open
source"-Journalismus genannt wird: Hier kann jeder
schreiben, der sich dazu berufen fühlt.
Gemeint sind damit sowohl kollaborative Websites mit vielen
Teilnehmern (wie
Slashdot.org, Shortnews
oder Wikipedia)
als auch Weblogs, die nur von einzelnen Personen betrieben
werden, die aber untereinander eng vernetzt sind. Die "Blogosphäre"
ist ebenfalls eine Gemeinschaft, in der unter Gleichen und
ohne zentrale Kontrolle kommuniziert wird.
Ob Blogs und Peer-to-Peer-Communities die Bezeichnung "Journalismus"
verdienen, ist eine derzeit heiß diskutierte Frage –
etwa bei Telepolis.
Die Anbieter selbst betrachten ihr Tun als neue Art von Journalismus,
so das Ergebnis
einer Befragung. Als Vorzüge im Vergleich zum traditionellen
Journalismus sehen sie die subjektive Perspektive, die Zugänglichkeit
des Autors, die Aktualität sowie den vielfältigen
und intensiven Meinungsaustausch. Wenn ihnen Journalisten
klassischer Medien das Etikett "Journalist" absprechen,
so nicht zuletzt deshalb, weil sie damit den eigenen Beruf
vor Konkurrenz schützen wollen, stellte das Online
Journalism Review schon 1998 fest.
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in Teil 2:
Sind wir alle Journalisten?
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