|
Bloggen ist Journalismus, Wikinews die Zukunft und das Internet ein Marktplatz der Ideen. Diese und andere Thesen prägten die Tagung "Blogs und Co. - Von neuen Öffentlichkeiten zur heimlichen Medienrevolution", versehen mit einem Fragezeichen, Fragezeichen in Anführungszeichen, Anführungszeichen durchgestrichen.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Der Bildblogger und der Haltungsturner: Christoph Schultheis (l.) im Gespräch mit (Foto:
Tüshaus). |
|
 |
 |
 |
 |
"Bloggen ist Journalismus". Diese These stellte Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach gleich zu Beginn seines Vortrages vor rund drei Dutzend Seminar-Teilnehmern auf, um im Anschluss gleich selbst zu widersprechen ergänzen: "Allerdings mit der Einschränkung, dass es eine sehr subjektive Form von Journalismus ist", dass es außerdem Boulevard und Gonzo ist und "auch mal unter die Gürtellinie geht".
Nicht gerade viel, was da noch von Journalismus übrig bleibt. Ganz ähnlich ging es Sixapart-Mitarbeiter Heiko Hebig, als er versuchte, Weblogs als solche zu definieren. "Personal Publishing, ein CMS für Jedermann, Gegenöffentlichkeit, Zeitvertreib für Geeks, Sprachrohr für Egozentriker, Stricken und Katzenfotos veröffentlichen" - All dass mache Weblogs aus und gleichzeitig auch nicht. Irgendwie. Irgendwie aber auch nicht.
Doch das netzwerk recherche und die Bundeszentrale für politische Bildung hatten nicht nach Wiesbaden zu "Blogs und Co." geladen, um eine allgemeingültige Definition von Weblogs zu erarbeiten. Das haben schon eine ganze Reihe anderer Leute gemacht.
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
Anzahl der täglich bei BILDblog eingehenden "sachdienlichen Hinweise": 20
Davon qualifiziert: 1-2
Anzahl der Leser (unique visitors), die im April 2005 das BILDblog besucht haben: 340.000
Anzahl aller deutschen Weblogs, geschätzt: 100.000
Anzahl der Weblogs, die allein das französische Skyblog hostet: 1.977.650 (Stand 09.05.2005)
Anzahl der Weblogs, weltweit, geschätzt: 16.000.000
Anteil der Erwachsenen an den 120 Mio Onlinern der USA, die ein Blog oder Netz-Tagebuch schreiben, in Prozent: 7
Anteil, der RSS oder XML-Feeds / Newsreader verwendet, um Weblogs zu lesen, in Prozent: 5 |
|
 |
 |
 |
 |
|
"Beim BILDblog ist nicht die Frage, ob es Journalismus ist, sondern eher, ob es ein Blog ist", begann Chef-Bildblogger Christoph Schultheis sein Referat. Wie er sich den Erfolg des wohl meistgelesenen deutschen Weblogs erklären könne? Ähnlich wie die Bild-Zeitung "bedient BILDblog auf der Oberfläche ein boulevardeskes Bedürfnis. Aber wir versuchen, auf der unterhaltsamen Schiene ein Bewusstsein für kritische Beobachtung zu wecken."
Das BILDblog genieße eine hohe Glaubwürdigkeit. Dies erkenne er vor allem an den Lesermails, aus Forendiskussionen und den zahlreichen sachdienlichen Hinweisen, die täglich in seinem Postfach landen.
Doch rund 15.000 Leser täglich (an Werktagen, April 2005) garantieren noch lange keinen Geldsegen. Die bisherigen Reaktionen auf den Spendenaufruf der BILDblogger seien geringer ausgefallen, "als wir gehofft haben." Es reiche vorerst nicht für einen weiteren Schritt in Richtung Professionalisierung: Autoren für ihre Arbeit als Watchblogger zu bezahlen. "Wir arbeiten momentan am Limit."
BILDblog sei vor allem ein Blog, weil die "technisch einfach, praktisch zu nutzen und halbwegs bezahlbar sind", so Schultheis weiter. Und damit leistete der Referent unfreiwillig einen weiteren Beitrag zur Definitionsfrage.
Die Definition des Phänomens "Weblogs" ist die eine, seine Auswirkungen zu erfassen, eine Aufgabe von ganz anderem Kaliber. Dies gelang "in den Diskussionen auf sehr hohem Niveau", wie Moderator Thomas Leif attestierte, jedoch ziemlich gut. Wie also verändert sich der Journalismus im Netz angesichts einer rasant wachsenden...
Stop! Schnitt! Falsch! Rasant wachsen, wenn überhaupt, nur die anderen. In Frankreich zum Beispiel, wie Hebig ausführte, gäbe es mittlerweile Millionen von Blogs. Deutschland dümpele mit geschätzten 100.000 gerade einmal knapp vor Iran (75.000 bei 5 Mio. Onlinern) herum.
Wie also verändert sich der Journalismus im Netz angesichts einer hierzulande noch relativ kleinen, aber schon jetzt ernst zu nehmenden Anzahl von Bloggern?
Blogs sind mehr als nur eine kritische Gegenöffentlichkeit für den klassischen Journalismus. Und ersetzen werden sie ihn nicht. Am Ende der Tagung war klar, dass es nicht etwa um die Existenz zweier paralleler Universen geht, die in einer Art Konkurrenz um die Zukunft des Journalismus ringen würden. Im Gegenteil: Diese beiden Welten üben sogar eine ziemlich große Anziehungskraft aufeinander aus. Blogger thematisieren die Inhalte der Massenmedien oder gleich sie selbst. Einige Massen-, vor allem aber die Onlinemedien begreifen die Blogosphäre längst als Ideengeber, Themenbarometer und Recherchequelle mit einer nie endenden Fülle von sachdienlichen Hinweisen.
"Schon heute muss einem ein
Journalist, der zu seinem Arbeitsgebiet die einschlägigen
Weblogs nicht kennt, oder der noch nie von der Möglichkeit
gehört hat, sich über automatisierte und maßgeschneiderte
Nachrichtenfeeds auf dem Laufenden zu halten, antiquiert
erscheinen", merkte Prof. Dr. Lorenz Lorenz-Meyer an.
Für noch wichtiger als die bloßen Auswirkungen auf journalistische
Arbeitsprozesse hielt der Professor für Online-Journalismus an der FH-Darmstadt allerdings einen anderen Effekt: "Die vielfach
vernetzte Community von Internet-Akteuren verschafft dem
Journalismus einen völlig neuen, in dieser Form noch nie
gekannten Resonanzraum." Die Blogosphäre sei "Kränkung und Bereicherung zugleich." Was könne den Medien besseres passieren als "eine artikulierte, kritische
Öffentlichkeit, die dafür sorgt, dass nicht mehr die Frage nach Anzeigenmärkten und Verlagsstrategien die Diskussion um den Journalismus bestimmt, sondern eine Auseinandersetzung mit den Inhalten?", fragte Lorenz-Meyer.
Angst vor der Macht der Blogger
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Spannende Referate, noch spannendere Diskussionen - Eine rundum gelungene Tagung. (Foto: Tüshaus) |
|
 |
 |
 |
 |
|
Aber wovor hat die schreibende Zunft eigentlich Angst? "Den Blogger als solchen gibt es eigentlich nicht", definierte wieder Hebig. "Die Blogger? Das ist ungefähr wie: Die Menschen", versuchte es
Diese Auffassung vertrat jedenfalls Erik Möller, Autor des Buches "Die heimliche Medienrevolution" und Mitbegründer von Wikinews, dem Nachrichtenableger von Wikipedia. Er berichtete zunächst von "Edit-Kriegen", die um einzelne Einträge toben und stellte die zahlreichen Qualitäts- und Kontrollmechanismen des Systems Wiki heraus.
Mit den englisch-sprachigen Wikinews sei er ganz zufrieden, denn dort sei die "kritische Masse erreicht". Der deutsche Ableger aber hinke vor allem in Sachen Qualität noch ein wenig hinterher. Die Prozesse, die bei den Wikinews zur Auswahl der Nachrichten führen, seien demokratisch und frei.
Wie neutral aber sind die Wikinews wirklich, fragte das Publikum? "Man darf einen neutralen Standpunkt nicht verwechseln mit einer objektiven Darstellung der Wahrheit", antwortete Möller und schon war die Diskussion über verschiedene Objektivitätsideologien und die Zukunft des gesamten Journalismus in vollem Gange.
Politik und Datenschutz
Doch in Wiesbaden ging es nicht nur um Journalismus oder Bloggen oder Beides. Etwa bei Günter Metzges, der von den Chancen des digitalen Massenprotestes berichtete und die campact-Kampagne vorstellte. Oder bei Ulrich Müller: Er präsentierte mit LobbyControl eine Initiative für Transparenz und Demokratie, die ihren Blog als Sprungbrett zu mehr Professionalisierung betrachtet. Rena Tangens vom FoeBud e.V. berichtete schließlich über die BigBrotherAwards - und fesselte die Tagungsteilnehmer in ihrer Präsentation mit den unglaublichen Wahrheiten der Verletzung von Datenschutz und Privatsphäre.
"Nicht lange, und wir werden buchstäblich einen großen Teil
unseres geistigen und sozialen Lebens ins Netz stellen" - mit dieser Prognose von künftiger Privatsphäre stellte Lorenz Lorenz-Meyer die Bedeutung eines neuen, ungeahnten Geflechts von internet-gestützten Services ( flickr.com, furl.net, del.icio.us, last.fm). heraus. Mit diesem "webgestützten Social Network" könnten wir uns "so präzise wie noch
nie auf dem Marktplatz der Ideen platzieren" und "erfahren auf diese Weise von anderen Menschen, die unsere Interessen teilen und uns vielleicht hier und da eine Information voraus haben."
|