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BLUMENCRON@SPIEGEL.DE 11.01.2003
"Nur wenige werden überleben..."
Von Email an Roman Mischel sendenRoman Mischel | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Mathias Müller von Blumencron ist Chefredakteur von Deutschlands meistgenutzter Nachrichten-Plattform. Im Gespräch mit onlinejournalismus.de verrät er, warum guter Journalismus im Netz Zukunft hat und wer den harten Konkurrenzkampf in Deutschland überleben könnte.

Das Interview mit Mathias Müller von Blumencron wurde telefonisch geführt. Wenn Ihr Computer Töne wiedergeben kann, können Sie sich einige zentrale Aussagen anhören. (Flash-Menue: Roman Mischel; Foto: privat)

Sie waren lange Zeit Redakteur beim Spiegel, zuletzt als Korrespondent in New York. Was hat Sie eigentlich gereizt, zu Spiegel Online zu wechseln?

Das war für mich eine große Herausforderung. Als ich damals in New York war, habe ich sehr viel über New Economy, den Internet-Boom und ähnliches geschrieben. Und ich hatte wahnsinnige Lust, selber in diesem Bereich zu gestalten. Dass das Angebot von Spiegel Online kam, war fast Zufall – aber es kam genau zur rechten Zeit. Und ich stehe nach wie vor dazu: Es ist eine sehr spannende Geschichte. Die Sache ist zwar finanziell sehr viel schwieriger geworden, aber es ist das aufregendste für mich, dieses Produkt durch diese schwierige Zeit zu bringen und zu beweisen, dass guter Internet-Journalismus machbar ist.

Was genau ist denn das Spannende am Internet-Journalismus, wenn Sie ihn vergleichen mit ihrer Zeit im Printmedium?

Es sind völlig unterschiedliche Medien. Natürlich ist es sehr spannend, für den Spiegel zu arbeiten – keine Frage. Das aufregende am Online-Journalismus ist, dass das Internet ein viel direkteres Medium ist. Man kann sehr schnell reagieren. Wir liefern nicht nur die schnelle Meldung, sondern in relativ kurzer Zeit auch den Hintergrund, die Analyse, eigene Reportagen und Interviews. Wir erreichen die Menschen lange vor den Tageszeitungen, wir setzen Themen. Das schätzen unsere Leser, denn es besteht ein großes Bedürfnis nach Orientierung. Das Internet ist jung und sehr dynamisch, wir müssen die Seite ständig weiterentwickeln.

Unsere Leserzahl steigt rasch, die Zahl unserer Seitenzugriffe hat sich in den letzten zwei Jahren vervierfacht. Mehr und mehr nutzen unsere Seiten als primäre Nachrichtenquelle, vor allem während der Arbeitszeit. Viele sind durch ihren Job auf News angewiesen, da ist das Internet eine logische Wahl. Das Verrückte an der derzeitigen Rezession ist allerdings, dass immer noch eine große Diskrepanz zwischen dem Wert unserer Lesergruppe und dem Interesse der Werbewirtschaft an diesem Medium liegt. Das ändert sich aber gerade.

Wer sich das Impressum von Spiegel Online anschaut, stößt auf eine Galerie von 28 Redakteuren mit unterschiedlichen Qualifikationen. Die Mehrzahl hat vor der Internet-Zeit bei Zeitungen gearbeitet, einige aber auch beim Radio oder Fernsehen.

Die Leute, die bei uns arbeiten, sind zum großen Teil erfahrene Journalisten, die vorher schon irgendwo gearbeitet haben und uns aufgefallen sind. Es kommt mir sehr darauf an, dass unsere Leute recherchesicher sind, dass sie sich auskennen in einem Gebiet und das sie gut schreiben können, kurz: dass sie einfach gute Journalisten sind. Das ist im Internet noch wichtiger als in einer Tageszeitung, weil wir eben stets mit der Versuchung konfrontiert sind, einen Text so schnell wie möglich ins Netz zu stellen. Da der Zeitdruck noch höher ist, sind die Anforderungen an den einzelnen Journalisten krasser.

Bei dieser Mischung von Redakteuren: Welchen Stellenwert haben denn multimediale Darstellungsformen?

Steckbrief
Mathias Müller von Blumencron, Jahrgang 1960, absolvierte nach seinem Jura-Studium die Henri-Nannen-Schule. Zunächst war er Redakteur bei Capital, dann Korrespondent der Wirtschaftswoche. 1992 wechselte er zum Spiegel, erst als Redakteur, später leitete er das Ressort D II. Von 1996 bis 2000 war er Korrespondent in den USA. Seit dem 1. Dezember 2000 ist er Chefredakteur von Spiegel Online und lebt wieder in Hamburg.

Als ich hier angefangen habe, war das wirklich eine Sorge. Der Spiegel hat ja - abgesehen von Spiegel TV – keine aktuellen Nachrichtenbilder. Ende 2000 dachte ich, dass wir in zwei Jahren damit ein großes Problem kriegen werden, weil verschiedene Fernsehsender entsprechende Netzseiten betreiben. Lange sah es so aus, dass sich das Fernsehen dem Internet immer weiter annähern würde. Das ist aus verschiedenen Gründen nicht so gekommen. Bilder über das Netz zu vertreiben ist eine extrem teure Angelegenheit. So ist es kein Wunder, dass Videos bei CNN online nur noch im Rahmen eines Abonnements abrufbar sind. Die Konvergenz der Medien geht weitaus langsamer voran als ursprünglich gedacht. Das Netz wird noch lange Zeit hauptsächlich textbasiert sein.

Trotzdem binden wir schon heute in unserer Rubrik "Videonews" pro Tag mehrere aktuelle Filmbeiträge ein. Dennoch darf man nicht vergessen: Das Netz ist ein völlig anderes Medium als das Fernsehen: Es liefert den Hintergrund zu den Bildern, was man am 11. September sehr gut sehen konnte. Die Menschen sahen die Maschinen in die Türme fliegen, sie sahen die Türme zusammenstürzen. Sie konnten sich aber keinen Reim darauf machen. Wir haben versucht, die Hintergründe zu liefern und zu erklären, was dort vor sich geht. Mit unseren Möglichkeiten sind wir dem Fernsehen natürlich in der Tiefe überlegen.

weiter in Teil 2 »

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