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MARTIN EBBING 12.04.2003
"Mittlerweile bin ich ein wandelnder Bauchladen"
Von Email an Benedikt Tüshaus sendenBenedikt Tüshaus Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Mit Radio, Fernsehen und Internet bedient Martin Ebbing gleich drei verschiedene Medienformen, wenn er aus dem Irak berichtet. Warum das Netz sein Favorit ist, hat er onlinejournalismus.de-Autor Benedikt Tüshaus via Satellitentelefonverbindung verraten.

Martin Ebbing. (Foto: SWR)

Warum haben Sie gerade den Nordirak für Ihre Arbeit gewählt?

Der Nordirak war die einzige Möglichkeit für mich, in dieses Gebiet einzureisen. Bagdad ist streng reglementiert was die Einreisebedingungen angeht und außerdem sehr teuer. Ein weiterer Grund ist dieser: Von hier oben aus hat man auch während eines Krieges Zugang zu den anderen Teilen des Irak, wo der Krieg tatsächlich statt findet.

Sie reisen viel mit dem Bus...

Meine grundsätzliche Haltung besteht darin, möglichst "low key" – so einfach wie möglich – zu reisen. Nur so erhält man die Möglichkeit Land und Leute kennen zu lernen. Wer in seinem eigenen Auto reist, der sitzt in einer Blechbüchse und ist von der Umwelt weitgehend isoliert. Die jetzige Form der Berichterstattung kann ich allein allerdings nicht mehr bewältigen. Ich habe ständig einen Dolmetscher dabei. Und einen Fahrer, denn die Entfernungen sind zu groß, als sie irgendwie anderweitig in einem effektiven Zeitraum zu bewältigen. Sehr viele Geschichten sind allerdings dadurch entstanden, dass ich mir an der Bushaltestelle die Zeit vertreiben musste und mit Leuten ins Gespräch kam.

Wie würden Sie sich und Ihre Arbeit charakterisieren?

Ich habe mittlerweile mehrere Hüte auf. Ich bin mal hier her gekommen als jemand, der nur ein paar Radiofeatures machen wollte. Dann hat sich aus der Zusammenarbeit mit dem SWR die Idee ergeben, auch online etwas zu machen. Da ich mittlerweile auch Fernsehberichte mache, habe ich jetzt insgesamt drei Hüte auf.

Welche Art der Berichterstattung macht Ihnen am meisten Spaß?

Die Online-Geschichten gefallen mir am Besten. Man kann aus sehr persönlicher Sicht kleine Dinge erzählen, die viel wichtiger sein können als die angeblich so großen Ereignisse. Als Online-Reporter kann man die Dinge beschreiben, die man nicht ins Bild bekommt, die man einfach nur beobachtet. Daraus kann man dann eine Geschichte machen, die viel zutreffender ist, als das, was das Fernsehen jemals widerspiegeln könnte.

Welches Handwerkszeug tragen Sie dafür bei sich?

Ich bin mittlerweile ein wandelnder Bauchladen. Ich habe einen Laptop und außerdem immer eine digitale Kamera dabei. Dazu kommt ein MD-Rekorder mit Mikrophon. Nun habe ich auch ein Satellitentelefon. Als dann die Fernsehberichte hinzu kamen, wurde es etwas komplizierter. Kamera und Schnittplatz trage ich nicht immer mit mir herum. Mittlerweile gehört auch ein Kameramann zum Team.

Anfangs, als es nur um die Online-Geschichten ging, waren Sie ganz allein unterwegs...

Ja, das ist richtig. Aber als Online-Reporter produziere ich ja auch keine News. Ich bin kein typischer Nachrichtenreporter. Es geht eher um Geschichten, die auf recht subjektive Art und Weise Dinge betrachten. Dinge, die man erlebt. Und wie man über bestimmte Dinge nachdenkt. Oder was für einen Beigeschmack bestimmte Dinge haben. Das ist mehr ein persönliches Tagebuch, von dem ich glaube, dass es den Einen oder Anderen interessiert. Den Blick immer auf Kleines, Anekdotisches gerichtet, nie mit dem Versuch, die Welt erklären zu wollen.

Ein besonderes Element des Special sind externer LinkHörbeiträge, gesammelt in einer Hörbar...

Das ist aus der Kooperation mit Detlef Clas vom SWR entstanden. Weil wir beide "Radiomenschen" sind, haben wir eine gewissen Vorliebe zu hören, wie es irgendwo klingt. Gleichzeitig ist es auch etwas, was ich roh liefern kann. Wenn man sich darauf einlässt, kann man hören, wie beispielsweise ein Basar in Kurdistan klingt, eben anders als ein Basar in Diyanah.

... und auch als klangliche Ergänzung direkt im Text. Sie beschreiben an einer Stelle den Gesang eines Kurden und halten diesen gleichzeitig auch für die Ohren des Lesers als Audio-Stream bereit.

Das ist ideal. Doch leider schaffe ich es nicht immer in der jeweiligen Situation so schnell, Geräusche auch aufzuzeichnen.

Zusätzlich zu ihrer Berichterstattung beantworten Sie Fragen Ihrer Leser direkt und veröffentlichen diese dann gesammelt. Wie bewerten Sie dieses zusätzliche Format?

Der große Vorteil der Online-Geschichten ist, dass es ein direktes Feedback gibt. Je mehr Reaktionen über diese Kanäle kommen, desto besser. Ich bekomme so ein Gefühl dafür, welche Fragen der Leute ich als Reporter hier eigentlich beantworten soll. Außerdem erfahre ich, was es für Missverständnisse gibt und wo ich selber Defizite habe. Und natürlich hört man auch ganz gerne, wenn Leute sagen, dass ihnen eine Geschichte ganz gut gefallen hat.

Wie lange werden Sie noch im Irak sein?

Keiner weiß, wie lange der Krieg dauern wird. In der Kriegszeit werde ich bleiben. Dann wird es zwei, drei Wochen geben, in der die typischen Themen entstehen, die man nur dann machen kann, wenn die Kampfhandlungen beendet sind. Eventuell werden Massenvernichtungswaffen von den Amerikanern gefunden. Sicherheit und Ordnung müssen wieder hergestellt werden. Es werden Leute sprechen, die vorher nicht frei erzählen konnten, weil sie vom Regime verfolgt wurden. Man wird schauen müssen, was für Schäden angerichtet wurden. Und vieles mehr.

Vielen Dank für das Interview.

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