|
Die New York Times on the Web ist eines der erfolgreichsten
Internet-Nachrichtenangebote weltweit. Spiegel Online ist
deutscher Marktführer. Jetzt kooperieren die beiden.
Derzeit allerdings noch fast unsichtbar.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Tauschen Inhalte
aus: Spiegel Online und New York Times on the Web.
(Screenshots: Mischel) |
|
 |
 |
 |
 |
Der Artikel war schier endlose zwanzig Bildschirmseiten lang,
und an seinem Ende stand, dass sich ein Teil des amerikanischen
Geheimdienstes CIA mit nichts anderem beschäftigt, als
Gesetze zu brechen – "die Gesetze fremder Länder".
Die Leser der New
York Times im Internet, die bis zu diesem letzten Satz
durchgehalten hatten, werden sich gewundert haben: So deutlich
gingen kurz vor dem Irakkrieg US-amerikanische Mainstream-Publikation
eher selten mit amerikanischen Regierungsbehörden ins
Gericht.
Doch was sie hier zu sehen bekamen, stammte auch nicht aus
der Feder eines Times-Reporters, sondern vom Hamburger Spiegel.
Seit Ende Februar erscheinen in der Web-Ausgabe der New York
Times pro Woche ein bis zwei Artikel des deutschen Nachrichtenmagazins
– entweder die Titelgeschichte, oder, wie es Eric Owles,
leitender Redakteur der Internet-Times, ausdrückt, "der
wichtigste Artikel zum Irak".
Versteckt auf dritter Ebene
Von dieser Zusammenarbeit werden die meisten Leser nur erfahren
haben, wenn sie auch den E-Mail-Newsletter der NYT abonnieren.
Dort wurde die Kooperation beworben; was der Spiegel zu den
Themen der Weltpolitik zu sagen hat, erfahren die Nutzer der
Times sonst nur, wenn sie sich von der Startseite aus ins
Ressort "International", von dort weiter zu "Europa"
geklickt haben, um dann im umfangreichen Angebot die Spiegel-Artikel
aufzustöbern.
Dass die deutsch-amerikanische Kooperation dennoch nicht
ganz unbedeutend ist, zeigt die Gesellschaft, in der sich
der Spiegel befindet: Außer Artikeln der Deutschen werden
nur noch Texte aus den Online-Ausgaben der britischen BBC
und Financial Times und des amerikanischen Politikberatungsinstituts
Council on Foreign Relations veröffentlicht. Weder französische,
noch spanische oder russische Medienpartner liefern Beiträge
für das Web-Angebot der New York Times.
Auf die Frage, ob die Zusammenarbeit auch eine Reaktion
auf die Kritik ist, die nicht nur Ausländer, sondern
auch viele Amerikaner an der Amerika-zentrierten Berichterstattung
der US-Medien zum Irakkonflikt äußern, gibt sich
Owles eher doppeldeutig: "Die New York Times im Web ist
diese Verbindung eingegangen, um ihren Lesern eine Bandbreite
unterschiedlicher Perspektiven zu bieten."
Nicht ganz selbstverständlich scheint dabei, dass die
Artikel, die auf den Internetseiten der NYT erscheinen, in
Hamburg ausgewählt werden.
"Für amerikanische Augen sehr schräg"
Spiegel Online-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron
hatte im vergangenen Jahr die Kooperation mit seinem Kollegen
Martin Nisenholtz von New York Times Digital, der Multimedia-Tochter
des Zeitungsverlags, vereinbart. Man habe sich über die
Online Publishers Association kennen gelernt, eine Interessenvereinigung
einiger Internet-Nachrichtenangebote. "Irgendwann kam
die Idee von unserer Seite, weil wir oft von englischsprachigen
Lesern gefragt wurden, warum wir nicht die jeweilige Schlüsselgeschichte
zum Thema Irak aus dem Print-Spiegel in Englischer Sprache
anbieten", erzählt Müller von Blumencron. "Und
wenn es nun eine Titelgeschichte zum Irak oder den USA gibt,
dann übersetzen wir die und stellen sie bei uns ins Netz
– denn für Amerikaner, die über den Tellerrand
hinausschauen, ist es sehr interessant, die deutsche Sichtweise
vermittelt zu bekommen, die natürlich für amerikanische
Augen sehr schräg ist." Und das sind dann auch die
Artikel, die die New York Times ins eigene Angebot übernimmt.
Geld fließt nach Blumencrons Angaben dafür nicht,
aber im Austausch kann der Spiegel zwei Artikel nach Wahl
im eigenen Online-Angebot veröffentlichen. Finanziell
sei die Zusammenarbeit ohnehin ein Zuschussgeschäft,
denn um die Titelgeschichte zu übersetzen, arbeite ein
Übersetzer das ganze Wochenende. Das sei aber nicht das
Entscheidende: "Wir schauen da nicht so auf Euro und
Dollar, wir hätten es wohl auch gemacht, wenn die New
York Times uns gar nichts angeboten hätte," sagt
der Spiegel Online-Chef. "Statt dass wir einen englischsprachigen
Spiegel-Text bei Spiegel Online irgendwo verstecken, erfahren
wir dort eine Verbreitung, die wir sonst nie erreicht hätten."
All das gilt allerdings nur für Artikel aus der gedruckten
Ausgabe des Spiegel. Dass keine Beiträge aus der Internet-Ausgabe
zum Zuge kommen, ist für Müller von Blumencron geradezu
selbstverständlich. In seiner Redaktion werde nun mal
selbst bei Hintergrundstücken eher tagesaktuell gearbeitet,
das sei "etwas anderes als ein Spiegel-Portrait von Donald
Rumsfeld, geschrieben von Alexander Osang, der da eine Woche
lang schöne Sätze drechselt." Ob derart schöne
Sätze, aufwändig übersetzt, dann auch gelesen
werden, ist eine andere Frage. Spiegel-Titelgeschichten, die
schnell mal 35.000 Zeichen lang sind, sind für Online-Angebote
in jedem Fall ungewöhnlich. Zugriffszahlen liegen bisher
nicht vor.
|