|
Auf dem Internet-Portal Dotcomtod verbreiten anonyme Autoren
Negativmeldungen über New-Economy-Firmen. Das Angebot
erfreut sich wachsender Beliebtheit. Doch es werden auch kritische
Stimmen laut.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Umstrittene Gerüchteküche
im Internet: Dotcomtod. (Screenshot: Roman Mischel) |
|
 |
 |
 |
 |
Rheinisches Hochwasser erfasst Arcor: Köln dicht, 600
Pinkslips. Die Überschrift einer typischen Meldung auf
dem Berliner Portal Dotcomtod (www.dotcomtod.de). Anonyme
Nutzer, so genannte Sentinels (Wächter), können
dort Negativmeldungen über New-Economy-Firmen verbreiten.
Die Meldungen werden als "Boo" (sprich: "Buh")
bezeichnet, der Begriff geht auf die erste große E-Commerce-Pleite
in Europa zurück: Die Kleiderhändler von Boo.com
verbrannten bis zum Mai 2000 rund 140 Millionen Euro; 300
Angestellte verloren ihre Arbeit. Die Pleitewelle der Internet-Wirtschaft
hat Deutschland erfasst. Seit April 2001 beschäftigt
sich Dotcomtod mit den Abstürzen von Start-ups. Doch
die Gründer des nichtkommerziellen Angebots (sieht man
mal vom Verkauf von T-Shirts ab) gehen nicht bierernst mit
dem Thema um. Sie bezeichnen sich selbst als "Deutschlands
führender Anbieter für exitorientierte Unternehmensmeldungen".
Aus der Not haben sie ein Spiel gemacht. Für jede Negativmeldung,
die ein Wächter abliefert, erhält er Punkte. Die
Boos basieren zumeist auf Nachrichten anderer Medien oder
auf Pressemeldungen, die wie im obigen Beispiel lakonisch
oder auch mal zynisch kommentiert werden. Spannend wird es
bei Insider-Meldungen der Sentinels. Denn hinter diesen Wächtern
verbergen sich oftmals frustrierte Mitarbeiter betroffener
Firmen, die auf Dotcomtod mitunter geheime Informationen unter
dem Schutz der Anonymität verbreiten.
Rege Teilnahme
Ein Konzept, das Internet-Nutzer offenbar gut annehmen: Meldungen
werden bis zu 3.000-mal abgerufen; täglich gibt es etwa
20 neue Boos. Im Dotcomtod-Jahresbericht 2001 ist allein von
250 Insider-Meldungen die Rede. Konkrete Zugriffszahlen möchte
joman (richtiger Name ist der Redaktion bekannt), der Sprecher
und zugleich einer der drei Mitgründer von Dotcomtod,
"grundsätzlich nicht nennen".
Auch Journalisten beteiligen sich am Spiel: "Es ist
sehr wahrscheinlich, dass viele Wirtschaftsblätter den
ein oder anderen Sentinel in ihren Reihen haben", heißt
es auf der Website. Dotcomtod-Sprecher joman erklärt
die rege Teilnahme von Journalisten so: "Wir haben Tabus
gebrochen und alte Tugenden des Internets wieder aufleben
lassen. Dotcomtod macht deshalb Spaß, und Journalisten
sind doch auch nur Menschen. Der Kollege, der wenige Stunden
vor der Insolvenz eines Unternehmens vom Pressesprecher angelogen
wurde, wird zwangsläufig ein Sentinel."
Informationsquelle
Letztere sind auch die wichtigsten Akteure von Dotcomtod:
"Während die Konkurrenz von "Financial Times
Deutschland" bis GH100 (ein Online-Informationsdienst
der Verlagsgruppe Handelsblatt Online, d. Red.) des Öfteren
bei Kritiklosigkeit, Schlampereien und Jubelorgien ertappt
wurde, liefern die Sentinels drastisch korrekte Einschätzungen
der Situation der New Economy", heißt es im Jahresbericht
2001. "Uns geht es dabei weniger um die tägliche
Medienkritik, sondern eher darum, dass oft die eigenen Mitarbeiter
in betroffenen Unternehmen extrem lange über die tatsächliche
Situation im Unklaren gelassen werden. Das musste sich ändern",
sagt joman.
weiter in Teil 2
»
|