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DOTCOMTOD 06.06.2002
Anonymes von Insidern (1)
Von E-Mail an Thomas Mrazek sendenThomas Mrazek | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Auf dem Internet-Portal Dotcomtod verbreiten anonyme Autoren Negativmeldungen über New-Economy-Firmen. Das Angebot erfreut sich wachsender Beliebtheit. Doch es werden auch kritische Stimmen laut.

Umstrittene Gerüchteküche im Internet: Dotcomtod. (Screenshot: Roman Mischel)

Rheinisches Hochwasser erfasst Arcor: Köln dicht, 600 Pinkslips. Die Überschrift einer typischen Meldung auf dem Berliner Portal Dotcomtod (www.dotcomtod.de). Anonyme Nutzer, so genannte Sentinels (Wächter), können dort Negativmeldungen über New-Economy-Firmen verbreiten. Die Meldungen werden als "Boo" (sprich: "Buh") bezeichnet, der Begriff geht auf die erste große E-Commerce-Pleite in Europa zurück: Die Kleiderhändler von Boo.com verbrannten bis zum Mai 2000 rund 140 Millionen Euro; 300 Angestellte verloren ihre Arbeit. Die Pleitewelle der Internet-Wirtschaft hat Deutschland erfasst. Seit April 2001 beschäftigt sich Dotcomtod mit den Abstürzen von Start-ups. Doch die Gründer des nichtkommerziellen Angebots (sieht man mal vom Verkauf von T-Shirts ab) gehen nicht bierernst mit dem Thema um. Sie bezeichnen sich selbst als "Deutschlands führender Anbieter für exitorientierte Unternehmensmeldungen".

Aus der Not haben sie ein Spiel gemacht. Für jede Negativmeldung, die ein Wächter abliefert, erhält er Punkte. Die Boos basieren zumeist auf Nachrichten anderer Medien oder auf Pressemeldungen, die wie im obigen Beispiel lakonisch oder auch mal zynisch kommentiert werden. Spannend wird es bei Insider-Meldungen der Sentinels. Denn hinter diesen Wächtern verbergen sich oftmals frustrierte Mitarbeiter betroffener Firmen, die auf Dotcomtod mitunter geheime Informationen unter dem Schutz der Anonymität verbreiten.

Rege Teilnahme

Ein Konzept, das Internet-Nutzer offenbar gut annehmen: Meldungen werden bis zu 3.000-mal abgerufen; täglich gibt es etwa 20 neue Boos. Im Dotcomtod-Jahresbericht 2001 ist allein von 250 Insider-Meldungen die Rede. Konkrete Zugriffszahlen möchte joman (richtiger Name ist der Redaktion bekannt), der Sprecher und zugleich einer der drei Mitgründer von Dotcomtod, "grundsätzlich nicht nennen".

Auch Journalisten beteiligen sich am Spiel: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass viele Wirtschaftsblätter den ein oder anderen Sentinel in ihren Reihen haben", heißt es auf der Website. Dotcomtod-Sprecher joman erklärt die rege Teilnahme von Journalisten so: "Wir haben Tabus gebrochen und alte Tugenden des Internets wieder aufleben lassen. Dotcomtod macht deshalb Spaß, und Journalisten sind doch auch nur Menschen. Der Kollege, der wenige Stunden vor der Insolvenz eines Unternehmens vom Pressesprecher angelogen wurde, wird zwangsläufig ein Sentinel."

Informationsquelle

Letztere sind auch die wichtigsten Akteure von Dotcomtod: "Während die Konkurrenz von "Financial Times Deutschland" bis GH100 (ein Online-Informationsdienst der Verlagsgruppe Handelsblatt Online, d. Red.) des Öfteren bei Kritiklosigkeit, Schlampereien und Jubelorgien ertappt wurde, liefern die Sentinels drastisch korrekte Einschätzungen der Situation der New Economy", heißt es im Jahresbericht 2001. "Uns geht es dabei weniger um die tägliche Medienkritik, sondern eher darum, dass oft die eigenen Mitarbeiter in betroffenen Unternehmen extrem lange über die tatsächliche Situation im Unklaren gelassen werden. Das musste sich ändern", sagt joman.

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