| JUGENDWEBSITES |
09.12.2004 |
| Im Netz den Lesernachwuchs
fangen |
Von Kerstin
Goldbeck |
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Zeitungsverlage haben ein Problem: Im Netz tummeln sich
die Jugendlichen, die ihnen als Leser fehlen. Mit speziellen
Angeboten versuchen einige Verlage, die potenziellen Leser
für sich zu gewinnen. Aber ihre Jugendwebsites machen
nur einen Bruchteil der Angebote aus, die der Zielgruppe
im Web zur Verfügung stehen. Darauf reagieren die
Verlage unterschiedlich.
Zeitungsverlage haben es schwer, aus der Fülle der
Jugendangebote herauszustechen. Im Gegensatz zu einem Sender
wie RTL, der mit einer Soap wie Gute
Zeiten, schlechte Zeiten in der Welt Jugendlicher etabliert
ist und
hier anknüpfen kann, fehlt es den meisten Verlagen an
solch erfolgreichen Bezugspunkten. Die Ausnahme bildet die
Jugendwebsite des Süddeutschen Verlages, die auf der
erfolgreichen Marke jetzt des
2002 eingestellten Print-Magazins fußt.
Mit Titeln wie "Szene", "Mega" oder "heftig" lehnen sich
die Verlage betont an die Jugendsprache
an, laufen dabei jedoch leicht Gefahr, gewollt jugendlich
zu wirken.
Spagat der Verlage
Die Sites unterscheiden sich vor allem darin, wie stark
sie in das Internetangebot der Zeitungen integriert sind.
Bei jungezeiten.de beispielsweise
ist der Kölner
Stadt-Anzeiger durch Frame und Verlinkung zu
den Zeitungsthemen immer präsent, während kool.de durch
ein eigenes Layout und eine eigene Webadresse unabhängiger
von der Schwäbischen
Zeitung als eigenständiges Jugendportal
erscheint. Hier zeigt sich der Spagat, den Verlage zu bewältigen
haben: einerseits ein attraktives, eigenständiges Jugendportal
einzurichten, andererseits den Bezug zum Stammhaus nicht
zu vernachlässigen.
Schwerpunkt Kultur und Veranstaltungen
Themen wie Musik, Kino oder aktuelle Veranstaltungen der
Region sind die Schwerpunkte auf den Webseiten. Heftig,
die Jugendsite der Lübecker
Nachrichten, bietet Interviews
mit Prominenten, Meldungen aus der Musik-
und Filmbranche wie auch Informationen über Computerspiele
und das aktuelle Kinoprogramm. Im Gegensatz zur Lübecker
Website, die ähnlich wie auch das Angebot der Schwäbischen
Zeitung mit Boulevardnachrichten lockt, lehnt sich jetzt.de
mit Rubriken wie "Freunde Treffen" oder "Zeit
vergeuden" stärker an den unmittelbaren Alltag
Jugendlicher an. Hier finden sich auch politische Sujets
mit spezifisch jugendlichem Blickwinkel - eine Seltenheit
unter den Jugendwebseiten der Verlage. jungezeiten.de,
das Angebot des Kölner Stadt-Anzeigers hält darüber
hinaus umfangreiche Informationen zum Thema "Schule
und Ausbildung" bereit.
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| Das "Woodz-Mag"
vom Schwarzwälder Boten.
(Screenshot: Mischel) |
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Sehr unterschiedlich ist auch das Layout,
das bei allen zwar "jugendlich" bunt und bebildert
daherkommt, je nach Verlag jedoch unterschiedlich einprägsam
ist. Der Comicstil von woodZ,
dem Onlinemagazin des Schwarzwälder
Boten, fällt hier auf, genau wie die im
trendbewussten Design aufgemachte Scene
Extra-Seite der Nürnberger
Nachrichten. Neben Seiten, die versuchen,
einen bunten Querschnitt aus der Themenwelt Jugendlicher
zu liefern, konzentrieren sich einige Verlage auf Schulprojekte
wie Klasse! und
Zeitung in der Schule. So lieferte die Hildesheimer
Allgemeine Zeitung bis vor kurzem Hintergrundinformationen
zu ihrer Initiative Zeitung
macht Schule und von Schülern
produzierte Artikel. Die Spannbreite der Jugendwebsites ist weit und reicht von
Angeboten, die sich durch Optik und Thema eindeutig an junge
User richtet, bis hin zu Internetseiten, die eigentlich eher
Lehrern vorbehalten sind und nur partiell Jugendliche einbeziehen.
Große Unterschiede zeigen sich auch bei den Nutzungsmöglichkeiten,
die vom reinen Artikel-Download über Spiele, Chats bis
hin zu Communities reichen.
Teilweise appellieren Verlage
mit Angeboten, die jungen Menschen die Gelegenheit geben,
sich selbst darzustellen, an die starke Ich-Bezogenheit dieser
Entwicklungsphase - am ausführlichsten bei jetzt.de.
Registrierte Nutzer können dort Gedanken und Anekdoten
aus dem eigenen Alltag über einen "Tagebucheintrag" ins
Netz stellen. Daneben erhalten sie mit der Registrierung
eine eigene Homepage, ein persönliches Forum, auf dem
sie sich präsentieren können. Immer wieder haben
Nutzer die Möglichkeit, Inhalte zu bewerten und ihre
Kommentare zu veröffentlichen. Sie sind so selbst allerorts
auf der Page präsent und bestimmen Erscheinungsbild
wie die Inhalte maßgeblich mit.
Öffentlichkeit bieten andere Verlage auch, jedoch
meist weitaus weniger umfangreich mittels Gästebüchern
oder Leserbriefen. Die Ostsee-Zeitung oder das Haßfurter
Tagblatt stellen darüber hinaus Partyfotos ins Netz,
beim Nordbayerischen
Kurier können sich die User unter anderem
Fotos ihrer Abi-Scherze ansehen.
Kommunikation statt bloßer Konsum
Das Internet ist für Jugendliche sehr stark Kommunikationsmedium,
mit dem sie ihre Umwelt ausloten und die eigenen Vorstellungen,
das eigene Selbstbild überprüfen - in der Shell
Jugendstudie gelten sie deshalb als Egotaktiker. Ein Portal
wie jetzt.de hält auch in dieser Hinsicht etliche
Angebote bereit. Neben dem E-Mail-Versand und den "jetzt-cards" ist
bei Chats und vor allem in den 15 verschiedene Foren zu so
unterschiedlichen Themen wie "Schlechte Witze", "Politik", "Verlieben" oder "Fußball" der
direkte Austausch möglich. Chatten, grüßen
und Grußkarten bietet beispielsweise auch die Frankenpost
bei redchat an.
Die Heilbronner Stimme offeriert gar eine Singlebörse.
Für Jugendliche stellt das Internet weniger ein "Gebrauchs-",
denn ein "Erlebnismedium mit starkem Spaßfaktor" dar.
Sie sind zudem Medienprofis, so dass Verlage gut beraten
sind, die verschiedenen Möglichkeiten, die das Internet
bietet, voll auszuschöpfen, um junge Leute tatsächlich
zu interessieren. Für ein umfangreiches Engagement spricht
auch, dass Verlage durch die Webangebote die Gelegenheit
haben, etwas über ihre jungen Zielgruppen zu erfahren.
Bei Communities, wie sie unter anderem der Schwarzwälder
Bote, die Zeitungsgruppe
Lahn-Dill oder auch die Heilbronner
Stimme offerieren, müssen User sich
registrieren, um alle Möglichkeiten
nutzen zu können und geben dazu Daten wie Namen oder
Geschlecht an.
Erfolgskontrollen fehlen
Verlage versäumen noch zu stark, die "Marke Zeitung" als
seriöse Informationsquelle herausstellen und sich so
von anderen Jugendwebsites abzuheben. Für Zeitungen
ginge es hier unter anderem darum, politische Themen jugendgerecht
aufzubereiten, beispielsweise mittels Gesprächsforen,
denen ein Artikel als Gesprächsanlass dienen kann. Neben
der Verlinkung zu den Artikeln des Stammblattes, lokalen
Berichten und Veranstaltungskalendern könnte man den
Service für Schüler erhöhen. Denkbar wäre
es, Archive zu Schulzwecken nutzbar zu machen. Der Kölner
Stadt-Anzeiger bietet etwa unter Schule
im Netz nützliche
Links und daneben Übungsmaterialien. Gleichzeitig kann
man über die Seite Nachhilfelehrer suchen.
Ob es den Verlagen mittels ihrer Webangebote tatsächlich
gelingt, junge User zu Zeitungslesern zu machen, kann nicht
eindeutig beantwortet werden, da Erfolgskontrollen hierzu
fehlen. Dennoch stellt das Web eine Chance für Verlage
dar, junge Zielgruppen anzusprechen. Die Bandbreite der Möglichkeiten,
die sich für Verlage in diesem Bereich eröffnet,
scheint trotz der Fülle an kreativen Angeboten noch
nicht ausgeschöpft. Ein reiner Transfer der Zeitungsinhalte
auf das Internet ist in jedem Fall nicht ausreichend, um
anspruchsvolle, medienerfahrene Zielgruppen wie Jugendliche
an sich zu binden und so für die Zeitung zu begeistern. |