| ONLINE-AUFTRITTE VON
LOKALZEITUNGEN |
30.06.2002 |
| Die Masse macht's
... wenig webgerecht |
Von Benedikt
Tüshaus |
 |
Der Artikel ist perfekt. Nur den ersten Satz noch umgestellt,
am Ende ein bisschen herumredigiert, sogar die Kollegin hat
noch einmal drüber geschaut. Jetzt endlich stehen 80
Zeilen fürs Lokale. Die Überschrift sitzt. Das Bild
passt. Ein einziger Mausklick des Redakteurs gibt den Artikel
auch für die direkte Veröffentlichung im Internet
frei. Doch oft bleibt es bei dem einen Klick. So mühsam
am Werk für die Print-Ausgabe gefeilt wurde im
Netz wirkt es wieder wie jungfräuliches Textmaterial.
Webgerechtes Aufbereiten ist bei Lokalzeitungen die Ausnahme.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Hauptsache drin,
so lautet die Motivation bei vielen Online-Redaktionen
für ihren Internet-Auftritt. Einen wirklichen
Mehrwert bieten sie nur selten. (Montage: Roman
Mischel) |
|
 |
 |
 |
 |
Echte Online-Redaktionen gibt es bei Tageszeitungen nur wenige.
Allenfalls sind einzelne Redakteure nebenher damit beauftragt,
die Internetseiten einer ganzen Region zu organisieren. "Tageszeitungen
setzen im Durchschnitt nur drei journalistische Mitarbeiter
im Onlinebereich ein", erklärt Christoph Neuberger,
Kommunikationswissenschaftler an der Universität Münster
und Spezialist für Online-Journalismus. "Dies wirkt
sich nachteilig auf den Inhalt aus." Nur selten würden
Artikel speziell für das Internet bearbeitet. "Multimedialität,
Interaktivität oder nonlineare Erzählformen sind
in vielen Online-Redaktionen der Tageszeitungen Fremdworte."
Die Strategien der Online-Tageszeitungen in Deutschland sind
so vielfältig wie ihr Erscheinungsbild. Vollautomatisch
übernimmt etwa die Koblenzer RZ-Online
(Rhein-Zeitung) die komplette aktuelle Printausgabe ins Netz.
Die e-paper, eine verlinkte Abbildung der eigentlichen Zeitung,
unterscheiden sich von herkömmlichen Lokalangeboten in
erster Linie in der Art der Navigation. Andere Redaktionen
wiederum schwören auf die Umsetzung von Hand und die
Nachbearbeitung jedes einzelnen Artikels.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Feilen am Text gehört
für Ulrich Kutsch dazu: "Ein knackiger
Einstieg und klare Absätze" machen Artikel
der Aachener Zeitung webgerecht. (Foto: selbst) |
|
 |
 |
 |
 |
"Ein knackiger Einstieg und klare Absätze"
stehen bei Ulrich Kutsch im Vordergrund, wenn er bei der Aachener
Zeitung täglich Texte fürs Web aufbereitet.
"Aufs Blatt bezogene Angaben müssen hin und wieder
geändert werden". Eine webgerechte Überschrift
macht die Überarbeitung komplett. Das Konzept aus Aachen
ist typisch für viele lokale Nachrichtenseiten. Eine
angemessene Spaltenbreite und die Gliederung des Textes in
kleine Lesehäppchen gestalten die Artikel lesefreundlich.
Lokale Fotos schmücken nur einen Teil der Artikel, meist
die aus der Hauptredaktion. Die Bilder sind nicht im Text
platziert, sondern als Link im Kleinformat am Rand. Bisweilen
stehen mehrere Fotos zur Auswahl.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| So sieht mitunter
das Ergebnis der Automatisierung aus: Textwüste
in der Internet-Ausgabe des Hellweger Anzeigers.
(Screenshot: Tüshaus) |
|
 |
 |
 |
 |
"Mit geringst möglichem Aufwand" setzen die
Macher vom Hellweger Anzeiger in Unna ihre Inhalte um. "Wir
wissen, dass wir unser Geld mit der Printausgabe verdienen",
erklärt Chefredakteur Klaus Seifert. Ein Online-Redakteur
betreut die Internetseiten, die per Redaktionssystem automatisch
"gefüttert" werden. Entsprechend kostengünstig
kommt auch das Layout daher. Im ellenlangen Fließtext
kann von Lesefluss keine Rede sein. Zu oft verspringen die
Zeilen beim Lesen, wenn das Auge in der nächsten weiterlesen
muss. Spätestens beim ersten Scrollmanöver verliert
man im engen Textfenster die Übersicht. "Wir arbeiten
daran", erklärt Seifert.
Ob weiterer Aufwand betrieben und letztlich die Zahl der
Online-Redakteure erhöht werde, hinge von der Entwicklung
der Nachfrage im Netz ab, sagt Seifert. Immerhin: Seit kurzer
Zeit zieren auch Fotos die lokale Internetausgabe des Hellweger
Anzeigers. Sehr klein geraten und lediglich auf der Titelseite
platziert, nicht aber im Artikel selbst sind die Bilder zu
finden.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Bei der Übernahme
vom Blatt ins Web müssen thematische Zusammenhänge
zwischen Artikelstrecken erhalten bleiben, mahnt
Janko Puls, Online-Chef der Frankfurter Rundschau.
(Foto: selbst) |
|
 |
 |
 |
 |
"Es ist ganz klar ein Massenproblem", bringt Janko
Puls das Dilemma der Online-Lokalredaktionen auf den Punkt.
Es fehle einfach die Zeit alles noch einmal aufzubereiten,
meint der Ressortleiter der Frankfurter
Rundschau (auch als Betreiber von Jankos Media
Monster bekannt). Sicherlich könne bei der automatischen
Übernahme der Printartikel ins Netz in punkto Gestaltung
noch einiges verbessert werden. Vor allem aber käme es
auf die Sortierung der Inhalte an. Puls: "Strecken aus
dem Blatt müssen Online zusammengehalten werden."
Das Lokale hat im Online-Auftritt der Frankfurter Rundschau,
die sich auch im Internet als Zeitung mit bundesdeutschem
Anspruch versteht, einen hohen Stellenwert. Hohe Zugriffsraten
notieren die Hessen vor allem bei komplexeren Themen, die
über einen längeren Zeitraum die Leser bewegen.
"Die Berichterstattung
zum Flughafenausbau in Frankfurt etwa wird sehr oft abgefragt."
Die überregionalen Redaktionen machen es vor. Mit zusätzlichem
Aufwand werden komplexe Themenpakete erfolgreich auch auf
lokaler Ebene geschnürt.
Dem stimmt auch Christoph Neuberger zu: "Besser wäre
es, wenn Zeitungen - neben einem tagesaktuellen Teil - langfristig
Schwerpunkte zu wichtigen lokalen Themen aufbauen und darin
Veröffentlichtes bündeln würden." Es werde
nicht gelingen, Tag für Tag in großem Umfang Exklusives
für das Internet zu schaffen. Vielmehr sollten die Lokalzeitung
online etwa ihre Archivfunktion ausschöpfen und "als
eine Art kollektives Gedächtnis für die Heimatgeschichte"
dienen. Gleiches finde auch im Lokalsport guten Nutzen.
Egal, ob die Fußballgebnisse des Heimatclubs oder das
Neueste aus dem Gemeinderathaus - Deutschlands Internetsurfer
holen sich nicht nur die Weltpolitik tagesaktuell ins Haus.
Gerade lokale Sportinformationen sind beliebt und lassen bei
Fehlern schnell die Mailboxen der Redaktionen anschwellen.
Sicherlich hapert es hier und da noch an der Bebilderung,
bisweilen an einem ansprechenden Layout, jedoch fast immer
an der personellen Situation in der Redaktion. Und so manches
niedliche <BR> in der ein oder anderen Überschrift
zeugt davon, dass der zuständige Lokal-Online-Redakteur
mal wieder etwas später als gewöhnlich Feierabend
gemacht hat.
Ins Zeug legen sollten sich die Kollegen, wenn sie ihr Publikum
halten wollen: Die einzelnen Nutzer fragten 2000 häufiger
als 1999 regionale Informationen bei Online-Zeitungen ab,
stellte die erste Längsschnittstudie zur Nutzung von
Tageszeitungsangeboten im Netz fest. Gleichzeitig warnen die
an der Studie beteiligten Medienwissenschaftler Joachim R.
Höflich und Jan Schmidt: "Die Online-Zeitung hat
tendenziell, gemessen an den sonstigen Angeboten des Internets,
an Bedeutung verloren." Auch die Online-Studie von ARD
und ZDF sah 2001 die Nachfrage nach regionalen Informationen
gegenüber anderen Angeboten des Webs ins Hintertreffen
geraten.
|