|
Nicht das einzige, aber ein beherrschendes Thema beim Jonet-Tag 2005: Wie verändern sich Massenmedien durch die neuen Möglichkeiten zum Micro-Publishing, Blogs, Wikis und Co? Rund 400 Journalisten drängten sich am 12. November zum zweiten Netzwerk-Treffen in der Hamburger Handelskammer: Abseits der Podien kaum große Namen des Gewerbes, sondern vor allem Freie, etliche darunter selbst als Blogger aktiv, ebenfalls fast niemand, der sich kritisch gegenüber Blogs aussprach oder sie gar rundheraus ablehnte.
Auch wenn ein verunsicherter Tagungsgast für sich selbst von den Experten die Antwort auf die Frage erhoffte "Soll man jetzt bloggen oder nicht?" - für die Mehrzahl der Versammelten war entscheidend, wie die professionellen Medien auf das Phänomen Blogs reagieren. Annette Milz vom Fachblatt Medium Magazin stellte klar: "Wir sprechen nicht über die Qualität, mit der sich Weblogs einmischen, sondern über die Tatsache, dass sie es tun."
Blumencron gegen Polarisierung
Ja, selbst Spiegel-Online-Chef Mathias Müller von Blumencron, seit einer Äußerung in einem Interview in unserem Dossier „Online-Journalismus: .dekade 1“ im vergangenen Jahr als Blog-Verächter geschmäht, erregte gleich in der Eröffnungsdiskussion Aufmerksamkeit, als er befand, Spiegel Online unterscheide sich letztlich kaum von Blogs: "Ich halte nichts von der Polarisierung zwischen Blogs und klassischen Medien. Was Johnny Haeusler gesagt hat, kann ich alles unterschreiben. Das findet bei uns alles statt - von der Selbstausbeutung bis hin zu nicht-kommerziellen Ecken."
Die Kritik an den sonst vielfach kritisch beäugten "Verlagsbeilagen" des Spiegel-Angebots blieb leise. Interessant, dass andersherum Spreeblick-Macher Johnny Haeusler nach einem kurzen Lobgesang auf die inhaltliche Qualität vieler Blogs ("Klassischer als das, was viele klassische Journalisten heute machen") vor allem darüber sprach, was sich verändert, seit aus seinem Weblog Spreeblick ein kleiner unabhängiger Verlag mit mehreren Blogs entsteht. Sein Bericht aus der Professionalisierungsfalle hörte sich kaum anders an, als was ein Vertreter eines klassischen Medienhauses gesagt hätte: "Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert im Netz nicht anders als außerhalb. Man darf sich nicht einbilden, dass jeder, der tolle Artikel schreibt, plötzlich tausende von Lesern hat."
Sponsoring beim Spreeblick-Verlag
Immerhin: Die bisherigen Umsätze des Spreeblick-Verlags reichten, um einen Halbtagsjob zu finanzieren. Aufmerken ließ auch, dass Spreeblick laut Haeusler kein Problem mit gesponserten Inhalten hat: Ein gesponserter Bericht über eine neue Band, die den Geschmack der Spreeblick-Leser träfe, sei diesen lieber als hässliche Bannerwerbung.
Hier fuhr Gaby Darbyshire von Gawker Media dazwischen: Sponsoring sei äußerst kritisch, zumindest die Kennzeichnung von gesponserten Inhalten essentiell, um die Leser nicht zu verprellen. Die Trennung sei auch bei Spreeblick deutlich, versicherte Haeusler.
Auch Gawker sieht sich selbst als "publishing house" und betreibt in den USA mehrere Blogs, darunter das populäre Gizmodo. Das Erlösmodell setzt laut Darbyshire auf Qualitätswerbung: "Wir haben tolle Zielgruppen für die Werbung, die die traditionellen Medien kaum noch nutzen."
Und die Nutzer seien abhängig: "Sie kommen vier, fünf Mal am Tag wieder, weil sie nicht warten können", freut sich Darbyshire. Zielvorgabe für die Blog-Autoren, die mit einer Pauschale entlohnt werden, sind deshalb zwölf Einträge am Tag.
"Politics never pays"
Über eine noch edlere und werberevantere Zielgruppe verfügte Diskussionsteilnehmer Andrew Carton: Seine Website Treonauts widmet sich dem PDA Treo, dessen Nutzer offenbar eine Menge Austausch- und Supportbedarf haben. Der Umsatz der Site beträgt laut Carton 20,000 US-Dollar monatlich - durch Google AdSense, Anzeigen und Verkaufsprovisionen. Die international erfolgreichen Modelle setzten also auf ähnliche Erlösquellen wie in Deutschland Spreeblick und Mac-Essentials von IT&W. "Ich bin erst darauf gekommen, als ich einem Nutzer bei einer Frage geholfen hatte, und der mir in einer Mail schrieb ‚Wo muss ich auf deiner Website klicken, damit du Geld bekommst?’", schilderte Carton seinen Erweckungsmoment. Der Erfolg der Treonauts ist aber wohl nicht auf jedes Thema übertragbar, gab Darbyshire eine Devise an professionalisierungswillige deutsche Weblogger weiter: "Politics never pays."
|