| ONLINE-JOURNALISMUS
4.0 |
20.12.2004 |
| "Die Inhaltsvariante
der Open-Source-Bewegung" |
Von Fiete
Stegers | Homepage |
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Eigentlich unglaublich: Kinderleichtes Publizieren im
Netz, Interaktionsmöglichkeiten und selbst zum Reporter
werden, die elektronische Zeitung und Nachrichten für
unterwegs, Multimedia. Alles 1994 schon mal gehört – und
trotzdem jetzt Trendthemen beim Fachgespräch "Online-Journalismus
4.0". Die Experten dort hatten ihre Gründe.
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| Backpack-Journalist
Naka Nathaniel (links) war via Videokonferenz dabei.
Befragt wurde er von Markus Deggerich, der vor
einigen Monaten von Spiegel Online zum Spiegel
gewechselt ist. (Foto/Montage:
Stegers) |
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Den ganz großen Bogen spannen sollte auf der von der
Akademie
für Publizistik organisierten Veranstaltung Daryl
Lindsey, seit kurzem verantwortlich für
das englischsprachige
Angebot von Spiegel Online und zuvor bei der Deutschen
Welle und bei Salon.
Sein Vortrag: engagiert, spritzig und im Tenor ähnlich
wie die jüngste Konferenz
der Online
News Association in
den USA. Lindsey geht davon aus, dass meinungsorientierte
Weblog-Formate künftig parallel neben den klassischen
journalistischen Formen und Inhalten einen wichtigen Platz
bei Online-Medien haben – aber möglicherweise
deutlich getrennt von diesen.
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| Melanie Ruprecht
(Foto: Stegers) |
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Zeit-Online-Chefin Melanie Ruprecht erläuterte, warum
die
Zeit innerhalb
ihres Angebots stark auf Blogs setzt. Wenig überraschend:
Weil sie eine große inhaltliche
und stilistische Vielfalt erlaubten, Spielwiesen für
Promi-Autoren und Testfelder für journalistische Neulinge
bieten würden. Und insgesamt leichtere Themen bieten
als der wöchentliche Papierpacken am Donnerstag: Am
besten gelesen würde das Promi- und Lifestyle-Blog Claras
Loft. "Aber wenn
Joachim Bittner öfter Einträge schreiben würde,
wäre sein Blog über
Terrorismus ganz vorne",
sagte die Zeit-Frau. Die genauen Unterschiede zwischen Blog
und Stilform Kolumne konnte sie aber nicht auf den Punkt
bringen; der direkte Kontakt
zwischen Autor und Nutzern gehöre auf jeden Fall dazu.
Interaktivität strikes back
"Interaktion wird immer wichtiger", proklamierte
auch Daryl Lindsey. Erfolgreiche große Blogs würden – auch
wenn sie eher journalistisch als persönlich orientiert
seien und von ehemaligen Journalisten stammen wie Wonkette oder Andrew
Sullivans Blog dennoch auf direkte
User-Kommentare setzen und diese auch
einbinden.
Auch für Peer-2-Peer-Projekte wie Wikipedia oder
Wikinews aus nutzer-generierten Inhalten ohne Redaktion sieht Lindsey
eine Zukunft: "Das
ist die Inhaltsvariante der Open-Source-Bewegung. Es gibt
viele Fehler, aber insgesamt ist es schon jetzt eine ganz
gute Quelle."
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| Daryl Lindsey
(Foto: Stegers) |
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Wie etablierte Medien so etwas
einbinden können, zeigte Lindsey am Beispiel einer US-Lokalzeitung:
Diese bietet eine eigene Plattform,
auf der die Leser Berichte und Fotos von Fußballspielen
der Kinder, über Straßenfeste oder Baupläne
in der Nachbarschaft einreichen können – sprich,
Kleinkram, der aber Nutzer interessiert. Die Nutzer-Beiträge
würden nur kurz geprüft und dann von der Redaktion
freigeschaltet. Nur wenige kontroverse oder besonders wichtige
Themen übernähme die Redaktion selbst, sagte Lindsey.
Auch was Präsentation und Selektion der Inhalte angeht,
bekommen die Nutzer laut Lindsey künftig mehr Einfluss:
Sie würden Texte, Audios und Videos mehr und mehr über
RSS-Feeds und andere Push- oder Download-Dienste beziehen, während
die eigentliche Website an Bedeutung verlöre – ein
Schritt zum vielgepriesenen "Daily Me" der
Neunziger.
Kein Trend ohne gegen Gegentrend: Ihn sieht Lindsey beim
verstärkten Rückgriff auf datenbankgestützte
Inhalte. Einsetzen ließen sich das für so unterschiedliche
Zwecke wie das in Echtzeit mit umfangreichem Datenmaterial
gespeiste Tour
de France-Special von AFP oder eine Datenbank zu
Spendern und Spenden im US-Wahlkampf, die in der Tradition
des Computer
Assisted Reporting die Nutzer einerseits selbst in der Datenbank
stöbern
lässt, andererseits zentrale Ergebnisse in Artikeln
zusammenfasst.
Alternative Ausspielwege: Geld sparen und Geld verdienen
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| Christoph
Dernbach
(Foto: Stegers) |
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Christoph Dernbach, Chef von dpa-info.com, stellte das Minds-Projekt vor.
Zusammen mit Zeitungsverlagen bastelt die Nachrichtenangentur
an einer allgemeinen Plattform
für mobile Content-Dienste, die für alle Handy-Nutzer
unabhängig von ihrem Telefonprovider zugänglich
sein soll. Dernbach sah darin die "Brücke
zur nächsten Generation der Leser": Zeitungsverlage
könnten Nutzer über Handyservices zum Printprodukt
locken, indem sie auf lokale oder sportliche Inhalte setzen,
die nur sie hätten – seien es Nachrichten
vom lokalen Sportverein oder Mitmach-Aktionen nach dem Motto
"Das schönste Handy-Partyfoto von euch schafft
es in die Zeitung von morgen".
Die von Dernbach vorgestellten Anwendungsbeispiele für
Mobildiensten kamen jedoch vor allem aus Sport und Unterhaltung,
wie einige Teilnehmer der Veranstaltung kritisch anmerkten.
Ausnahme: Eilmeldungen auf Handy oder PDA. Auch hier sah
Dernbach Chancen für Crosspromotion: "Wir
können
in unserer Zeitung zwar noch nicht schreiben, wer jetzt US-Präsident
geworden ist, schicken ihnen aber gerne eine SMS dazu."
Joachim Türk, der sein E-Paper-Pionierprojekt bei der Rhein-Zeitung vorstellte strebt damit keineswegs
an, Print-Original und Website stärker
zu vernetzen. Artikel in der E-Paper-Ausgabe würden
nicht aktualisiert, sondern entsprächen auch aus IVW-Zählungsgründen
der gedruckten Version. Türk zeigte sich vor allem missvergnügt
darüber, dass die IVW-Kriterien ihn auch beim Verlinken
von Anzeigen aus der E-Paper-Ausgabe auf Werbekunden im Web
einschränkten und die E-Paper-Klicks nicht sowohl für
Print- als auch für Online-Ausgaben gezählt werden
dürften.
Das E-Paper sei mit 40.000 bis 60.000
Page-Impressions täglich
die stärkste
Einzelrubrik von rz-online. Die meisten Nutzer klickten sich
momentan zu Bürobeginn ein. Türk: "Sie lesen
weiter, was sie zu Hause nicht geschafft haben." Als
Leserforschung für die Zeitung würde die E-Paper-Nutzung
allerdings noch nicht ausgewertet.
Gut 3000 E-Paper-Abos zählt die
Rhein-Zeitung laut Türk – Intensivklicker
also, und etwa ebenso viele wie im vergangenen Jahr als Print-Abonnenten
verloren gingen. Seit der letzten Wasserstandmeldung ist
die Zahl der E-Paper-Abos also nicht deutlich gestiegen.
Türk plädierte für die – bei der RZ
nicht umgesetzte Lösung – allen Print-Abonnenten
kostenlos den Zugang zu ermöglichen.
Eyetrack-Konsequenzen und Neidfaktor Multimedia-Reporter
Weitere Referenten bei "Online-Journalismus 4.0" waren
Webdesigner Jan
Persiel, der zentrale Ergebnisse
und vorsichtige Konsequenzen aus der
Eyetrack
III-Studie über
das Nutzerverhalten auf Nachrichtenwebsites vorstellte, sowie
Naka Nathaniel, Multimedia-Reporter bei der New York Times.
Für seine aufwändigen Features mit Fotos, Audios
und Bewegtbild wird Nathaniel rund um die Welt geschickt – eine
doppelte Ausnahme für ein Online-Medium. Aber er glaubt,
dass sich das ändern könnte: Es gäbe inzwischen
immer mehr Leute, die über die entsprechenden Fähigkeiten
verfügen würden. Zeit und Kosten für die Produktion
von Multimedia-Reportagen könnte durch Templates minimiert
werden, meinte Nathaniel in einer Video-Konferenz mit Markus
Deggerich (ehemals Hauptstadtbüro von Spiegel Online).
Und: "It’s still dramatically cheaper than
sending a full television crew."
Vormerken: Über Eyetrack III und Naka Nathaniel berichtet
onlinejournalismus.de demnächst in eigenen Beiträgen. |