|
Mathias Müller von Blumencron ist Chefredakteur von
Deutschlands meistgenutzter Nachrichten-Plattform. Im Gespräch
mit onlinejournalismus.de verrät er, warum guter Journalismus
im Netz Zukunft hat und wer den harten Konkurrenzkampf in
Deutschland überleben könnte.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Das Interview mit
Mathias Müller von Blumencron wurde telefonisch
geführt. Wenn Ihr Computer Töne wiedergeben
kann, können Sie sich einige zentrale Aussagen
anhören. (Flash-Menue: Roman Mischel; Foto:
privat) |
|
 |
 |
 |
 |
Sie waren lange Zeit Redakteur beim Spiegel, zuletzt
als Korrespondent in New York. Was hat Sie eigentlich gereizt,
zu Spiegel Online zu wechseln?
Das war für mich eine große Herausforderung. Als
ich damals in New York war, habe ich sehr viel über New
Economy, den Internet-Boom und ähnliches geschrieben.
Und ich hatte wahnsinnige Lust, selber in diesem Bereich zu
gestalten. Dass das Angebot von Spiegel Online kam, war fast
Zufall – aber es kam genau zur rechten Zeit. Und ich
stehe nach wie vor dazu: Es ist eine sehr spannende Geschichte.
Die Sache ist zwar finanziell sehr viel schwieriger geworden,
aber es ist das aufregendste für mich, dieses Produkt
durch diese schwierige Zeit zu bringen und zu beweisen, dass
guter Internet-Journalismus machbar ist.
Was genau ist denn das Spannende am Internet-Journalismus,
wenn Sie ihn vergleichen mit ihrer Zeit im Printmedium?
Es sind völlig unterschiedliche Medien. Natürlich
ist es sehr spannend, für den Spiegel zu arbeiten –
keine Frage. Das aufregende am Online-Journalismus ist, dass
das Internet ein viel direkteres Medium ist. Man kann sehr
schnell reagieren. Wir liefern nicht nur die schnelle Meldung,
sondern in relativ kurzer Zeit auch den Hintergrund, die Analyse,
eigene Reportagen und Interviews. Wir erreichen die Menschen
lange vor den Tageszeitungen, wir setzen Themen. Das schätzen
unsere Leser, denn es besteht ein großes Bedürfnis
nach Orientierung. Das Internet ist jung und sehr dynamisch,
wir müssen die Seite ständig weiterentwickeln.
Unsere Leserzahl steigt rasch, die Zahl unserer Seitenzugriffe
hat sich in den letzten zwei Jahren vervierfacht. Mehr und
mehr nutzen unsere Seiten als primäre Nachrichtenquelle,
vor allem während der Arbeitszeit. Viele sind durch ihren
Job auf News angewiesen, da ist das Internet eine logische
Wahl. Das Verrückte an der derzeitigen Rezession ist
allerdings, dass immer noch eine große Diskrepanz zwischen
dem Wert unserer Lesergruppe und dem Interesse der Werbewirtschaft
an diesem Medium liegt. Das ändert sich aber gerade.
Wer sich das Impressum von Spiegel Online anschaut, stößt
auf eine Galerie von 28 Redakteuren mit unterschiedlichen
Qualifikationen. Die Mehrzahl hat vor der Internet-Zeit bei
Zeitungen gearbeitet, einige aber auch beim Radio oder Fernsehen.
Die Leute, die bei uns arbeiten, sind zum großen Teil
erfahrene Journalisten, die vorher schon irgendwo gearbeitet
haben und uns aufgefallen sind. Es kommt mir sehr darauf an,
dass unsere Leute recherchesicher sind, dass sie sich auskennen
in einem Gebiet und das sie gut schreiben können, kurz:
dass sie einfach gute Journalisten sind. Das ist im Internet
noch wichtiger als in einer Tageszeitung, weil wir eben stets
mit der Versuchung konfrontiert sind, einen Text so schnell
wie möglich ins Netz zu stellen. Da der Zeitdruck noch
höher ist, sind die Anforderungen an den einzelnen Journalisten
krasser.
Bei dieser Mischung von Redakteuren: Welchen Stellenwert
haben denn multimediale Darstellungsformen?
 |
 |
 |
 |
 |
Steckbrief |
| Mathias Müller
von Blumencron, Jahrgang 1960, absolvierte
nach seinem Jura-Studium die Henri-Nannen-Schule.
Zunächst war er Redakteur bei Capital,
dann Korrespondent der Wirtschaftswoche. 1992
wechselte er zum Spiegel, erst als Redakteur,
später leitete er das Ressort D II. Von
1996 bis 2000 war er Korrespondent in den
USA. Seit dem 1. Dezember 2000 ist er Chefredakteur
von Spiegel Online und lebt wieder in Hamburg.
|
|
|
 |
 |
 |
 |
Als ich hier angefangen habe, war das wirklich eine Sorge.
Der Spiegel hat ja - abgesehen von Spiegel TV – keine
aktuellen Nachrichtenbilder. Ende 2000 dachte ich, dass wir
in zwei Jahren damit ein großes Problem kriegen werden,
weil verschiedene Fernsehsender entsprechende Netzseiten betreiben.
Lange sah es so aus, dass sich das Fernsehen dem Internet
immer weiter annähern würde. Das ist aus verschiedenen
Gründen nicht so gekommen. Bilder über das Netz
zu vertreiben ist eine extrem teure Angelegenheit. So ist
es kein Wunder, dass Videos bei CNN online nur noch im Rahmen
eines Abonnements abrufbar sind. Die Konvergenz der Medien
geht weitaus langsamer voran als ursprünglich gedacht.
Das Netz wird noch lange Zeit hauptsächlich textbasiert
sein.
Trotzdem binden wir schon heute in unserer Rubrik "Videonews"
pro Tag mehrere aktuelle Filmbeiträge ein. Dennoch darf
man nicht vergessen: Das Netz ist ein völlig anderes
Medium als das Fernsehen: Es liefert den Hintergrund zu den
Bildern, was man am 11. September sehr gut sehen konnte. Die
Menschen sahen die Maschinen in die Türme fliegen, sie
sahen die Türme zusammenstürzen. Sie konnten sich
aber keinen Reim darauf machen. Wir haben versucht, die Hintergründe
zu liefern und zu erklären, was dort vor sich geht. Mit
unseren Möglichkeiten sind wir dem Fernsehen natürlich
in der Tiefe überlegen.
weiter
in Teil 2 »
|