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CHRISTOPH NEUBERGER: 30.06.2002
"Die Zeitungen haben das Internet nicht als journalistisches Medium begriffen"
Von Email an Benedikt Tüshaus sendenBenedikt Tüshaus Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Der Mann mit dem besten Überblick: Im Rahmen seines 2001 abgeschlossenen Habilitationsprojekts "Journalismus & Internet" führte der Medienwissenschaftler Christoph Neuberger eine umfassende Befragung von Online-Redaktionen in Deutschland durch. Mit Benedikt Tüshaus sprach er über Probleme und Chancen von lokalem Journalismus im Web.

Beschreiben Sie bitte, wie Sie die derzeit lokale Inhalte im Netz erleben. Wie bewerten Sie die journalistische Qualität der lokalen Internet-Angebote?

Regionale und lokale Tageszeitungen haben bisher eher defensive Ziele im Internet angestrebt. Die Verlage zeigten Präsenz im Onlinebereich, um den Markt zu besetzen und um neue Konkurrenz fernzuhalten. Das ist ihnen weitgehend gelungen, weil sie ihre Printinhalte weiter verwerten können und bekannte Markennamen besitzen. Andererseits haben sie das neue Medium aber zu wenig als Chance begriffen. Von Experimentierfreude ist bisher noch kaum etwas zu spüren. Vor allen Dingen haben die Zeitungen das Internet nicht oder nur ausnahmsweise als journalistisches Medium begriffen, obwohl ihre Kernkompetenz im redaktionellen Bereich liegt. Sie hatten vielmehr die Vorstellung, dass sie durch die Einrichtung lokaler Marktplätze und als Provider Geld verdienen könnten. Beides brachte, wie wir inzwischen wissen, nicht den gewünschten Erfolg.

Glauben Sie, dass lokale Online-Redaktionen in besonderer Weise mit personellen Engpässen - Stichwort: Ein-Mann-Redaktion - zu kämpfen haben? Ist die Arbeit in lokalen Internet-Redaktionen von einem hohen Grad an Automatisierung geprägt? Welche Schwächen ergeben sich dadurch?

Tageszeitungen setzen im Durchschnitt nur drei journalistische Mitarbeiter im Onlinebereich ein. Zwei Fünftel davon arbeiten zugleich regelmäßig für die Printredaktion, außerdem sind sie Allrounder: Sie müssen neben dem Journalistischen auch noch andere Aufgaben erledigen, etwa die Technik und die Gestaltung der Websites. Dies wirkt sich nachteilig auf den Inhalt aus: Etwas mehr als die Hälfte aller aktuellen Beiträge waren nach meiner Studie Artikel, die aus der Printausgabe übernommen wurden. Selten wurden sie speziell für das Internet bearbeitet. "Multimedialität", "Interaktivität" oder "nonlineare Erzählformen" sind in vielen Online-Redaktionen der Tageszeitungen Fremdworte.

Müssen nicht Deutschlands "kleine" Zeitungen gerade im Internet auf genau das in erster Linie setzen, was sie von anderen in erster Linie unterscheidet: Das Lokale? Was interessiert die Leute an "ihrem" lokalen Internet-Angebot? Wo liegt die inhaltliche Chance der Anbieter - im Bereitstellen zusätzlicher Informationen, dem Aufbereiten einzelner Themenspecials oder der ganz normalen Berichterstattung als Duplikat der Print-Ausgabe?

Christoph Neuberger, Jahrgang 1964, ist Experte für Online-Journalismus. Mit dem Thema hat er sich seit Mitte der 90er Jahre als Mitarbeiter von Professor Jan Tonnemacher an der Katholischen Universität Eichstät beschäftigt. Zuvor studierte er Journalistik, Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie und promovierte 1995 über "Journalismus als Problembearbeitung". Heute lehrt Neuberger am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Münster und ist journalistisch für Presse und Rundfunk tätig. (Foto: privat)

Online-Nutzer suchen erstaunlicherweise auch im globalen Medium Internet nach lokalen Informationen. "Printklone" wie das externer Link"e-paper" der "Rhein-Zeitung" führen nach meiner Überzeugung in eine Sackgasse: Warum sollte jemand die Zeitungsseiten, die für das Papier produziert wurden, umständlich auf dem Bildschirm lesen wollen? Noch dazu erhält man als Leser keinen Mehrwert: Die Artikel werden nicht überarbeitet und dem Internet angepasst. Geliefert wird der rohe Text.

Besser wäre es, wenn Zeitungen - neben einem tagesaktuellen Teil - langfristig Schwerpunkte zu wichtigen lokalen Themen aufbauen und darin Veröffentlichtes bündeln würden. Hier könnte man auch ohne Zeitdruck Interaktives und Multimediales integrieren. Das wäre eine sinnvolle Ergänzung zur Druckausgabe und würde auch die Gefahr einer "Selbstkannibalisierung" ausschließen.

Wagen Sie einen kleinen Ausblick für die Zukunft dieser Redaktionen. Mit welcher Strategie können Anbieter lokaler Informationen hochwertigen Journalismus auch im Netz bieten? Was muss sich verbessern?

Zeitungen müssten in Zeiten knapper Budgets mit wenig Aufwand Ergänzendes zur Druckausgabe produzieren. Das heißt in erster Linie: Es wird nicht gelingen, Tag für Tag in großem Umfang Exklusives für das Internet zu schaffen. Hohe Aktualität kann nur ausnahmsweise das Ziel sein, zum Beispiel bei Kommunalwahlen. Kleinere Zeitungen sollten das Internet darum eher als Speichermedium nutzen denn als schnelles Verbreitungsmedium. Etwa für Service-Informationen oder den Lokalsport: Das Internet eignet sich hervorragend als Archiv für Ergebnisse und Tabellen, während die Spielberichte in der Zeitung stehen. Es kann auch als eine Art kollektives Gedächtnis für die Heimatgeschichte dienen.

Eine andere Idee: Warum sollten nicht kleinere Tageszeitungen an verschiedenen Standorten, die mit gleichen Problemen konfrontiert sind (etwa mit dem Bau von Müllverbrennungsanlagen oder Mobilfunktürmen), zusammenarbeiten und gemeinsame Themenpakete schnüren? Ein Projekt wie "Zeitung in der Schule" lässt sich ebenfalls im Internet fortsetzen.

Wird es einen Markt für Online-Journalisten im lokalen Bereich geben?

Vorläufig wird die Internetkompetenz eine Zusatzqualifikation bleiben. Eigenständige Online-Redaktionen sind bei Tageszeitungen selten. Meist erledigen Printredakteure das Onlinegeschäft nebenher. Das wird vermutlich auch auf absehbare Zeit so bleiben: Die Anlaufschwierigkeiten des Ballungsraum-Fernsehens zeigen, dass das Werbepotenzial in regionalen Märkten nicht überschätzt werden darf. Auch vom E-Commerce darf man nicht zu viel erwarten: Die Stärke des lokalen Einzelhandels ist der direkte Kundenkontakt. Es wird wohl eine kleine Minderheit bleiben, die sich Waren des täglichen Bedarfs nach Hause liefern lässt.

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