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Mathias Müller von Blumencron ist Chefredakteur
von Deutschlands erfolgreichstem Online-Nachrichtenmagazin.
In unserem Interview spricht er unter anderem über die
Relevanz von Blogs, eigene Fehler, Kooperationspartner und
das Durcheinander mit der Rechtschreibung.
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| Mathias Müller
von Blumencron leitet die Spiegel Online-Redaktion
seit Dezember 2000 (Foto: Spiegel, Montage: ojour.de) |
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Ihr Angebot gilt als Aushängeschild des deutschen
Online-Journalismus. Trotzdem scheint es immer noch ungewiss,
dass selbst Sie – wie anvisiert 2006 – in die
Gewinnzone kommen. Passen Internet und Journalismus zumindest
von der ökonomischen Seite her nicht zusammen?
Doch - und wir sind auf dem Weg das zu beweisen. Die Wirtschaft
erkennt, dass das Internet ein ausgezeichnetes Medium für
Werbebotschaften ist. Mittlerweile orientiert sich die Hälfte
der Deutschen im Netz; Nachrichtengucken bei Spiegel Online
hat mittlerweile eine Reichweite von wöchentlich 1,6
Millionen Lesern. Die Zielgruppe ist exzellent, eine extrem
gut gebildete und arrivierte Leserschicht, also ein sehr interessantes
Publikum auch aus ökonomischer Sicht. Ich bin fest davon
überzeugt, dass wir demnächst die ökonomische
Basis haben, um dieses Projekt zügig auszubauen.
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Steckbrief |
Mathias Müller
von Blumencron wurde am 23. Juli 1960 in Hamburg
geboren.
Nach einem Jura-Studium in Hamburg und Kiel
und einem Jura-Referendariat absolvierte er
die Hamburger Journalistenschule. 1989 wurde
er Redakteur bei "Capital" in Köln
und wechselte 1990 als Korrespondent zur "Wirtschaftswoche",
zunächst in Zürich, später
in Berlin. 1992 kam er zum "Spiegel"
ins Ressort Deutschland II und wurde 1996
dessen stellvertretender Leiter. Im Oktober
1996 ging er als Wirtschaftskorrespondent
des "Spiegel" nach Washington, seit
August 1998 berichtete er aus New York. Seit
dem 1. Dezember 2000 ist Müller von Blumencron
Chefredakteur von
Spiegel
Online. |
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Dafür waren schon zehn Jahre Zeit...
Vor zehn Jahren bestand Spiegel Online aus einer Internet-Seite,
die von einem Mann betreut wurde. Heute sind wir über
30 Redakteure, dazu Grafiker, Techniker, Producer. Überlegen
Sie doch mal: Wie lange hat eine vernünftige Tageszeitung
gebraucht, um in die Gewinnzone zu kommen, wie lange hat das
Radio gebraucht? Für das Privatfernsehen ist es immer
noch schwierig. Es ist ja nicht so, dass wir ein Investmentbanker-Modell
sind oder ein Software-Haus, dass nach drei Jahren Gewinne
abwerfen muss.
Online-Redakteure gelten häufig in Medienhäusern
als "fünftes Rad am Wagen"– wie sehen
Sie das?
Das sehen wir bei Spiegel Online überhaupt nicht so.
Das wird sicher noch in manchen Bereichen so sein, etwa bei
einigen traditionellen Verlagshäusern, aber das ist deren
Problem. Und die Abrechnung dafür wird kommen –
das Internet ist das Medium der Zukunft und wer da nicht investiert,
ist auf Dauer draußen.
"99 Prozent der Blogs sind Müll"
Stichwort "Medium der Zukunft". Kürzlich
erschien mit "Blogs!"
ein Buch, in welchem einer der Autoren, Don Alphonso, behauptet,
dass Blogs künftig "den Journalismus im Internet
aufmischen" werden. Sehen Sie das auch so dramatisch?
Ich glaube Blogs sind eines der Hype-Themen, die wir alle
paar Jahre haben. Mal ist es Paid Content, 1999/2000 war es
die Konvergenz von TV und Internet – alles wird eins,
hieß es damals. Das sind schöne Phantasien. Und
genauso verhält es sich mit der These, dass Blogs den
Journalismus verdrängen oder grundsätzlich revolutionieren
werden. Das ist für mich völliger Nonsens! Blogs
sind wichtig, wenn sie gut gemacht sind und interessante neue
Stimmen liefern
Aber so revolutionär sind sie in vielen Dingen dann
auch nicht. Seit es das Internet gibt, gibt es auch interessante
Autoren, die mit ihren Homepages im Netz sind; es gibt Kolumnen
oder Tagebücher, die vom üblichen Stil etwa einer
Tageszeitung abweichen. Aber heutzutage muss eben alles Blog
heißen. Dazu kommt, dass 99 Prozent der Blogs einfach
nur Müll oder zumindest journalistisch einfach nicht
relevant sind. Es handelt sich um eine interessante Entwicklung,
die aber den Journalismus nicht grundsätzlich verändern
wird.
Aber sehen sie in den Blogs nicht eine Chance, mit der
sich der Online-Journalismus weiter entwickeln kann? Der Redaktionsleiter
von Handelsblatt.com etwa sieht in den Blogs eine Möglichkeit
Formate unterzubringen, die sonst nicht im Blatt oder auf
der Website Raum finden, sogar die Tagesschau experimentiert
damit?
Selbstverständlich sehen wir darin eine Möglichkeit,
wir nennen es nur nicht Blog. Wir haben eine Kolumne, die
von unseren Korrespondenten in den USA betreut wird –
"Bush-Messer".
Darin zeigen die Kollegen, relativ unkonventionell geschrieben,
wie die Stimmung der Amerikaner ist. Wir bieten auch Tagebücher
von unseren Kollegen zum Beispiel aus Bagdad an. Dass im Online-Bereich
verschiedene Stilelemente möglich sind oder auch etwas
flapsiger als im Print-Bereich geschrieben wird, das ist nichts
Neues, da ist schon so, seit wir Texte ins Internet stellen.
Kurzum, wir werden also das Etikett "Blog"
bei Spiegel Online nicht sehen?
Henryk M. Broder, einer unserer wichtigsten Autoren, hat
eine eigene Website,
die man in den USA Blog nennen würde. Diese Seite betreibt
er seit mehreren Jahren, sie finden dort tagesaktuelle Notizen,
kleine Fetzen, Beobachtungen – sie ist also richtig
bloggermäßig. Broder war kürzlich zu einem
Blogger-Kongress in Wien ( BlogTalk
2.0) eingeladen. Eine Woche vorher fragte er mich: "Sagen
Sie mal, was ist eigentlich ein Blog?" Mal schauen, vielleicht
nennen wir irgendwann auch mal etwas Blog; nur um jetzt auf
diesen Zug aufzuspringen, machen wir das bestimmt nicht.
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Nerv-Blog? Der SpOn-Eintrag
im "Industrial Technology & Witchcraft".
(Screenshot: ojour.de)
Großansicht |
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Mal etwas salopp gefragt: Nerven Sie manchmal die Blogs?
Kürzlich wurde einem Ihrer Autoren unterstellt, dass
er bei Wikipedia "abgekupfert" habe, was in Teilen
der deutschen Blogosphäre für einige Aufregung
sorgte.
Ich halte Blogs, wie zum Beispiel das BILDblog,
für ein interessantes Korrektiv. Wir gehen solchen Vorwürfen,
ob die nun per E-Mail kommen oder in einem Blog geschrieben
werden, sofort nach. Und wenn es stimmt dann ändern wir
das auch auf unserer Seite und passen auf, dass so etwas nicht
noch mal passiert. Als Korrektiv können Blogs also durchaus
funktionieren. Wir sind nicht so empfindlich gegenüber
Kritik wie das bei andere Medien in Deutschland gemeinhin
der Fall ist. Wir stehen zu unseren Fehlern und versuchen
aus diesen zu lernen.
„Halt ein bisschen bunter als in anderen Bereichen“
Wenn sich Journalisten über Spiegel Online unterhalten,
taucht immer wieder als Kritikpunkt das Stichwort Boulevardisierung
auf. Sie sagten selbst kürzlich, dass ihre Leser im Büro
"ruhig mal schmunzeln" sollen. Dagegen ist ja nichts
einzuwenden. Aber wie verhält es sich mit folgenden Headlines?
Ich habe zum Beispiel in einem Seminar zu Online-Journalismus
meinen Studenten einen Artikel von Markus Deggerich die Zitatüberschrift
"Fickificki
one Dollar" als Negativbeispiel dafür genannt,
wie offenbar der Klickzahlen willen, schlagkräftige Headlines
produziert werden. Für ebenso unpassend halte ich: "New
Orleans hält 10.000 Leichensäcke bereit".
Wie stehen Sie dazu?
Wenn ein hochgefährlicher Sturm wie Hurrikan „Ivan“
auf New Orleans zurast und dort Vorbereitungen dieser Art
getroffen werden, dann finde ich das eine durchaus legitime
Headline. Bei der Geschichte von Markus Deggerich, die ein
Korrespondentenbericht aus Bagdad war, fand ich die Überschrift
in dieser Form grenzwertig, aber durchaus machbar. Der Bericht
hat das durchaus getragen, es war ja keine platte Geschichte
die da folgte. Wir konnten damals sehr viel dazu beitragen,
unseren Lesern die Atmosphäre in dieser Stadt näher
zu bringen. – Die Beispiele finde ich falsch.
Die ganze Diskussion um Boulevardisierung halte ich für
eine der absurdesten in der letzten Zeit. Jede Tageszeitung
hat eine Sektion Vermischtes. Und diese Sektionen haben wir
auch, da geht es halt ein bisschen bunter zu als in anderen
Bereichen. Was ist das für ein merkwürdiger Vorwurf?
Wer unserer Seite vorwirft, dass wir generell eine Boulevard-Seite
machen, dem muss ich sagen, da kann es um den Boulevard-Journalismus
ja nicht so schlecht bestellt sein.
Um auf die beiden Beispiele, die Sie genannt haben, zurückzukommen:
Sicherlich kann man sich über die eine oder andere Überschrift
streiten, sicherlich passiert der eine oder andere Grenzübertritt,
wie das in jedem Medium passiert. Wir werden häufig von
Lesern darauf hingewiesen, dass dieses oder jenes doch zu
hart ist. Und wenn wir der Meinung sind, dann nehmen wir auf
solche Leser-Mails dann auch Rücksicht und schwächen
eine Überschrift ab. Möglicherweise haben wir die
Überschrift in ihrer Härte so nicht wahrgenommen,
weil wir eben ständig mit harten Nachrichten arbeiten.
Bei den "harten Nachrichten" bringen Sie ja
auch Kooperationspartner wie die "Financial Times",
"Brandeins", "Kicker" und andere mit ein.
Laufen Sie da nicht Gefahr, dass die Marke Spiegel Online
verwässert?
Diese Bedenken höre ich jetzt zum ersten Mal. Wir haben
eine sehr starke Marke im Internet und diese hält es
aus, dass wir mit anderen Medien kooperieren. Das ist was
Neues und da schauen Leute aus der alten, traditionellen Medienwelt
schräg drauf und fragen: "Darf man denn das?"
Jaaa, man darf das! Stellt euch vor, ein „Geo“-Text
steht auf Spiegel Online. – Warum? Weil es der Leser
toll findet und ihn bei "Geo"
nicht gefunden hätte. Wir haben eine Zusammenarbeit mit
"Mare".
Das ist eine wunderschöne Zeitschrift mit tollen Reportagen,
sie hat allerdings eine relativ geringe Verbreitung und es
ist ein kleiner Verlag.
Erstens verhelfen wir diesem Magazin zu mehr Bekanntheit,
indem wir seine Geschichten bei uns reinstellen; zweitens
bieten wir unseren Lesern damit exzellenten Lesestoff, den
sie normalerweise nicht gefunden hätten. Ob das Stück
nun von einem "Mare"-Autor kommt und in "Mare"
gedruckt wurde oder es aus dem "Spiegel" kommt,
ist den meisten Lesern ziemlich egal. Dem Leser kommt es darauf
an, guten Stoff auf der Seite zu finden und den bieten wir
ihm damit.
"Eigenartige Kultur was Fehler im Journalismus
angeht"
Es gab jetzt aber auch Geschichten von Kooperationspartnern,
die fehlerbehaftet waren. Da können Sie ja keine eingängige
Qualitätskontrolle mehr machen, da können Sie nur
darauf vertrauen, dass Ihnen dieses Medien etwas Gescheites
anliefert...
Genau so ist es. Wir haben unsere Kooperationspartner sorgfältig
ausgewählt. Ich glaube es wäre vermessen zu sagen,
dass wir bei Spiegel Online eine bessere Qualitätskontrolle
als etwa bei "Geo" haben. Da verlassen wir uns in
der Tat auf die Partner. Natürlich, jeder macht Fehler;
ob es der "Stern", der "Spiegel", die
"Süddeutsche" oder die "FAZ" ist.
Es ist ja in Deutschland eine ganz eigenartige Kultur was
Fehler im Journalismus angeht. Fast jede amerikanische und
britische Zeitung hat eine Spalte "corrections".
Warum haben wir die in Deutschland eigentlich nicht?
Wie sieht das Modell mit den Kooperationspartnern aus?
Wir versuchen ein, maximal zwei sehr hochwertige Kooperationspartner
pro Ressort zu haben.
Wie erfolgt der finanzielle Ausgleich mit den Kooperationspartnern?
Dazu möchte ich nichts sagen.
Die Netzeitung wird demnächst, ähnlich wie
bei einigen Suchmaschinen, eine erweiterte
Nachrichtensuche anbieten. Man öffnet sich dem Netz.
Bei Spiegel Online sind hingegen die meisten Artikel nach
einem Monat nur noch kostenpflichtig abrufbar. Glauben Sie,
dass Sie mit dieser Strategie Ihre große Resonanz beibehalten
können?
Das glaube ich schon. Es kommt darauf an, was man hat und
wie qualitätshaltig das eigene Produkt ist. Wir sind
Bestandteil eines großen Verlagshauses und verfügen
daher über entsprechende Ressourcen. Wir haben deshalb
deutlich mehr Hintergrundstücke, tiefere Analysen, Reportagen,
Features, Berichte von Auslandskorrespondenten.
Die Netzeitung macht ein Nachrichtenprodukt. Da sind kurze,
schnelle Nachrichten, die irgendwoher kommen und die in zwei,
drei Absätzen zusammengefasst werden. Das hat von der
Zusammensetzung her nicht so eine starke Identität wie
das Produkt Spiegel Online. Deswegen ist es ganz natürlich,
dass die Netzeitung diese Linkstrategie verfolgt, die wir
ja bei Google
News schon haben. Ein interessanter Ansatz, den wir aber
erst mal nicht gehen werden.
Was halten Sie speziell auf Ihr Medium bezogen von der
Rückkehr zur alten Rechtschreibung?
Das wäre knifflig, weil wir zum Beispiel die Agenturen
in neuer Rechtschreibung bekommen. Wir haben unsere Kooperationspartner,
die ihre Inhalt ebenfalls überwiegend in neuer Rechtschreibung
liefern. Der "Spiegel" wartet jetzt erst einmal
ab, wie die Reform weitergeht und ob die schlimmsten Fehler
nicht noch korrigiert werden. Es soll ja einen "Rat für
deutsche Rechtschreibung geben", dessen Beratungen werden
wir beobachten und dann entscheiden.
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