| INTERVIEW |
25.10.2004 |
| "Dumpfe Routine
in den Online-Redaktionsstuben eingekehrt" |
Von Tessa
Hauswedell |
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Nach den ersten zehn Jahren im Onlinejournalismus
ist die Aufbruchstimmung und Risikofreude von einst verflogen:
Der Journalismus im Netz hat sich langsam aber sicher etabliert
- die papierne Zeitung wird er jedoch so bald nicht ablösen,
konstatiert der ehemalige Spiegel Online-Redakteur und Professor
für Online-Journalismus an der FH Darmstadt, Lorenz Lorenz-Meyer.
Ein Interview von Tessa Hauswedell.
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| Lorenz Lorenz-Meyer
(Foto: Privat, Montage: ojour.de) |
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Welche Erwartungen an das Medium Internet hatten Sie,
als Sie mit dem Onlinejournalismus begannen?
Ich habe ziemlich genau vor neun Jahren mit dem Onlinejournalismus
angefangen, damals für Spiegel
Online, das bereits seit einem Jahr im Web existierte,
und seit ca. zwei Jahren bei Compuserve. Das Spannende zu
jener Zeit war vor allem, dass es noch keine ausgeprägten
Erwartungen gab. Es war alles neu und unbestimmt. Natürlich
hatten wir ein paar Vorbilder und Anknüpfungspunkte,
"Hot Wired" zum Beispiel und Joshua Quittner mit
seiner Idee eines "Way New Journalism", eines schnellen,
persönlichen, extrem lesernahen Schreibens.
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Steckbrief |
Lorenz Lorenz-Meyer
ist Professor für Online-Journalismus
an der Fachhochschule Darmstadt. Seine Schwerpunkte
in Lehre und Forschung liegen im
Online-Journalismus, Content Management/Multimedia-
Produktionstechnik, Virtuelle Gemeinschaften
und Social Software. Zuvor studierte er
Philosophie, Sinologie, Germanistik und Informatik
an der Uni Hamburg, FU Berlin, Uni Heidelberg.
Er promovierte (Dr. phil.) im Graduiertenkolleg
"Kognitionswissenschaft" der Uni
Hamburg. Lorenz-Meyer ist Online-Journalist
seit September 1995, von
1996-1999 war er Redakteur bei Spiegel Online,
2000-2001 Redaktionsleiter ZEIT im Internet,
2001-2004 freier Onlinejournalist und Berater
für Online-Medien (z.B. bpb.de, qantara.de) |
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Für mich persönlich war es aber vor allem der Gedanke
der Interaktivität, der mich faszinierte – die
Vorstellung, in einen dezentralen Diskurs einzutreten und
ihn publizistisch nutzbar zu machen. Einer meiner ersten Schritte
im Internet bestand darin, mir einen Account bei der legendären
kalifornischen Community "The Well" zu beschaffen,
in der sich damals besonders viele Journalisten tummelten.
"The Well" und andere US-amerikanische Foren wie
"Cafe Utne" und "Salon Table Talk" wurden
dann später Vorbild für das "Spiegel
Online Forum" und die "ZEIT
Debatte".
Es sind so viele Hypes aufgetaucht und wieder verschwunden
- was waren die größten Irrglauben der Branche?
Ich denke, man kann da nicht von DER Branche sprechen. Je
nachdem, ob man die Journalisten betrachtet oder Leute aus
den Verlagsetagen, sehen die Illusionen ganz unterschiedlich
aus. Wir Journalisten haben zum Beispiel den gerade erwähnten
Communities zu viel zugetraut, jedenfalls einige von uns,
zu denen ich mich zähle. Wir haben auch den Aufwand unterschätzt,
den es bedeutet, im laufenden Geschäft und unter hohem
Zeitdruck aktuelle journalistische Inhalte wirklich "internetgerecht"
aufzubereiten, das heißt, mit Hintergründen, Archivmaterialien
und Fundstellen im Web zu verlinken. Das hört sich in
der Theorie wunderbar an, in der Praxis darf man froh sein,
wenn man hier und da mal ein bisschen an der Oberfläche
des theoretisch Machbaren kratzt.
Obskure Syndication-Partner
Die Verlagsleute haben sich naturgemäß eher in
puncto Erlösmöglichkeiten etwas vorgemacht, und
tun dies meines Erachtens immer noch, etwa im Zusammenhang
mit Paid Content-Modellen. Aber jeder Hype, den wir mitgemacht
haben, die -zig erfolglosen Kooperationen mit irgendwelchen
E-Commerce- oder Mobilservice-Anbietern, die Microsoft-Push-Kanäle,
die hilflosen Versuche, mit Portalen, WAP-Diensten, obskuren
Syndication-Partnern den wirtschaftlichen Durchbruch zu erzielen,
all das hat auch positive Spuren hinterlassen. Nehmen Sie
zum Beispiel die Push-Idee: Sie erfährt zur Zeit mit
den RSS-Feeds von Weblogs und Nachrichtensites eine grandiose
Wiederkehr.
Insofern bin ich gar nicht mehr so geneigt, mich über
die Hypes der späten 90er Jahre lustig zu machen. Den
meisten lagen gute Ideen zugrunde, man hat nur deren Entwicklungsgeschwindigkeit
überschätzt, und manchmal auch ihre Reichweite.
Die Diskrepanz zwischen Hoffnung und tatsächlichem Erfolg
ist meines Erachtens bislang am größten gewesen
bei den mobilen Content-Diensten, Stichwort WAP oder UMTS.
Aber auch das kann sich noch ändern und zum Positiven
wenden.
In welchem Maße hat sich Ihrer Einschätzung
nach der Onlinejournalismus in Bezug auf die Professionalisierung
in der Berichterstattung, der Schnelligkeit und der Qualität
verändert?
Da, wo genügend finanzielle Mittel zur Verfügung
standen und man mit einer gewissen Kontinuität am Ball
geblieben ist, hat es zweifellos eine echte Professionalisierung
geben: Das Niveau, das man von tagesschau.de,
faz.net oder sueddeutsche.de
erwarten kann, ist mittlerweile gleichbleibend hoch, obwohl
einige der Redaktionen in der Medienkrise übel bluten
mussten. Aber leider heißt das auch, dass dumpfe Routine
eingekehrt ist in die Online-Redaktionsstuben. Von der Aufbruchstimmung
und der Risikofreude der ersten Jahre ist wenig mehr zu spüren.
Onlinejournalismus in Deutschland hat sich vor allem beschränkt
aufs Nachrichtengeschäft, die wenigen Ausnahmen, etwa
Heises "telepolis",
sind marginalisiert, ein paar gute Formate wie die grandiosen
Presseschauen der Perlentaucher
oder das ebenfalls hervorragende "Altpapier"
in der Netzeitung sind sekundäre Services, die vom geistigen
Geschehen in den traditionellen Medien leben.
Wird der Onlinejournalismus den klassischen Offlinejournalimus
im Bereich der Tageszeitungen auf lange Sicht ablösen,
also das Ende der papierenen Zeitung bedeuten?
"Auf lange Sicht" ist ein sehr dehnbarer Begriff.
Meines Erachtens hat die papierne Zeitung gegenüber der
Internetseite immer noch das haushoch überlegene Interface:
Sie ist besser transportabel und macht erheblich mehr Inhalte
in kürzester Zeit auf konkurrenzlos übersichtliche
Weise zugänglich, gibt dabei Aufschluss über Länge
und Gewichtung der Beiträge, wie keine Website es könnte.
Partnermedien
Auf den bahnbrechenden Fortschritt bei den Computer-Displays
warten wir nun schon seit vielen Jahren, und ich glaube, dass
es auch noch viele weitere Jahre dauern wird, bis wir etwas
in der Hand halten, das der papiernen Zeitung das Wasser reichen
kann. So lange sollten wir Print und Internet als Partnermedien
begreifen und uns daran machen, sie besser auf einander abzustimmen,
statt sie gegeneinander auszuspielen.
Auch der Onlinejournalismus kostet Geld. Kann man mit
Journalismus im Netz überhaupt Geld verdienen? Geht das
nur mit bestimmten Inhalten, aber nicht mit Nachrichten?
Das lässt sich noch nicht wirklich absehen. Ich halte
immer noch die Werbung für die wichtigste Erlösquelle.
Außerdem entstehen nach und nach auch im Internet publizistische
Produkte, für die die Nutzer bereit sind, Geld zu bezahlen.
Hier müssen wir noch eine Menge Erfahrungen sammeln,
sowohl in der Gestaltung dieser Produkte (Abonnements für
Aktuelles oder Archiv, kostenpflichtige On-Demand-Recherchen
und Themendossiers etc.) als auch in der Preispolitik: die
Tatsache, dass beim Online-Kanal Kosten für Herstellung
und Vertrieb kaum eine Rolle spielen, muss sich auch im Pricing
niederschlagen, wenn man eine breite Käuferschaft ansprechen
will. Aber dafür wird der Markt auf längere Sicht
schon sorgen.
Bedeuten Weblogs jetzt, dass endlich jeder Nutzer selbst
zum "Sender" werden kann?
Weblogs sind schon jetzt kein Nischenphänomen mehr.
Auch wenn in Deutschland die Zahl der Blogs nicht im gleichen
Maße steigt wie in anderen Ländern, kann man getrost
sagen: "Weblogs are here to stay". Und sie sind
wirklich das, was sich Brecht in seiner Radiotheorie erhofft
hat: eine Ermächtigung für den Einzelnen, aus der
Rolle des reinen Empfängers herauszutreten und öffentlich
sein Publikum zu finden.
Für den professionellen Journalismus sind Weblogs jedoch
vor allem ein mögliches Format: eine Art Kolumne, die
permanent auf Sendung ist. Um so etwas im Zusammenhang eines
journalistischen Online-Angebots zu umzusetzen, braucht man
exzellente Autoren und/oder Themenfelder, die dauerhaft von
Interesse sind. Sonst kommt dabei nichts anderes heraus als
Privatbühnen für eine Reihe mehr oder weniger eitler
Selbstdarsteller, die sich im Rampenlicht ihrer Marke sonnen.
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