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BLUMENCRON@SPIEGEL.DE 11.01.2003
"Nur wenige werden überleben..." (3)
Von Email an Roman Mischel sendenRoman Mischel | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

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Im Erfinden neuer Werbeformen sind Sie recht kreativ. Vor einiger Zeit war zum Beispiel eine riesige O2-Werbung auf der Spiegel-Homepage zu sehen, die für mich alles bisher gesehene übertraf. Am rechten Rand ein langes, breites Banner, der Hintergrund war im Randbereich wasserblau eingefärbt.

In einer Zeitschrift ist jede zweite Seite Werbung. In TV und Radio werden Sendungen minutenlang für Werbung unterbrochen. Doch noch immer gibt es Puristen, die sich über jede etwas spektakulärere Werbung im Internet aufregen. Das bringt mich in Rage: Wir können doch im Netz nicht strengere Ansprüche an die Werbetreibenden und an uns selbst stellen als in einer Tageszeitung, einem Magazin oder im TV. Jeder weiß, dass das Gestalten von anspruchvollen Inhalten auch im Internet Geld kostet. Alle wissen auch, dass diese Leistung kostenlos zu haben ist. Irgendwo muss das Geld herkommen. Und dazu müssen wir den Werbetreibenden eine attraktive Fläche anbieten.

Das kann eine Unterbrecher-Werbung sein, die fünf Sekunden lang eingeblendet wird, bevor der Artikel folgt. Das kann eine Einfärbung des rechten Randes der Homepage sein wie im Fall O2, es kann aber auch ein aggressives POP-Up oder POP-Under sein, das sich unter die Seite legt. Diese Werbemittelwerden bei uns nachgefragt und gebucht. Und wir werden weiter daran arbeiten, der Werbewirtschaft attraktive Formen zur Verfügung zu stellen. Wir können nicht verlangen, dass sich die Werbetreibenden auf kleinste flackernde Banner stürzen und damit einen Redaktionsapparat wie den von Spiegel Online finanzieren.

Für uns ist etwas ganz anderes entscheidend, und zwar dass Redaktion und Marketing getrennt sind. Schlimm wird es dann, wenn man auf Anfrage redaktionelle Inhalte erstellt, wenn man also Auftragsjournalismus betreibt – und das machen wir nicht.

Trotzdem: Dem Online-Journalismus stehen nach anfänglich überzogener Euphorie schwere Jahre bevor. Wie wird es weitergehen?

Ich glaube, dass sich Online-Journalismus sehr rasch weiter entwickeln wird. Und ich glaube auch, dass die Werbeindustrie das Netz entdecken wird. Wir und auch andere führende Nachrichten-Sites haben eine exzellente Audienz, darunter sehr viele Journalisten, hochrangige Manager, Politiker. Wir haben etwa 400.000 Leser pro Tag, alles in allem eine Leserschaft, die sogar aus Werbersicht interessanter ist als die vom Spiegel: jünger, besser verdienend und beruflich besser gestellt. Das wird die Werbewirtschaft für sich entdecken, was wir jetzt schon merken. Es wird also mehr Geld in das Internet fließen, was auch die Entwicklung des Mediums vorantreibt.

Es wird aber nur einige wenige Seiten geben, die überleben werden. Das Internet ist nicht das anarchische Medium, als das es mal bezeichnet wurde. Es ist kein romantisches Eckchen, sondern ein Medium der Konzerne. Wer diese Krise überlebt, der muss tiefe Taschen haben oder zumindest einen starken Partner im Hintergrund. Wer unabhängig ist, dem Wünsche ich viel Glück – vielleicht wird er überleben, aber mit schweren, schweren Einschnitten. Die führenden News-Seiten der Welt hängen alle an einer großen Marke: CNN, New York Times, Washington Post, BBC, Le Monde, Spiegel. Wir werden in Deutschland drei, maximal vier Nachrichtenseiten haben, die ernsthaft journalistische Inhalte anbieten und von den Lesern auch als Massenmedium genutzt werden.

Und wer wird das sein?

Ich rede ungern über Konkurrenten.

Dann nenne ich einfach mal ein paar Namen. Die Netzeitung?

Sie wird es schwer haben. Im Sommer wurde sie verkauft an Bertelsmann-Springer. Deren Kernkompetenz ist nicht unbedingt das Nachrichtengeschäft. Die Netzeitung ist ein interessantes Produkt, ein News-Ticker. Ich denke aber, dass der Leser auf Dauer mehr verlangt, als kurze schnelle Nachrichten. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass die Netzeitung überlebt. Im Übrigen wünsche ich keinem, dass er vom Markt verschwindet. Konkurrenz belebt das Geschäft und macht das Netz interessanter. Es wäre entsetzlich, wenn im Netz plötzlich eine Armut an guten Seiten herrschen würde.

Und n-tv.de?

n-tv ist wie die Tagesschau ein ernstzunehmender Mitbewerber, den wir im Augen behalten. Wenn dort nach wie vor die Bereitschaft besteht, in journalistische Qualität zu investieren, bleiben die lange am Markt. CNN.com ist eine der wichtigsten Seiten der USA, und ich kann mir vorstellen, dass n-tv.de eine der wichtigsten Seiten in Deutschland wird. Leider hat das Management dem Sender und der Online-Seite einen radikalen Sparkurs verordnet.

Das merken die Leser schnell. Der Leser hat zum Beispiel gemerkt, dass sueddeutsche.de seine Redaktion zusammengestrichen hat. Schauen Sie sich die Abrufzahlen dieser Seiten an. Sueddeutsche.de habe ich vor zwei Jahren noch als einen unserer größten Konkurrenten gesehen.

Noch tragischer ist der Fall bei FAZ.net. Ich hätte gedacht, dass die sehr lange durchhalten. Aber das Mutterhaus ist so stark von der Medienkrise betroffen, dass sie ihre Online-Redaktion radikal zusammengestrichen haben.

Und welche Seiten surfen Sie selbst ganz gern mal an?

Die sind alle nachrichtlich orientiert, weil ich nun mal so ein News-Junkie bin. Mein Favorit ist eindeutig die externer LinkNew York Times, gefolgt von externer LinkIndependent und externer LinkBBC. Bei allen überzeugt mich die journalistische Qualität.

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