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MÜNCHENS ZEITUNGEN IM WEB 03.01.2003
Dabeisein ist nicht alles (2)
Von Email an Thomas Mrazek sendenThomas Mrazek | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

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"Keine nennenswerten strategischen Ziele" verfolge die externer LinkAbendzeitung im Internet – das sagt kein missgünstiger Kritiker, sondern Geschäftsführer Christoph Mattes persönlich. Dabei heißt es auf der Website des Blattes so verheißungsvoll, die "digitale Zukunft der Zeitung für vernetzte Menschen" habe "schon heute begonnen" – dank "e-paper, dem Online-Abo der gedruckten Abendzeitung". Für fünf Euro im Monat können sich Abonnenten des Printtitels also nun die Zeitung per E-Mail ins Haus kommen lassen.

Wie der vernetzte Mensch dem Online-Kleingedruckten entnehmen kann, das auch bei Browser-Einstellung auf "sehr groß" nicht lesbarer wird, erhält er als e-Abonnent um zwei Uhr morgens ein gut sechs Megabyte schweres Datenpaket im PDF-Format: Nicht einmal zwei Stück davon, und die Standard-Mailbox bei T-Online oder AOL platzt aus den Nähten. Die Lektüre des 1:1-Zeitungslayouts am Bildschirm ist selbst für den geübten Nutzer eine zermürbende Angelegenheit – zumal die "Thumbnails" genannten Vorschaubilder (Format: 2 auf 3 Zentimeter) kaum eine Ahnung aufkeimen lassen, was denn die betreffende Seite wirklich zu bieten haben könnte.

Das e-paper habe bei der Verlagsleitung als Hoffnungsträger in der derzeitigen Misere gegolten, raunt ein Redakteur, der namentlich nicht genannt werden will. Christoph Mattes dementiert: Mit der elektronischen Ausgabe wolle man zunächst "nur Erfahrungen sammeln". Das e-paper sei unabhängig vom bestehenden Internet-Auftritt zu sehen. Der wirkt indes, als sei auch er ohne Plan erstellt worden: Es gibt fast keine originären Inhalte der Printausgabe, dafür aber seitenweise Tickermeldungen, die sich auf Tausenden anderer Internet-Seiten ebenso finden. Auch die Nutzerführung lässt zu wünschen übrig – kein Wunder, für abendzeitung.de gibt es in Mattes' Budget nur eine einzige Planstelle.

Dass ein Internet-Auftritt auch "ein Mittel sein kann, um junge Leser zu gewinnen", wie Verleger-Präsident Helmut Heinen kürzlich den Mitgliedern des BDZV zu erklären versuchte, beeindruckt den Epigonen des Münchner Zeitungspioniers Werner Friedmann wenig. "Ein aufwändigerer Auftritt würde nur fürchterlich Geld kosten, und das haben wir nicht", begründet Mattes den schlichten Auftritt. Priorität hat für den AZ-Chef, seine auf reales, analoges Papier gedruckte Zeitung billiger zu produzieren: 29 von 250 Arbeitsplätzen sollen in Kürze wegfallen; die 100-köpfige Redaktion ist mit 17 gestrichenen Stellen vom Schrumpfbeschluss deutlich überproportional betroffen.

tz-online: Fotos aus der Zeitung eingescannt

Zumindest mehr Überraschungen als die Online-Ausgabe der Abendzeitung bietet externer Linktz-online.de, der Internet-Ableger der Straßenverkaufszeitung tz. Auf der Startseite finden sich Anreißer zu ausgewählten Artikeln der Druckausgabe. Die miserable Bildqualität erklärt sich daraus, dass die Fotos einen Umweg übers Zeitungspapier nehmen: Sie werden von der fertig gedruckten Seite abgescannt. Überhaupt ist das Layout dazu angetan, die Herzen von Internet-Nostalgikern höher schlagen zu lassen: Sie können sich an ihre ersten selbst gestalteten Seiten erinnert fühlen.

Wer glaubt, dass ein Anreißer – wenn er denn schon mit einem Link versehen ist – auch zum eigentlichen Artikel führt, kennt die tz-Onliner schlecht: Zunächst muss er nochmals den Anreißertext lesen, bevor er sich dem vermeintlichen Volltext der Geschichte widmen kann. Doch schon nach wenigen Zeilen ist abrupt Schluss – und es wird klar, womit Verleger Dirk Ippen sein Geld verdient: "Lesen Sie den ausführlichen Bericht in der tz von heute." Kein schlechter Tipp, denn bei der gedruckten Zeitung ist der Leser sicher davor, dass statt eines Politikredakteurs jemand von der Technik sich am Text vergreift: Kürzlich war doch auf der Startseite tatsächlich von einem FTP-Politiker" die Rede (FTP heißt "File Transfer Protocol" und ist eine Methode zur Datenübertragung im Internet).

Dass dieses Angebot kein Aushängeschild ist, gibt Redaktionsleiter Julian Spies unumwunden zu: "Die Mängel sind bekannt." In absehbarer Zeit werde es einen völlig neuen Auftritt geben: "Wir werden uns dann auch weiter von dem Gedanken verabschieden, tz-Inhalte anzubieten." Spies befürchtet eine "Kannibalisierung" der Printausgabe: "Der erste Leser, der sagt: Ich brauche Eure Zeitung nicht mehr zu kaufen, die ist ja schon im Internet', wäre schon einer zu viel." Die künftige Internet-Präsenz der tz soll daher vor allem nutzwertige, von der Printausgabe abgekoppelte Inhalte bieten.

Als Internet-Flaggschiff des Münchner Zeitungsverlags sieht Spies, der auch für die Ippen'schen WWW-Angebote externer Linkmerkur-online.de und externer Linkmunich-online.de verantwortlich ist, die Web-Seiten der Merkur-Titel. Vor zwei Monaten wurde das Angebot komplett überarbeitet: "Seitdem registrieren wir ständig steigende Zugriffszahlen." Was nicht bedeutet, dass die Verlagsgruppe mit ihren Internet-Auftritten schwarze Zahlen schriebe. Immerhin kann von ausuferndem Personalaufwand keine Rede sein: Dreieinhalb Planstellen hat Spies für Merkur und tz, anderthalb für das Veranstaltungsmagazin munich online.

Neben der Werbung, die nach dem Einbruch im vorigen Jahr "wieder teilweise funktioniert", soll künftig die Vermarktung von Inhalten nennenswerte Einnahmen bringen. Wie dies konkret aussieht, ist noch offen. "Wir verfolgen vor allem Marketingziele – die Weiterverbreitung der Marken im Web und den Kompetenzaufbau in unserem regionalen Markt."

Der Beitrag ist zuerst im Dezember 2002 im externer LinkBJV report (Ausgabe 6/2002), dem Mitgliedermagazin des Bayerischen Journalisten-Verbandes, erschienen.

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