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Teil 1
"Keine nennenswerten strategischen Ziele" verfolge
die Abendzeitung
im Internet – das sagt kein missgünstiger Kritiker,
sondern Geschäftsführer Christoph Mattes persönlich.
Dabei heißt es auf der Website des Blattes so verheißungsvoll,
die "digitale Zukunft der Zeitung für vernetzte
Menschen" habe "schon heute begonnen" –
dank "e-paper, dem Online-Abo der gedruckten Abendzeitung".
Für fünf Euro im Monat können sich Abonnenten
des Printtitels also nun die Zeitung per E-Mail ins Haus kommen
lassen.
Wie der vernetzte Mensch dem Online-Kleingedruckten entnehmen
kann, das auch bei Browser-Einstellung auf "sehr groß"
nicht lesbarer wird, erhält er als e-Abonnent um zwei
Uhr morgens ein gut sechs Megabyte schweres Datenpaket im
PDF-Format: Nicht einmal zwei Stück davon, und die Standard-Mailbox
bei T-Online oder AOL platzt aus den Nähten. Die Lektüre
des 1:1-Zeitungslayouts am Bildschirm ist selbst für
den geübten Nutzer eine zermürbende Angelegenheit
– zumal die "Thumbnails" genannten Vorschaubilder
(Format: 2 auf 3 Zentimeter) kaum eine Ahnung aufkeimen lassen,
was denn die betreffende Seite wirklich zu bieten haben könnte.
Das e-paper habe bei der Verlagsleitung als Hoffnungsträger
in der derzeitigen Misere gegolten, raunt ein Redakteur, der
namentlich nicht genannt werden will. Christoph Mattes dementiert:
Mit der elektronischen Ausgabe wolle man zunächst "nur
Erfahrungen sammeln". Das e-paper sei unabhängig
vom bestehenden Internet-Auftritt zu sehen. Der wirkt indes,
als sei auch er ohne Plan erstellt worden: Es gibt fast keine
originären Inhalte der Printausgabe, dafür aber
seitenweise Tickermeldungen, die sich auf Tausenden anderer
Internet-Seiten ebenso finden. Auch die Nutzerführung
lässt zu wünschen übrig – kein Wunder,
für abendzeitung.de gibt es in Mattes' Budget nur eine
einzige Planstelle.
Dass ein Internet-Auftritt auch "ein Mittel sein kann,
um junge Leser zu gewinnen", wie Verleger-Präsident
Helmut Heinen kürzlich den Mitgliedern des BDZV zu erklären
versuchte, beeindruckt den Epigonen des Münchner Zeitungspioniers
Werner Friedmann wenig. "Ein aufwändigerer Auftritt
würde nur fürchterlich Geld kosten, und das haben
wir nicht", begründet Mattes den schlichten Auftritt.
Priorität hat für den AZ-Chef, seine auf reales,
analoges Papier gedruckte Zeitung billiger zu produzieren:
29 von 250 Arbeitsplätzen sollen in Kürze wegfallen;
die 100-köpfige Redaktion ist mit 17 gestrichenen Stellen
vom Schrumpfbeschluss deutlich überproportional betroffen.
tz-online: Fotos aus der Zeitung eingescannt
Zumindest mehr Überraschungen als die Online-Ausgabe
der Abendzeitung bietet tz-online.de,
der Internet-Ableger der Straßenverkaufszeitung tz.
Auf der Startseite finden sich Anreißer zu ausgewählten
Artikeln der Druckausgabe. Die miserable Bildqualität
erklärt sich daraus, dass die Fotos einen Umweg übers
Zeitungspapier nehmen: Sie werden von der fertig gedruckten
Seite abgescannt. Überhaupt ist das Layout dazu angetan,
die Herzen von Internet-Nostalgikern höher schlagen zu
lassen: Sie können sich an ihre ersten selbst gestalteten
Seiten erinnert fühlen.
Wer glaubt, dass ein Anreißer – wenn er denn schon
mit einem Link versehen ist – auch zum eigentlichen Artikel
führt, kennt die tz-Onliner schlecht: Zunächst muss
er nochmals den Anreißertext lesen, bevor er sich dem
vermeintlichen Volltext der Geschichte widmen kann. Doch schon
nach wenigen Zeilen ist abrupt Schluss – und es wird klar,
womit Verleger Dirk Ippen sein Geld verdient: "Lesen Sie
den ausführlichen Bericht in der tz von heute." Kein
schlechter Tipp, denn bei der gedruckten Zeitung ist der Leser
sicher davor, dass statt eines Politikredakteurs jemand von
der Technik sich am Text vergreift: Kürzlich war doch auf
der Startseite tatsächlich von einem FTP-Politiker"
die Rede (FTP heißt "File Transfer Protocol"
und ist eine Methode zur Datenübertragung im Internet).
Dass dieses Angebot kein Aushängeschild ist, gibt Redaktionsleiter
Julian Spies unumwunden zu: "Die Mängel sind bekannt."
In absehbarer Zeit werde es einen völlig neuen Auftritt
geben: "Wir werden uns dann auch weiter von dem Gedanken
verabschieden, tz-Inhalte anzubieten." Spies befürchtet
eine "Kannibalisierung" der Printausgabe: "Der
erste Leser, der sagt: Ich brauche Eure Zeitung nicht mehr
zu kaufen, die ist ja schon im Internet', wäre schon
einer zu viel." Die künftige Internet-Präsenz
der tz soll daher vor allem nutzwertige, von der Printausgabe
abgekoppelte Inhalte bieten.
Als Internet-Flaggschiff des Münchner Zeitungsverlags
sieht Spies, der auch für die Ippen'schen WWW-Angebote
merkur-online.de
und munich-online.de
verantwortlich ist, die Web-Seiten der Merkur-Titel. Vor zwei
Monaten wurde das Angebot komplett überarbeitet: "Seitdem
registrieren wir ständig steigende Zugriffszahlen."
Was nicht bedeutet, dass die Verlagsgruppe mit ihren Internet-Auftritten
schwarze Zahlen schriebe. Immerhin kann von ausuferndem Personalaufwand
keine Rede sein: Dreieinhalb Planstellen hat Spies für
Merkur und tz, anderthalb für das Veranstaltungsmagazin
munich online.
Neben der Werbung, die nach dem Einbruch im vorigen Jahr
"wieder teilweise funktioniert", soll künftig
die Vermarktung von Inhalten nennenswerte Einnahmen bringen.
Wie dies konkret aussieht, ist noch offen. "Wir verfolgen
vor allem Marketingziele – die Weiterverbreitung der
Marken im Web und den Kompetenzaufbau in unserem regionalen
Markt."
Der Beitrag ist zuerst im Dezember 2002 im BJV
report (Ausgabe 6/2002), dem Mitgliedermagazin des Bayerischen
Journalisten-Verbandes, erschienen.
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