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ASYL, DATENSCHUTZ, GESUNDHEIT 07.02.2005
Auf der Suche nach dem Vernachlässigten
Von Email an Christiane Schulzki-Haddouti sendenChristiane Schulzki-Haddouti Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Die [externer Link]Jury der Initiative [externer Link]Nachrichtenaufklärung wählte zehn Themen und Nachrichten aus, die von den Medien im Jahr 2004 gar nicht oder nur vereinzelt aufgegriffen wurden - obgleich sie relevant gewesen wären.

Zehn Topthemen, auf die Journalisten im Jahr 2004 nur selten ihre Objektiv richteten. (Collage: Tüshaus)

Demokratie kann nur auf Basis eines ausgewogenen Spiels der Kräfte funktionieren. Öffentlichkeit ist hierbei ein ausgezeichnetes Mittel, dieses Spiel am Laufen zu halten. Medien, die Öffentlichkeit herstellen, werden deshalb sogar als "Vierte Macht" bezeichnet. Sie werden dann zur Macht, wenn sie nicht nur als Vermittler der öffentlichen Meinung auftreten, sondern durch ihr Agieren selbst Gesellschaft gestalten. Hauptaufgabe der Medien ist es, eine Öffentlichkeit durch Transparenz herzustellen. Je mehr relevante Informationen Bürger erhalten, desto eher sind sie in der Lage, sich eine Meinung zu bilden und mündig Entscheidungen zu treffen. Die Medien stehen damit im Dienste des öffentlichen Interesses auf Wissen und Bildung.

Christiane Schulzki-Haddouti
Ist seit 2000 Jurymitglied, seit 2002 leitet sie das Recherche-Seminar für die Initiative Nachrichtenaufklärung am Institut für Journalistik der Universität Dortmund; ab dem Sommersemester 2005 wird sie das Recherche-Seminar an der Universität Bonn leiten.
externer LinkHomepage.

Was passiert jedoch, wenn Medien ihrem Informationsauftrag nicht oder nur teilweise nachkommen? Wenn sie Themen nicht bearbeiten, weil der aktuelle Aufhänger fehlt oder gar das Personal vor Ort fehlt? Weil ein Anzeigenkunde sich an einem bestimmten Thema stören könnte oder weil ein Thema ein kulturelles Tabu brechen würde? Oder gar weil schlicht und einfach der Platz fehlt? Wichtiger Platz, der aber für Themen genutzt wird, über die bereits im Überfluss berichtet wird. Immer wieder gibt es auch Themen, deren Recherche schwierig ist, ja teilweise von Interessengruppen absichtlich erschwert, wenn nicht gar behindert wird.

Der Dortmunder Journalistikprofessor Horst Pöttker versucht mit der Initiative Nachrichtenaufklärung vernachlässigten Themen und Nachrichten auf die Spur zu kommen. Er ist davon überzeugt, dass "das Nicht-öffentlich-Werden, das Schweigen und Verschweigen für Journalisten problematischer ist als das Zuviel-Veröffentlichen von Überflüssigem oder Schädlichen." Wie aber kann man das Vernachlässigte ausfindig und öffentlich machen? Bis heute gibt es nur wenige wissenschaftliche Studien, die versuchen, eine konsequente Aussparung bestimmter Bereiche aufzuspüren. 1997 stellte etwa eine Studie ostdeutscher Medienwissenschaftler über die MDR-Programmstruktur fest, "dass im Vergleich zu den Belangen der Politiker, Unternehmer und Manager, der im Kulturleben oder im Bereich des Sports Aktiven die Belange von Ausländern, Arbeitslosen, sozial Schwachen, von Frauen und Jugendlichen und von Arbeitnehmern wenig bis sehr wenig berücksichtigt werden."

Der Klassiker: Themen rund um Asyl

Auch die Initiative Nachrichtenaufklärung stellt regelmäßig Defizite in der sozialen Berichterstattung fest: So berichten Medien über die Situation von Asylbewerbern zu wenig. Die Lage sozial schwacher, alter oder chronisch kranker Menschen ist ebenfalls ein Thema, das regelmäßig auf der Top-10-Liste der vernachlässigten Themen landet. Im Jahr 2004 waren gleich zwei Asylthemen wieder prominent vertreten.

Obgleich die Medienberichterstattung sich vernehmlich mit Politik beschäftigt, gibt es auch hier immer wieder Defizite – so werden Bürger nur selten über die Bedeutung und Funktionsweisen europäischer und internationaler Einrichtungen gründlich aufgeklärt. Militärische und geheimdienstliche Angelegenheiten werden – gemessen an ihrer gesellschaftlichen Relevanz - ebenfalls selten behandelt. Auch in diesem Jahr schaffte es ein Thema wieder in die Top-10-Liste, das sowohl die Europäische Union, als auch das Militär betrifft: "Die Europäische Militärunion". Ein weiteres europäisches Thema, das die Sicherheit von Atomkraftwerken (Die jahrelangen Auseinandersetzungen um das [externer Link]tschechische Atomkraftwerk Temelin) betrifft, wurde ebenfalls in die Liste aufgenommen.

Auch Verbraucherthemen und komplizierte technische Sachverhalte mit gesellschaftlicher Relevanz gehören zu den Dauergästen auf der Liste – diesmal sind sie ganz besonders prominent auf den Plätzen 2 bis 4 vertreten. Obgleich in diesem Jahr gleich mehrere interessante Korruptionsthemen auf der Auswahlliste der Jury standen, schaffte es keines in die Top 10. Zum einen war die Korruption in diesem Jahr kein wirklich vernachlässigtes Thema in den Medien. Zum anderen kann die Initiative nur schwer Fälle aufgreifen, deren Hintergrund nicht eindeutig feststeht. Interessierten Journalisten kann die Initiative jedoch die Fälle zur weiteren Recherche weiterreichen.

Die aktuelle Top 10 der vernachlässigten Themen finden Sie [externer Link]hier.

Hintergrund

1997 hatte der Bremer Medienwissenschaftler Peter Ludes die Initiative Nachrichtenaufklärung gegründet. Sie soll vernachlässigte Themen von allgemeinem Interesse einer breiten Öffentlichkeit kenntlich und zugänglich machen. Gleichzeitig will sie damit investigativen Journalismus fördern und unterstützen. Ein Motiv, das 2001 das Netzwerk Recherche dazu brachte, sich mit drei Mitgliedern in der Jury zu engagieren. Anders als das Netzwerk Recherche ist die Initiative jedoch kein eingetragener Verein, sondern ein loser Zusammenschluss von Einzelpersonen, der nach gemeinsam vereinbarten Regeln agiert.

Federführend wird die Initiative Nachrichtenaufklärung von Professor Horst Pöttker vom Institut für Journalistik der Universität Dortmund betreut. Ein studentisches Rechercheseminar bearbeitet über das Jahr die eingegangenen Themenvorschläge. Seit dem Wintersemester 2004 findet zusätzlich ein Rechercheseminar an der Universität Münster statt, ab dem Sommersemester 2005 wird auch das Zentrum für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Bonn die Initiative mit Rechercheleistungen unterstützen.

Erfolgreiche Themenbelebung

Die Initiative veröffentlicht jährlich eine Top-10-Liste der vernachlässigten Themen und Nachrichten. Die Wirkung der Liste auf die Medienberichterstattung lässt sich nur schwer abschätzen – wissenschaftlich wurde sie noch nicht untersucht. Gleichwohl haben einige Themen der vergangenen Jahre eine Art Belebung erfahren – so etwa 2001 die Themen [externer Link]"Monopolisierung der Trinkwasserversorgung" und "Innenminister Otto Schily behindert Informationsfreiheitsgesetz". Wünschenswert wäre, wenn einige Themen Journalisten zu weiteren Recherchen inspirieren könnten.

Erstellt wird die Top-10-Liste zu Jahresbeginn von einer Jury, die mit 13 namhaften Medien-, Sozial- und Politikwissenschaftlern sowie Journalisten besetzt ist. Sie trifft eine Auswahl der Vorschläge, die Medienschaffende, gesellschaftliche, wissenschaftliche und politische Institutionen sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger über das laufende Jahr eingereicht haben. Auf sachliche Richtigkeit und Vernachlässigung werden diese Vorschläge zuvor von Studierenden in Recherche-Seminaren überprüft. Für jeden Vorschlag erstellen sie ein detailliertes Rechercheprotokoll und gegebenenfalls einen ausführlich dokumentierten Jurybericht. 2004 prüften sie 128 Vorschläge.

Die studentischen Rechercheure nehmen zur Überprüfung Kontakt zu den Verfassern der eingereichten Vorschläge auf. Sie versuchen das Motiv des Einreichers festzustellen und weitere Quellenhinweise zu erhalten. Um den dargestellten Sachverhalt zu prüfen, sprechen sie mit Experten sowie Vertretern von Firmen und Behörden. Sie erschließen das thematische Umfeld über Pressedatenbanken und Informationsangebote im Internet. Die Studierenden prüfen auch, ob ein Thema vernachlässigt wurde.

Info
Nächster Einsendeschluss für Themen des Jahres 2005 ist der 15. November 2005

Kontakt:
Universität Dortmund
Institut für Journalistik
Prof. Dr. Horst Pöttker
44221 Dortmund
Tel.: 0231 7552827
Fax: 0231 7555583
externer LinkHomepage.

Expertennetz im Rücken

Die Qualität der Liste hängt vor allem aber von der Anzahl und Qualität der eingereichten Vorschlägen ab. Immer wieder erreichen die Initiative leider Vorschläge, die dem Einreicher zwar sehr wichtig sind, die jedoch keineswegs vernachlässigt sind. Auch gibt es hin und wieder Vorschläge, deren Sachverhalt sich gar nicht bestätigen lässt. Stoßen die Studierenden während der Recherche auf neue, vernachlässigte Themen, werden auch diese weiter überprüft. Aufmerksam auf die Initiative werden viele Einreicher durch die Veröffentlichung der Top-10-Liste in den Medien. Die Initiative pflegt aber auch zahlreiche Kontakte zu Journalisten, Experten und Nicht-Regierungsorganisationen und will diese kontinuierlich ausbauen. Letztlich kann nämlich nur ein umfassendes Expertennetzwerk hervorragende Ergebnisse liefern. In 2005 soll erstmals ein Jahrbuch der Initiative erscheinen, das die Themen, ihre Hintergründe und die Initiative genauer beleuchten soll. Möglich wird dies durch die NRZ-Stiftung, die die Initiative seit 2002 in kleinem Umfang finanziell unterstützt.

Vorbild der Initiative ist das Project Censored, das der Soziologe und Medienwissenschaftler Peter Philipps 1976 an der kalifornischen Sonoma State University gründete. Hier bewerten jährlich knapp 100 freiwillige Juroren 25 Nachrichten aus über 200 Einsendungen. Die Top-25-Liste wird in einem international bekannten Jahrbuch mit Gastbeiträgen renommierter Journalisten vorgestellt. Finanziell ist das amerikanische Projekt weit besser gestellt als sein deutsches Schwesterprojekt: Mehrere hundert Spender unterstützen "project censored", der größte Sponsor ist Anita Roddicks Body Shop.

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