| MICHAEL.MAIER@NETZEITUNG.DE |
16.01.2003 |
| "Nicht auf diese
Gönnerhaftigkeit angewiesen..." (3) |
Von Roman
Mischel | Homepage |
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2 oder Teil
1
Im Sommer 2002 ist die Netzeitung von Lycos Europe an
den Fachverlag Bertelsmann-Springer verkauft worden. Lycos
gehört selbst zu Bertelsmann. Wie ist dieses Geschäft
zu verstehen?
Lycos Europe hatte sich selbst vorgenommen, im vierten Quartal
den Break-Even zu erreichen. Wir können so etwas als
Medienprojekt nicht innerhalb von anderthalb Jahren erreichen.
Es gibt weltweit nicht ein einziges Medienobjekt, dass den
Break-Even innerhalb von drei Jahren erreicht hat. Wir sind
eh relativ gut im Vergleich zu anderen, indem wir unsere Verluste
halbiert haben. Trotzdem war das nicht synchron zu bringen
mit Lycos Europe. Bertelsmann-Springer ist ein erstklassiges
Medienhaus, bei dem es von der Zielgruppe viel Affinität
gibt, wo es von der Technologie viele Synergien gibt, wo aber
auch unser Abo-Modell ganz andere Entwicklungsmöglichkeiten
hat.
Welche denn?
Die Leser, die der Fachverlag hat, sind primär Architekten,
Ärzte, die besten Wirtschaftler und so weiter. Das ist
genau unsere Zielgruppe. Anders als zum Beispiel RTL richten
wir uns nicht an das Massenpublikum, obwohl wir im Internet
vertrieben werden. Wir richten uns an das erstklassige Zeitungsleserpublikum.
Wann wollen Sie denn den Break-Even erreichen?
Wir orientieren uns da am norwegischen Modell. Die haben
nach vier Jahren schwarze Zahlen geschrieben, allerdings damals,
in einem absoluten Bullenmarkt, der in Skandinavien noch extremer
war als hier.
Mit Werbeerlösen dürfte das im Augenblick
aber etwas schwierig sein. Zudem sind Sie auch nicht dem IVW-Messverfahren,
an dem sich der Werbemarkt orientiert, angeschlossen. Warum
nicht?
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| "Natürlich"
schreibt Maier auch selbst Beiträge für
die Netzeitung. (Foto: Mischel) |
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Wir haben bei diesem Klickmaschinen-Spiel nie mitgemacht.
Bei Bild.de müssen Sie oft erst einmal fünf Klicks
abgeben, bevor Sie zum eigentlichen Artikel kommen. Dann machen
viele Seiten irgendwelche Spiele wie "Wahl-Lotto"
oder konfigurieren ihren Live-Ticker so, dass er sich ständig
selbst aktualisiert. Wir orientieren uns an den Bedürfnissen
des Lesers: Wenn der auf die Titelseite geht, muss er schon
durchinformiert sein – und dann entscheiden, ob er sich
weiter informieren möchte. Wir wollen die Zeit des Lesers
sparen. Umwege bringen letztendlich nichts, zumal es der Werbemarkt
im Moment auch nicht bringt.
Letztendlich ist für die Werbewirtschaft wichtig zu
wissen, wer die Zielgruppe ist. Man muss also eine Art Leserdemographie
vorlegen können, was wir mittlerweile auch durch eine
eigene Marktforschung können. Außerdem muss man
eine gewisse, signifikante Größenordnung vorweisen
können. Beides ist bei uns gegeben, und das genügt
uns.
Inwiefern forschen Sie denn das Profil Ihrer Leser aus?
Wir haben mit eigenen, laufenden Leserbefragungen begonnen.
Wir haben uns bisher voll auf das Journalistische konzentriert,
was sicher einer der Gründe ist, warum wir uns bisher
am Markt behaupten konnten. Nun sind aber auch imstande, bestimmte
Erhebungen durchzuführen, deren Ergebnisse uns im Werbemarkt
sehr helfen.
Gefestigt im Markt sind aber auch Anbieter wie Bild.de
oder T-Online, die ein anderes journalistisches Profil als
die Netzeitung haben.
Ich sehe ein großes Problem darin, wenn sich hochkommerzielle
Anbieter auf pseudo-journalistische Objekte positionieren.
Die Deutsche Telekom ist auf dem besten Weg, sich zu einem
einem großen Medien-Player zu entwickeln. Und da geht
die Berichterstattung nicht nur in Richtung gefällige
PR, sondern in brutale Eigenpropaganda. Bei T-Online hat man
zum Beispiel nichts gelesen über den Machtkampf vom Telekom-Ex-Vorstand
Ron Sommer, und auch bei bild.t-online.de war außer
einem gefälligen Interview nichts zu finden. Hier aber
geht es um eine Volksaktie, um das Geld vieler Leute. Dieser
Pseudo-Journalismus ist in diesem Zusammenhang extrem problematisch.
Also gibt auch das ZDF durch die Kooperation mit dem
technischen Partner T-Online seine Unabhängigkeit auf?
Selbstverständlich. Ich halte das für in keiner
Weise vertretbar.
Trotz dieser schwierigen Phase, in der sich der Online-Journalismus
befindet, zieht es immer mehr junge Menschen in dieses Berufsbild.
Was würden Sie jungen Interessenten mit auf den Weg geben?
Das Schöne an den jungen Menschen heute ist, dass sie
nicht mehr den Rat von mir oder sonst wem brauchen. Durch
das Internet sind mittlerweile viele so selbständig geworden,
dass sie genau wissen, was sie machen können und vor
allem wie sie es machen können.
Trotzdem: Die Grundfrage beim Journalismus ist immer eine
Frage der Gesinnung. Das Medium steht für mich an zweiter
Stelle. Man muss also immer schauen, wo man das am besten
umsetzen kann. Tatsache ist zwar, dass viele Online-Projekte
wieder vom Markt verschwunden sind, viel dramatischer ist
aber der Einbruch bei den klassischen Medien. In Berlin gibt
es zum Beispiel tausende Arbeitslose Journalisten. Weil die
gesamte deutsche Medienwirtschaft danieder liegt, sollte man
sich eher die Frage stellen, ob man überhaupt in den
Journalismus geht.
Das Internet hingegen bietet sehr viel Raum für Eigeninitiative
und es gibt – wenn man ein wenig sucht – sehr
viele Plattformen, bei denen man nicht auf diese Gönnerhaftigkeit
eines großen Medienhauses angewiesen ist.
Können Sie einschätzen, wie die Zukunft des
Online-Journalismus aussehen wird?
Es ist sicher schwierig, verbindliche Entwicklungszeiträume
zu nennen. Die Netzeitung gibt es jetzt seit über zwei
Jahren. Im Vergleich zur Mediengeschichte ist das ein Hauch.
Trotzdem haben sich in dieser kurzen Zeit gewisse Selbstverständlichkeiten
hinsichtlich der moralischen und handwerklichen Kriterien
entwickelt. Bei der Recherche und der Trennung zwischen Redaktion
und Werbung gilt dieselbe Sorgfaltspflicht wie in den klassischen
Medien. Heute hat sicher niemand mehr die Angst davor, dass
dieses "Matt Drudge-Syndrom" Überhand gewinnen
wird.
Grundsätzlich glaube ich aber, dass Online-Journalismus
nur dann funktionieren wird, wenn er mediengerecht betrieben
wird. Das Medium ist nun einmal das Internet, und das gehorcht
im wesentlichen zwei Gesetzen: Geschwindigkeit und Tiefe.
Es werden also nur die gewinnen, die schnell sind, 24 Stunden
Neuigkeiten liefern und die das Prinzip des Hyperlinkings
verstanden haben.
Vertreten Sie auch die These, dass am Ende – wann
immer das sein wird – nur drei oder vier große
Online-Nachrichtenanbieter in Deutschland übrig bleiben?
Nein, das glaube ich nicht. Schauen Sie sich Heise.de an
– sicher kein großer Player, aber in seinem Segment
unangefochten die Nummer Eins. Die Kleinen sind ganz sicher
viel zäher, als man es ihnen unterstellt. Größe
allein hilft überhaupt nichts. Mir sind keine großen
Merger bekannt, die funktioniert haben. Nehmen Sie AOL Time
Warner oder Vivendi: Das funktioniert alles nicht, weil die
Entscheidungswege viel zu lang sind. Die kleinen Schiffe hingegen
sind viel beweglicher und können wesentlich flexibler
reagieren.
Sie wollen also nicht weiter wachsen?
Wachstum ist für sich selbst kein Wert. Wir sind Journalisten
und für uns geht es darum, unsere publizistische Freiheit
auszunutzen. Dazu brauchen wir genügend Leser. Nur wegen
Wachstum werden wir nicht einfach unsere Themenbereiche ändern.
Wenn wir nur noch Britney Spears machen, würden wir ganz
schnell wachsen. Aber was soll das? Wir wollen doch in unserer
Substanz wachsen. Deshalb ist für uns viel wichtiger,
wer etwas liest als wie viele uns lesen.
Welche Seiten im Netz lesen Sie denn selbst ganz gerne?
Am liebsten natürlich unsere eigenen Statistiken, um
zu sehen, wie viele Leser wir gestern hatten. Unter den journalistischen
Angeboten schätze ich die New
York Times sehr. Zu meinen absoluten Favoriten gehört
jedoch Arts
& Letters Daily, ein internationales Feuilleton-Kompendium.
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