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STEFAN MOLL: 01.08.2001
"Auch mal vor die Türe gehen, sonst macht es keinen Spaß" (1)
Von E-Mail an Mario Oleschko sendenMario Oleschko Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Stefan Moll leitet die Online- Redaktion des Westdeutschen Rundfunks. Was den Online- Journalismus vom etablierten Journalismus unterscheidet, verrät er im Interview mit onlinejournalismus.de.

Stefan Moll leitet die Online-Redaktion des WDR. (Foto: WDR)

Was bedeutet für Sie "Onlinejournalismus"?

Der Reiz dieses Mediums liegt für mich insbesondere darin, dass ich keinerlei Beschränkungen bei Sendezeit und Verbreitungsmöglichkeit unterworfen bin. Dass ich rund um die Uhr aktualisieren kann und ein Medium habe, das sich unabhängig von Zeit und Raum nutzen lässt. Wann immer etwas passiert kann ich sofort "auf Draht" gehen. Beim Fernsehen war ich immer gezwungen, abzuwarten oder abzuwägen: Ist das noch mein Format? Passt das noch rein? Das ist im Netz nicht so.

Einschränkungen sehen Sie also keine?

Nein, eigentlich überhaupt nicht. Denn das Internet funktioniert multimedial. Es kann damit also sämtliche Stärken von Hörfunk und Fernsehen haben. Dass dies zum Teil momentan noch etwas mickrig aussieht, liegt lediglich an der Technik. Aber das ist ja ein lösbares Problem. Außerdem hat das Netz auch noch den Print- Bestandteil. Und eine vierte Komponente ist, dass sich im Netz Video- Grafiken realisieren lassen. Ich sehe also überhaupt keine Einschränkungen.

Wie unterscheidet sich Ihr jetziger Arbeitsalltag im Vergleich zu vorher?

Er nimmt mehr Zeit in Anspruch - was aber auch daran liegt, dass wir uns derzeit noch in einer Aufbauphase befinden. Letzten Endes finde ich die Arbeit zwar anstrengend, aber weniger stressig, weil es keine Sendetermine mehr gibt. Wenn man beim Fernsehen auch nur eine Minute nach dem Sendetermin fertig wird, dann ist das einfach zu spät. Alle Arbeit war vergebens. Wir haben hier in unserer Online- Redaktion den Ehrgeiz, alles sorgfältig zu prüfen. Auch wenn das bedeutet, dass wir mal eine Minute später fertig werden als die Konkurrenz.

Gilt das Ihrer Ansicht nach allgemein, also auch für andere Online- Redaktionen?

Das weiß ich nicht. Aber ich habe nicht den Eindruck. Ich denke, dass bei vielen anderen Anbietern die Sekunde des ersten Veröffentlichens offenbar wichtiger ist als die Tatsache, ob die Nachricht denn auch stimmt. Das ist mir beispielsweise bei der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten aufgefallen. Da habe ich bei vielen anderen Anbietern lesen können: "George Bush ist Präsident". Und das zu einem Zeitpunkt, als das überhaupt noch nicht klar war. Das fand ich etwas beängstigend.

Der oft gerühmte Vorteil des Netzes, dass es die Nachrichten am schnellsten liefert, kann also auch nach hinten los gehen...

Was noch nicht überprüft ist, gehört einfach noch nicht rein. Meiner Ansicht nach verlangt der User aber auch nicht, immer - überspitzt gesagt - in der gleichen Minute des Geschehens sofort informiert zu werden. Viele Online-Redaktionen kämpfen um jede Sekunde, fast dem Irrglauben verfallen, der User habe nichts anderes zu tun als den ganzen Tag vor der Röhre zu sitzen und alle fünf Minuten die Nachrichten zu checken. Aktualität ist natürlich ein wichtiger Bestandteil, aber wichtiger ist die Information an sich. Und die muss stimmen und gut verpackt sein.

Nach welchen Kriterien wählen Sie aus, was auf den Seiten des WDR erscheint?

Es gibt ein Kriterium, das "Gesprächswertigkeit" bedeutet. Das heißt, dass Sie auch im Internet- Auftritt in der Lage sein müssen, Themen zu finden, über die Menschen zum Beispiel in der U-Bahn reden. Themen, die Leute ansprechen und in ihren Alltag herein reichen, ohne dass diese Themen jetzt von großer Wichtigkeit wären oder als wichtig wahrgenommen werden. Ein Aspekt, der verdeutlichen soll: Das ist ein Medium, das sich mit dem Alltag der Menschen beschäftigt. Darüber hinaus gehören natürlich auch alle Themen von hoher Relevanz herein, beispielsweise Kultur und Landespolitik. Außerdem orientiert sich unsere Themenfindung zum Teil daran, was unsere "großen Schwestern" Radio und Fernsehen in ihr Programm setzen, schließlich bedeutet das für uns immer schon ein Audio-File oder ein Video auf der sicheren Seite.
Frage: Sie versuchen also, die Themen darauf abzustimmen. Abstimmen ist verkehrt. Ich gucke Fernsehen und höre Radio mit dem Gedanken: Was kann ich daraus für das Online- Medium nutzen? Was kann ich davon umsetzen?

weiter in Teil 2 »

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