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BLUMENCRON@SPIEGEL.DE 11.01.2003
"Nur wenige werden überleben..." (2)
Von Email an Roman Mischel sendenRoman Mischel | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

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Wenn also bewegte Bilder, dann Zweitverwertung aus dem TV. Schicken Sie keinen Reporter mit einer Kamera raus?

Nein, das können wir uns überhaupt nicht leisten. Vor wenigen Jahren gab es eine ganze Reihe von Produktionsfirmen, die sich auf Bewegtbilder im Netz spezialisiert hatten. Mittlerweile sind alle vom Markt verschwunden. Da ist viel kreative Energie verschütt gegangen – es war zu früh. Schon eine printgetriebene Seite wie Spiegel Online arbeitet mit Verlusten, und wir arbeiten mit großer Energie daran, diese Verluste zu vermindern, was keine einfache Übung ist. Obwohl sich viele Verlage unterdessen von ihren Internet-Aktivitäten getrennt oder sie zumindest radikal eingeschränkt haben, steht der Spiegel zu seiner journalistischen Qualität im Internet.

Trotzdem mussten auch Sie Mitarbeiter entlassen…

Wir haben zum ersten Mal Mitarbeitern in einer ganz begrenzten Anzahl kündigen müssen. Gemessen am Markt haben wir aber Glück und befinden uns in einer ganz guten Position: Die SpiegelNet AG ist nicht an der Börse notiert, wir sind also nicht unter dem Druck wie andere Wettbewerber, in möglichst kurzer Zeit Gewinne abwerfen zu müssen. Der Spiegel sieht seine Internet-Aktivitäten als langfristiges Engagement an und weiß, dass man mit Online-Nachrichten nicht auf Schlag Millionen verdienen kann. Er hat uns von heute an eine Zeitspanne von mehreren Jahren gegeben, in der wir in die schwarzen Zahlen kommen müssen. Das ist eine relativ großzügige Rechnung, aber ich denke, dass wir diese Zeit auch brauchen.

Bares für Inhalte soll ein Modell sein, um aus den roten Zahlen zu kommen. Seit geraumer Zeit bieten Sie jeden Samstag den Spiegel-Titel sowie weitere Geschichten aus dem Heft gegen Gebühr an. Wer Ihr Online-Archiv nutzt, muss für jeden Text, der älter ist als drei Monate, mindestens 40 Cent bezahlen. Ist das der richtige Weg?

Das ist eine sehr interessante Sache für uns und hat sich sehr gut entwickelt. Wir verkaufen mittlerweile über 12.000 Geschichten pro Monat. Das lohnt sich, ist allerdings nur ein Zubrot und wird uns nicht in die schwarzen Zahlen katapultieren. Wir haben aber auch von Anfang an gesagt, dass wir dies nicht als das entscheidende Standbein ansehen. Die Haupteinnahmequelle ist und bleibt Werbung, die sich in letzter Zeit anders als im Print sehr gut entwickelt hat.

Der Kern von Spiegel Online, also das aktuelle Nachrichtenangebot, ist und bleibt kostenlos. Wir leben von einer möglichst großen Reichweite, die wir wiederum an Werbetreibende vermarkten. Würden wir maßgebliche Teile von Spiegel Online hinter einen Pay-System verschließen, müssten wir sowohl bei den Klickzahlen als auch bei den Werbeeinnahmen erhebliche Einbußen hinnehmen. Die Erfahrungen aus den USA zeigen: Wer seine bisher frei zugängliche Website auf eine Bezahl-Seite umstellt, verliert über 90 Prozent seiner Leser.

Viele User, die über Suchmaschinen bei Ihnen landen, werden das in Zukunft nicht mehr tun, da ein Großteil des Spiegel Online-Archivs wegen der Gebührensperre von Suchrobotern nicht mehr indiziert werden kann. Auf diese Art und Weise verlieren Sie doch an Zugriffen.

Ja und Nein. Zum einen sind die Zugriffe über Suchmaschinen auf unsere Seiten nicht so groß. Zum anderen kommen die User, die etwas ganz Spezielles Recherchieren möchten, direkt zu Spiegel Online. Und schließlich: Wir leiden nicht unbedingt unter einem Mangel an Zugriffen.

Schaut man sich das Interesse der Nutzer an Ihren Seiten an, so fällt das recht gesunde Verhältnis zwischen Page-Impressions (PI) und Visits auf. Glaubt man den Erhebungen der IVW, klickt sich jeder User durch etwa fünf Seiten, bevor er wieder verschwindet.

Stimmt. Leider wird bei diesem Verfahren die Verweildauer noch nicht gemessen. Wir wissen aus nicht veröffentlichten Untersuchungen, dass die Verweildauer pro Klick bei Spiegel Online durchschnittlich 120 Sekunden beträgt. Bei Boulevard-Seiten liegt dieser Wert bei nur drei bis zehn Sekunden. Auch wir machen zwar gelegentlich Fotostrecken oder ähnliches, bieten aber primär Texte an, die die Leute lesen wollen. Andere Angebote mit teilweise höheren PIs pro Visit bauen sehr viele Klickstrecken in ihre Seiten ein. Wir könnten ohne weiteres unsere PI-Zahlen von heute auf morgen um ein Drittel hochpumpen, aber dann wären wir nicht mehr Spiegel Online.

Halten Sie das gegenwärtige Messverfahren denn überhaupt für sinnvoll?

Ja, ich halte es für sinnvoll. Man kann nur nicht sagen: Dieser Parameter ist der entscheidende Parameter. Die PIs sind wichtig, die Visits sind wichtig, und – was jetzt mehr und mehr kommt – sind umfragegestützte Reichweitenmessungen. Die haben sich in Deutschland noch nicht so durchgesetzt, weil das ein relativ mühsames Verfahren ist. Um eine brauchbare Aussage zu bekommen, muss man viel mehr als 10.000 Leute befragen, und das regelmäßig. Der Spiegel beteiligt sich auch an einem solchen Verfahren namens AGIREV. Doch auch das kann nicht das alleinige Kriterium sein. Entscheidend sind alle Parameter zusammen. Im Netz ist das leider alles etwas komplizierter.

weiter in Teil 3 »

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