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MICHAEL KRAMERS: 20.04.2000
Fernseh-Leute für die Foren
Von Email an Jan Steppat sendenJan Steppat und Email an Roman Mischel sendenRoman Mischel Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Michael Kramers leitet die Online-Redaktion des ZDF. Wir besuchten ihn im Sendezentrum am Mainzer Lerchenberg, wo er uns seine Ansichten über webspizifische Darstellungsformen erklärte.

Michael Kramers arbeitete zunächst beim Länderspiegel. Wegen seiner Affinität zu allem Technischen zog es ihn in die Online-Redaktion, die er heute leitet. (Foto: ZDF)

Sie leiten die Online-Redaktion des ZDF. Was ist denn für Sie überhaupt Onlinejournalismus?

Onlinejournalismus ist ganz einfach gesagt der Journalismus, der online passiert, der sich aber auch des Online-Mediums bedient, um zu recherchieren und ein Produkt darzustellen. Ich denke, die Aspekte sind sehr vielfältig, weil das Internet nicht nur eine mediale Darstellungsform anbietet, sondern mehrere Möglichkeiten.

In sofern kann man den Onlinejournalismus nicht mit dem Printjournalismus vergleichen, der sich des geschriebenen Wortes bedient und sich in einer gedruckten Zeitung niederschlägt. Online haben wir im Prinzip die ganze Bandbreite der Darstellungsmöglichkeiten. Genau das ist der Punkt, der es schwierig macht, entsprechende Definitionen zu finden.

Sie können aber sicher sagen, wie ein gut gemachter Online-Beitrag aussehen sollte?

Die Kriterien sind einem Wandlungsprozess in sich unterworfen. Anfangs hatten wir ziemlich viele statische Angebote im Netz. Inzwischen ist das Erfolgsgeheimnis Aktualität, ein schneller Wechsel und eine kurze Präsentation der Themen. Hinzu sollte ein kurzer Anreißer in der Übersicht und dann eine tiefere Verlinkung folgen. Entsprechend lauten die Regeln für das Schreiben eines Beitrages. Allerdings unterscheidet sich die Art und Weise nicht so sehr von einem gut gemachten Zeitungsartikel, es sei denn in der Länge.

Ich denke, man muss für das Internet deutlich kürzer schreiben. Ausnahmen sind Nutzer, die tief in ein Thema einsteigen wollen. Diese suchen auch im Internet nach umfangreicheren Inhalten und sind dankbar, wenn sie in dieser Form etwas angeboten bekommen. Wenn ich aber eine möglichst große Anzahl an Usern bedienen will und das Internet als Massenmedium verstehe, werde ich viele Inhalte erst einmal in Kürze präsentieren müssen.

Wir versuchen das, indem wir Inhalte anteasern, kurze Einstiegsgeschichten formulieren und später längere Beiträge anbieten. Allerdings sehen wir ganz deutlich, dass beispielsweise bei einer längeren Geschichte über drei Online-Seiten die Weiterklickrate bereits nach der ersten Seite drastisch sinkt.

Welche Bedeutung messen Sie in diesem Zusammenhang Audio- und Video-Streams bei?

Wir erleben gerade eine sehr starke Orientierung hin zu dieser Technologie. Mit zunehmender Bandbreite wird es immer attraktiver werden, sich Videoinhalte auch im Netz anzuschauen. Entscheidend ist aber der Mehrwert. Der ist in der Regel nicht gegeben, wenn ein Stream live parallel zu einer Sendung ausgestrahlt wird, die auch im konventionellen TV zu sehen ist. Da überwiegt dann die bessere Qualität im TV.

Wir haben allerdings starke Nachfrage beobachtet in den Fällen, in denen wir beispielsweise Pressekonferenzen im Netz übertragen haben oder als Preview Ausschnitte gezeigt haben oder wenn Beiträge später noch individuell abrufbar sind. Deshalb werden wir unter diesem Aspekt auch die technischen Kapazitäten ausbauen.

Ein weiteres spezielles Online-Element sind Foren. In welcher Form stellen Sie sich den Einsatz dieser interaktiven Möglichkeit des Netzes vor?

Ich würde mir wünschen, dass unsere Fernseh-Kollegen ihre Fachkompetenz in die Foren mit einbringen. Sie könnten mit ihren Kenntnissen helfen, die von unseren Usern in Diskussionen aufgeworfenen Fragen mit zu beantworten. Das erfordert allerdings noch Überzeugungsarbeit. Denn die Fernsehkollegen müssten schließlich ihre Zeit für die Teilnahme an den Foren opfern.

Wie könnte diese Mitarbeit konkret aussehen? Sie wäre ja damit schon ein neues journalistisches Betätigungsfeld...

Es wäre eine tolle Sache, wenn sich beispielsweise jemand aus der WiSo-Redaktion an entsprechenden Foren beteiligen und seine Sicht der Dinge zu wirtschaftlichen und sozialen Aspekten darlegen würde. Diese Zeit müsste er sich allerdings zusätzlich nehmen. Das erfordert von uns Überzeugungsarbeit.

Ob die Foren-Moderation ein journalistischer Berufszweig wird, weiß ich nicht. Unsere Themen sind sehr schnelllebig, weil sie meistens nachrichten- oder aktualitätsbezogen sind. Sicher könnte man den Bereich zu einem Beruf machen. Momentan sehe ich das aber noch nicht so.

Moderation ist eine Sache. Kontrolle eine andere...

Wir müssen Foren kontrollieren. Denn wir müssen darauf achten, rechtsextremistische oder sonstwie juristisch inkriminierende Beiträge zu entfernen. Ansonsten werden sie nicht zensiert und bislang auch nicht moderiert.

Wie sieht für Sie das Profil eines Online-Journalisten aus? Ist er eher Alleskönner oder eher Spezialist?

Wir haben eine weitgehende Spezialisierung erreicht. 1996 haben fast alle, auch die großen Anbieter, einfache HTML-Seiten gebaut. Es kam damals darauf an, dass man multimediale Dinge weitgehend selbst produzieren konnte: Bildbearbeitung, Texte schreiben, Seiten bauen usw.

In den vergangenen drei Jahren haben wir eine sehr starke Spezialisierung erfahren. Ich glaube nicht, dass es für einen Online-Redakteur heute noch darauf ankommt zu wissen, wie er eine Seite selbst bauen muss. Grundlegende Kenntnisse sind natürlich nie schädlich. Ich vergleiche das immer mit der Spezialisierung, die wir im Fernsehbereich haben. Wir haben einen Kameramann, einen Cutter und einen Redakteur. Der Redakteur wird sicherlich keine Kamera führen können müssen, aber er tut gut daran zu wissen, was man mit einer Kamera machen kann. Genauso wird er nicht den Film selbst schneiden müssen, aber er sollte wissen, was man mit einem Schnitt bewirken kann.

Genauso ist es im Online- Bereich. Der Redakteur wird sich künftig viel mehr um die Inhalte kümmern, darf dabei aber das Übrige nicht aus den Augen verlieren. Er wird ein Team von verschiedenen Spezialisten koordinieren. Und was er dabei sicherlich braucht, ist der Blick für die Fragen: Wie optimiere ich mein Angebot auf die Nutzerinteressen? Wo liegen überhaupt die Nutzerinteressen? Wie sind die Rezeptionsmuster? Wie sieht die erwartete, schnellen Veränderungen unterworfene Rezeptionshaltung aus?

Viele reden von der Konvergenz der Medien. Wie stellen Sie sich in diesem "konvergierten Zeitalter" die möglichen Endgeräte vor?

Auch wir glauben an eine technische Konvergenz. Was es später für Geräte geben wird, wagen wir nicht zu prognostizieren. Vorsichtig kann man sicherlich sagen: Es wird nicht der eine Wunderkasten sein, der im Büro oder Wohnzimmer steht und mitgenommen werden kann. Wahrscheinlich wird es vielfältige Möglichkeiten der Medien-Nutzung geben.

Im Wohnzimmer wird sich das Gerät eher als Distanzmedium für den Unterhaltungsbereich mit abgespeckten interaktiven Features darstellen und im Arbeitszimmer als Nahmedium mit wesentlich mehr Möglichkeiten. Und sicherlich wird die weitere Entwicklung der WAP- Technologie noch viele interessante Nutzungsmöglichkeiten hervorbringen.

Welches Redaktionssystem nutzen Sie?

Wir haben uns vor zwei Jahren für Imperia entschieden, weil es netzbasiert ist und wir es daher praktisch von jedem Ort der Welt füttern können.

Aus den Ressorts
Webwatch: Relaunch bei MSNBC.com - Aus alten Fehlern lernen
Praxis: Ressourcen für Journalisten - Alle Links zum Rest der Welt
Aus- und Fortbildung: Bestandsaufnahme - Ausbildung für den Online- Journalismus im Jahr 2003
Forschung: Delphi- Studie bringt prozentgenaue Prognose zum Online- Publishing
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