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ONA-KONFERENZ 2005 16.11.2005
Die “Times” ändert sich
Von Email an Holger Hank sendenHolger Hank | externer LinkHomepage  

Erfolg bei den (Anzeigen-)Kunden, nachrichtliche Großereignisse wie das Katrina-Hochwasser und vieldiskutierte Formate wie Blogs, Podcasting oder "Citizen Journalism": Die Onlineredaktionen spielen in den Business-Plänen der US-Medienmanager eine immer wichtigere Rolle. Das zeigte sich beim Branchentreff der nordamerikanischen Onlinejournalisten.

(Screenshot: ojour.de)

Wie wichtig das Internet im Konzert der Medien inzwischen ist, bewies besonders drastisch die Katrina-Katastrophe vor acht Wochen. So verlegte die "New Orleans Times-Picayune", die größte Zeitung der Stadt, notgedrungen ihre Berichterstattung komplett ins Internet. "In der Katrina-Woche hatten wir 200 Millionen Seitenabrufe", so Steven Ibanez von externer LinkNOLA.com. Die Produktion der gedruckten Zeitung musste derweil aufgrund der Evakuierung eingestellt worden, berichtete Ibanez in New York den ca. 400 Teilnehmern der Konferenz der externer Link Online News Association (ONA), dem Verband der Online-Journalisten in den USA Ende Oktober.

"Submit your Story!"

Zum festen Bestandteil der Berichterstattung bei derartigen Ereignissen gehören inzwischen Inhalte, die direkt von den Nutzern kommen. So gibt es bei NOLA.com seit Katrina eine eigene Rubrik externer Link"Tell us your story". "Dadurch ergab sich manchmal ein besserer Blick auf die Verhältnisse vor Ort als in den Berichten der eingeflogenen Reporter von den großen Medien", so Redakteur Ibanez. Vor allen Dingen Bilder sind aussagekräftig und kommen bei den Nutzern gut an. Chris Norman von externer LinkSunHerald.com, einer Website aus dem zerstörten Küstenort Biloxi, berichtete, dass ein externer LinkPhoto-Blog fast drei Mal so viele Abrufe gehabt habe wie ein textbasiertes Weblog.

 INFO: 
Der Autor Holger Hank ist Redaktionsleiter von externer LinkDW-WORLD.DE, dem Internet-Angebot der Deutschen Welle.

Überhaupt: Das Wort "Citizen Journalism" war in den Konferenz-Sälen des Manhattaner Hilton ständig zu hören. Die Bereitschaft, die Nutzer selbst berichten zu lassen, ist in den US-Onlineredaktionen gewachsen. So hat externer LinkMSNBC.com inzwischen eine eigene Redaktion für Nutzercontent eingerichtet, die von Will Femia geleitet wird. Er glaubt, dass "Citizen Journalism" sich am einfachsten in der Lokalberichterstattung einsetzen lässt. Femia wies zudem auf die praktischen Probleme hin. So werde bei MSNBC.com jeder eingereichte Bericht gegenrecherchiert und editiert. Deshalb stoße die Einbindung von Usercontent schnell an organisatorische Grenzen.

Für Robert Niles von Fachmedium externer Link Online Journalism Review (OJR) besteht bei der aktuellen Begeisterung um die Nutzerbeteiligung die Gefahr, den Sinn des Ganzen aus dem Blick zu verlieren. "Citizen Journalism" sei kein Selbstzweck, sondern: "Das Ziel ist es, gute Berichte auf die Seiten zu bekommen". Das gelte etwa auch für Wikis. Ein externer LinkWiki-Format nutzt Niles zum Beispiel um Service-Texte in der Gruppe zu erstellen. "Schreibrechte bekommen aber nur registrierte Nutzer", erklärte Niles in New York, "sonst leidet die Glaubwürdigkeit".

"News is still the news"

Die Bedeutung journalistischer Werte stellte auch Arthur Sulzberger, der Verleger der externer LinkNew York Times, in den Mittelpunkt seines Vortrags. Kein Wunder: Ist die New York Times doch derzeit regelmäßig in größere redaktionelle Skandale verwickelt (aktuell etwa in die Affäre um die mit dem Weißen Haus verbandelte Star-Reporterin Judith Miller). Mit großer Spannung waren die Äußerungen Sulzbergers zum Thema Internet erwartet worden: "Nachrichten sind nun mal Nachrichten", meinte der Verleger dazu und spielte auf ein umstrittene Entscheidung der letzten Wochen an: Die "Times“ plant, die Online- und Printredaktionen enger zusammenzuführen.

"Die New York Times macht derzeit fast alles falsch", lautete dazu die Einschätzung von Robert Cauthorn, einem der bekanntesten US-Internetverleger. Der publizistische Erfolg von Weblogs und anderer Formate zeige, dass sich Journalismus zukünftig nicht mehr nur an dem althergebrachten Kommunikationsmodell orientieren kann. Die dringend notwendigen Veränderungen bei der krisengeschüttelten New York Times würden aber nicht gefördert, sondern eher verhindert. Cauthorn: "Die New York Times hat nicht verstanden, wie sich die Medienwelt verändert".

"General excellence"

Im Kern geht es Sulzberger bei seinem kontroversen Plan wohl vor allem ums Geld: "Wir müssen neue Einnahmequellen entwickeln, um unsere 1200 Journalisten zu bezahlen", sagte Sulzberger. Geld zu verdienen wird für die US-Verleger immer schwieriger, da gerade die Jüngeren immer weniger Zeitungen und Zeitschriften lesen und stattdessen Informationen im Internet abrufen. Der Chef des externer LinkWirtschaftsmagazins Forbes, Paul Maidment, brachte es in New York so auf den Punkt: "Wenn unsere Printredakteure in der Muppetsshow auftreten würden, dann müssten sie alle Kermit sein, denn sie sind grün vor Neid auf unsere Internet-Mannschaft". Will Sulzberger also mit der Zusammenlegung verhindern, dass es den genauso stolzen wie machtbewußten Zeitungsleuten der "Times"ähnlich ergeht?

Die Juroren der renommierten externer LinkONA-Awards gaben übrigens ihre eigene Antwort auf die Diskussionen rund um die "Times". Die Onliner der New York Times hatten 2005 gleich drei Mal Grund zum Jubeln, insbesondere auch über den Preis für "general excellence".

PS: Zum ersten Mal präsentierten sich bei der ONA-Konferenz auch internationale Online-Anbieter. Guido Baumhauer (externer LinkDeutsche Welle) und Paul Brannon (externer LinkBBC) und nutzen die Gelegenheit, ein Thema anzusprechen, das die meisten US-Onliner (noch) nicht richtig auf dem Schirm haben: das mobile Internet. Die Online News Association plant jetzt, seine internationalen Aktivitäten auszubauen und hat dazu eine Arbeitsgruppe gegründet.

 

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Professorin an der University of Florida.
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