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PREMIUMPARTNER 09.05.2003
In bester Gesellschaft
Von Email an Matthias Spielkamp sendenMatthias Spielkamp | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Die New York Times on the Web ist eines der erfolgreichsten Internet-Nachrichtenangebote weltweit. Spiegel Online ist deutscher Marktführer. Jetzt kooperieren die beiden. Derzeit allerdings noch fast unsichtbar.

Tauschen Inhalte aus: Spiegel Online und New York Times on the Web. (Screenshots: Mischel)

Der Artikel war schier endlose zwanzig Bildschirmseiten lang, und an seinem Ende stand, dass sich ein Teil des amerikanischen Geheimdienstes CIA mit nichts anderem beschäftigt, als Gesetze zu brechen – "die Gesetze fremder Länder". Die Leser der externer LinkNew York Times im Internet, die bis zu diesem letzten Satz durchgehalten hatten, werden sich gewundert haben: So deutlich gingen kurz vor dem Irakkrieg US-amerikanische Mainstream-Publikation eher selten mit amerikanischen Regierungsbehörden ins Gericht.

Doch was sie hier zu sehen bekamen, stammte auch nicht aus der Feder eines Times-Reporters, sondern vom Hamburger Spiegel. Seit Ende Februar erscheinen in der Web-Ausgabe der New York Times pro Woche ein bis zwei Artikel des deutschen Nachrichtenmagazins – entweder die Titelgeschichte, oder, wie es Eric Owles, leitender Redakteur der Internet-Times, ausdrückt, "der wichtigste Artikel zum Irak".

Versteckt auf dritter Ebene

Von dieser Zusammenarbeit werden die meisten Leser nur erfahren haben, wenn sie auch den E-Mail-Newsletter der NYT abonnieren. Dort wurde die Kooperation beworben; was der Spiegel zu den Themen der Weltpolitik zu sagen hat, erfahren die Nutzer der Times sonst nur, wenn sie sich von der Startseite aus ins Ressort "International", von dort weiter zu "Europa" geklickt haben, um dann im umfangreichen Angebot die Spiegel-Artikel aufzustöbern.

Dass die deutsch-amerikanische Kooperation dennoch nicht ganz unbedeutend ist, zeigt die Gesellschaft, in der sich der Spiegel befindet: Außer Artikeln der Deutschen werden nur noch Texte aus den Online-Ausgaben der britischen BBC und Financial Times und des amerikanischen Politikberatungsinstituts Council on Foreign Relations veröffentlicht. Weder französische, noch spanische oder russische Medienpartner liefern Beiträge für das Web-Angebot der New York Times.

Auf die Frage, ob die Zusammenarbeit auch eine Reaktion auf die Kritik ist, die nicht nur Ausländer, sondern auch viele Amerikaner an der Amerika-zentrierten Berichterstattung der US-Medien zum Irakkonflikt äußern, gibt sich Owles eher doppeldeutig: "Die New York Times im Web ist diese Verbindung eingegangen, um ihren Lesern eine Bandbreite unterschiedlicher Perspektiven zu bieten."
Nicht ganz selbstverständlich scheint dabei, dass die Artikel, die auf den Internetseiten der NYT erscheinen, in Hamburg ausgewählt werden.

"Für amerikanische Augen sehr schräg"

Spiegel Online-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron hatte im vergangenen Jahr die Kooperation mit seinem Kollegen Martin Nisenholtz von New York Times Digital, der Multimedia-Tochter des Zeitungsverlags, vereinbart. Man habe sich über die Online Publishers Association kennen gelernt, eine Interessenvereinigung einiger Internet-Nachrichtenangebote. "Irgendwann kam die Idee von unserer Seite, weil wir oft von englischsprachigen Lesern gefragt wurden, warum wir nicht die jeweilige Schlüsselgeschichte zum Thema Irak aus dem Print-Spiegel in Englischer Sprache anbieten", erzählt Müller von Blumencron. "Und wenn es nun eine Titelgeschichte zum Irak oder den USA gibt, dann übersetzen wir die und stellen sie bei uns ins Netz – denn für Amerikaner, die über den Tellerrand hinausschauen, ist es sehr interessant, die deutsche Sichtweise vermittelt zu bekommen, die natürlich für amerikanische Augen sehr schräg ist." Und das sind dann auch die Artikel, die die New York Times ins eigene Angebot übernimmt.

Geld fließt nach Blumencrons Angaben dafür nicht, aber im Austausch kann der Spiegel zwei Artikel nach Wahl im eigenen Online-Angebot veröffentlichen. Finanziell sei die Zusammenarbeit ohnehin ein Zuschussgeschäft, denn um die Titelgeschichte zu übersetzen, arbeite ein Übersetzer das ganze Wochenende. Das sei aber nicht das Entscheidende: "Wir schauen da nicht so auf Euro und Dollar, wir hätten es wohl auch gemacht, wenn die New York Times uns gar nichts angeboten hätte," sagt der Spiegel Online-Chef. "Statt dass wir einen englischsprachigen Spiegel-Text bei Spiegel Online irgendwo verstecken, erfahren wir dort eine Verbreitung, die wir sonst nie erreicht hätten."

All das gilt allerdings nur für Artikel aus der gedruckten Ausgabe des Spiegel. Dass keine Beiträge aus der Internet-Ausgabe zum Zuge kommen, ist für Müller von Blumencron geradezu selbstverständlich. In seiner Redaktion werde nun mal selbst bei Hintergrundstücken eher tagesaktuell gearbeitet, das sei "etwas anderes als ein Spiegel-Portrait von Donald Rumsfeld, geschrieben von Alexander Osang, der da eine Woche lang schöne Sätze drechselt." Ob derart schöne Sätze, aufwändig übersetzt, dann auch gelesen werden, ist eine andere Frage. Spiegel-Titelgeschichten, die schnell mal 35.000 Zeichen lang sind, sind für Online-Angebote in jedem Fall ungewöhnlich. Zugriffszahlen liegen bisher nicht vor.

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