| SADROZINSKI@TAGESSCHAU.DE |
03.06.2003 |
| "tagesschau.de
kann mit ihrer TV-Mutter mithalten" |
Von Roman
Mischel | Homepage |
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Jörg Sadrozinski leitet die Online-Redaktion der
tagesschau. Via E-Mail diskutierte er mit onlinejournalismus.de
über Video-Darstellungsformen im Web, die Gebührenfinanzierung
öffentlich-rechtlicher Online-Angebote und den hohen
Anspruch der journalistischen Unabhängigkeit im Internet.
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| Jörg Sadrozinski,
Jahrgang 1964, leitet seit Mitte 1998 die Online-Redaktion
der tagesschau. Zu seinem Team gehören 21 Redakteure.
(Foto: NDR) |
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Vor gut einem Monat hat Ihre Redaktion ein interaktives
Irak-Dossier veröffentlicht. Wie haben Ihre User
das denn angenommen?
Inhaltlich: das Dossier hat viel Lob geerntet - die Rückmeldungen
waren durchweg positiv, obwohl der Krieg zu diesem Zeitpunkt
ja schon vorbei war. Da sich das Videodossier jedoch mit dem
Thema Medien und Krieg beschäftigte, bleibt es aktuell.
Technisch: da für die Betrachtung des Dossiers eine
hochbandbreitige Internetverbindung und Flash
6 notwendig ist, ist die Zahl der Nutzer im Vergleich
zu unseren sonstigen Videoabrufen noch gering. Wir setzen
jedoch darauf, dass die Zahl derjenigen, die mit DSL ins Internet
gehen weiter wächst und auch diese innovative Form der
Verknüpfung von Video und Text als Möglichkeit der
Berichterstattung Zukunft hat.
Ihre Kollegen vom WDR setzen mit ihrem Streaming-Portal
auf ein ähnliches Konzept, nutzen aber die RealMedia-Technik.
Hätte man nicht unter dem Dach der ARD einen einheitlichen
Standard schaffen können?
Es geht hierbei nicht um Schaffung von ARD-Standards, sondern
um den Versuch, vorliegende Quellen (Videos) mit derzeit verfügbarer
(Internet-)Technologie aufzubereiten und aufzuwerten. Das
tagesschau.de- Video-Dossier geht über die beim WDR eingesetzte
RealMedia-Technik weit hinaus, denn Text-Informationen und
Hyperlinks können direkt von der Redaktion über
ein Content-Management-System in das Video eingearbeitet werden.
Die WDR-Online-Redaktion versucht, die Bewegtbildsprache
den Anforderungen des Webs anzupassen und verzichtet in ihren
Videos weitgehend auf Schwenks, Zooms und Aufzieher. Sie hingegen
greifen 1:1 auf das im Fernsehen ausgestrahlte Bildmaterial
zurück. Werden Sie auch in Zukunft auf Zweitverwertung
setzen?
tagesschau.de kann auch schon jetzt auf nicht (oder noch
nicht) gesendetes Material zurückgreifen, bzw. dieses
Material bearbeiten. Auch in Zukunft wird es bei dieser Frage
eher darum gehen, ob sich der Aufwand der zusätzlichen
Bearbeitung - gerade im aktuellen Bereich - lohnt. Im Nachrichtenbereich
steht ja eher die Information und nicht "die große
Kunst" im Vordergrund.
Wie sehen Sie sich denn im Hinblick auf das Nachrichtengeschäft
mit tagesschau.de im Vergleich zu den anderen großen
der Branche, wie zum Beispiel Spiegel
Online, der Netzeitung,
heute.t-online.de
oder n-tv.de,
aufgestellt?
Ich bin nicht der Meinung, dass sich diese Angebote 1:1 miteinander
vergleichen lassen. So hat zum Beispiel Spiegel Online doch
eine ganz andere Ausrichtung - mehr in Richtung General Interest
- als das überwiegend programmbezogene Nachrichtenangebot
tagesschau.de.
tagesschau.de hat allerdings durch die föderale Struktur
der ARD (regionale Berichterstattung) und die Möglichkeit,
auf Audiobeiträge zuzugreifen, ein großes Plus
gegenüber den anderen Angeboten. Deshalb sind wir ganz
gut aufgestellt.
Den öffentlich-rechtlichen Angeboten im Netz wird
ein Vorteil durch die Gebühren-Finanzierung nachgesagt.
Die Sache ist ja immer noch umstritten. Glauben Sie, wir brauchen
die Grundversorgung
wie im Rundfunk auch im Internet?
Ich halte diese Diskussion für eine Gespenster-Debatte:
Fakt ist doch, dass die ARD nur rund 0,7 Prozent der Gebühren
für ihren Online-Bereich aufwendet. Fakt ist auch, dass
das Internet als zukunftsweisender Verbreitungsweg mit einem
eigenständigen Angebot von den öffentlich-rechtlichen
Rundfunkanbietern genutzt werden muss - so die Bundesregierung
- und dies auch durch die gegenwärtige Rechtslage gedeckt
ist.
Was halten Sie denn in diesem Zusammenhang von der Partnerschaft
zwischen Heute und T-Online?
Aus journalistischer Sicht halte ich diese Zusammenarbeit
für problematisch, auch wenn die Berichterstattung bisher
keinen Anlass dazu gegeben hat - rechtlich gesehen ist es
sicher ein Grenzfall.
Das ZDF braucht einen starken technischen Partner im
Hintergrund, um kostenintensive Streaming-Angebote auf
Dauer
realisieren zu können. Wenn die ARD "nur" 0,7
Prozent der öffentlichen Gebühren für ihre
Webangebote ausgibt, jede ARD-Anstalt aber im Internet ihr
eigenes
Angebot
stemmt, werden Sie da nicht auch auf Dauer solche Partnerschaften
eingehen müssen?
Die Angebote der ARD untereinander sind sehr gut abgestimmt
- auch was Streaming anbelangt. Es ist also nicht so, dass
jede ARD-Landesrundfunkanstalt alle Programme streamt - insofern
sind derartige Partnerschaften derzeit nicht notwendig. Die
Marktentwicklung ist übrigens auch so, dass die Kosten
für Streaming sinken, also eher eine günstige Entwicklung
eingetreten ist.
Dennoch greifen viele Anbieter auf den Partner Deutsche
Telekom zurück. Das ZDF und BILD haben es vorgemacht,
n-tv.de ist mit der T-Mobile-Kooperation nachgezogen. Ist
es nicht problematisch, wenn sich hochkommerzielle Anbieter
auf journalistische Produkte konzentrieren?
Ich halte dieses Vorgehen für fragwürdig und schließe
es für tagesschau.de aus. Die Marke "tagesschau"
würde dadurch verwässert. tagesschau steht für
ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit, Objektivität
und Unabhängigkeit - all das würde bei einer derartigen
Kooperation in Frage gestellt.
Glauben Sie, tagesschau.de wird im Internet eines Tages
den selben Status erreichen wie die tagesschau um 20:00 Uhr?
Das glaube ich nicht, denn die Bedingungen sind doch sehr
verschieden. Die TV-tagesschau war über Jahrzehnte konkurrenzlos
und konnte dadurch fast schon "Kultstatus" erringen.
Der ehemalige RTL-Chef Thoma soll ja gesagt haben, dass man
die 20-Uhr-Ausgabe auch in Lateinisch und bei Kerzenschein
senden könnte und noch immer würden Millionen zusehen.
In der heutigen Zeit, in der eine Vielzahl von Medien sehr
unterschiedlich genutzt wird, kommt es darauf an, eine etablierte
Marke in vielen Ausspielwegen zu präsentieren. Wir wollen,
dass unsere Nutzer zu jeder Zeit, an jedem Ort und auf jedem
gewünschten Gerät die "tagesschau" bekommen
können. Ob das im TV, im Tele(Digi-)text, im Internet,
auf PDAs, Smartphones und Handys oder als E-Mail-Newsletter
ist, ist nicht so wichtig - Hauptsache die journalistische
Qualität der Nachrichten und Berichte stimmt. Und in
dieser Beziehung kann tagesschau.de mit der TV-Mutter mithalten.
Spiegel Online-Chefredakteur Mathias Müller von
Blumencron ist
der Auffassung, dass nur drei oder vier Nachrichtensites
in Deutschland überleben werden. Wie sehen Sie das und
wer wird das Rennen machen?
Ob es nun drei, vier, fünf oder sechs sein werden, will
ich nicht
voraussagen. Auf jeden Fall hat Herr Müller von Blumencron
wohl Recht mit
seiner Einschätzung, dass es wegen der Medienkrise zu
einer weiteren
Konzentration im Online-Nachrichtenbereich kommen wird und
nur die starken
Marken überleben werden. Und dazu gehört neben dem
"Spiegel" sicher auch
die tagesschau.
Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.
Anmerkung: Die Fragen wurden zwischen dem 30.05. und
02.06. per E-Mail gestellt. |