| MEDIENJOURNALISMUS |
30.06.2005 |
| Vom Glück, BILDblog
zu machen |
| Von Stefan Niggemeier |
 |
Am 06. Juni 2004 nahmen die Macher des BILDblog
ihre Arbeit auf. Ein Jahr später werden sie mit dem
Grimme Online Award ausgezeichnet. In einem Gastbeitrag
für onlinejournalismus.de reflektiert BILDblog-Mitstreiter
Stefan Niggemeier, was er aus dem ersten Jahr BILDblog
gelernt hat. Und was ihn antreibt, weiterzumachen.
Am 7. Januar erschien in "Bild" eine kleine
Meldung auf der letzten Seite. Eine portugiesische Familie
habe bei einem Picknick in Pamplona Fleischspieße grillen
wollen, stand darin. Die 93-jährige Oma sei, während
die anderen Holz suchten, auf einem Klappstuhl zurückgelassen
worden, ins Feuer gefallen und verbrannt. "Bild" hatte
eine vermutlich lustig gemeinte Überschrift darüber
gesetzt: "Großmutter aus Versehen gegrillt".
Die Geschichte war nicht nur eklig. Sie klang auch irgendwie
unwahrscheinlich. Sie war sonst nirgends zu finden, jedenfalls
nicht in deutsch- oder englischsprachigen Medien. Und mit
unserem Spanisch ist es nicht so weit her. Wir konnten nicht
beweisen, dass der Artikel falsch war. Aber wir wollten ihn
auch nicht auf sich beruhen lassen. Dann hatten wir eine
Idee, die uns revolutionär vorkam: Wir fragten in einem
Eintrag unsere Leser, ob jemand vielleicht die Originalquelle
für den "Bild"-Artikel ausfindig machen
könnte. Innerhalb kürzester Zeit schrieben uns
vier Leute und bestätigten mit Links und Übersetzungen
unseren Verdacht: "Bild" hatte die Familien-Picknick-Geschichte
erfunden. Es gab keine Grillspieße und keine Holzsuche.
Die "gegrillte Großmutter" war eine
obdachlose Frau, die schrecklich verbrannte, als sie sich
an einem Feuer
in einer Blechtonne wärmen wollte und sich die Decken
entzündeten, in die sie sich gehüllt hatte.
Für langjährige Blogger mag das eine banale Anekdote
sein; für einen klassischen Journalisten ist die Erkenntnis
ein Kulturschock: Wir können ja unsere Leser fragen.
Unter den vielen Tausend Unbekannten, die täglich auf
BILDblog.de vorbeikommen, sind nicht nur Menschen, die spanisch
sprechen, sondern auch Experten für Steuerrecht, für
Astronomie und für die Feinheiten beim Rangieren von
Eisenbahnen. Unsere Leser wissen alles. Wir müssen sie
nur fragen. Und manchmal schreiben sie uns auch so.
Wir bekommen am Tag ungefähr zwanzig "sachdienliche
Hinweise". Manche davon sind Lappalien. Manche
unbrauchbar, weil der Leser irgendetwas missverstanden hat.
Manche genau
richtig, aber zu speziell, als dass man daraus einen Eintrag
machen könnte. Aber ohne die Mitarbeit unserer Leser
könnten wir BILDblog nicht machen. Ein paar sind regelmäßige
Lieferanten, so etwas wie Hilfs-BILDblogger, die mit großer
Ausdauer und Energie "Bild" nach Bedenklichem
und Falschem durchforsten. Andere melden sich, wenn ein "Bild"-Bericht
in ihr eigenes persönliches oder fachliches Umfeld berührt.
Diese Nähe, die Kommunikation löst bei einem Journalisten,
der sonst, wenn es hoch kommt, in der Woche einen Leserbrief,
aber siebzehn "sachdienliche Hinweise" von
PR-Agenturen bekommt, ein ungeahntes Glücksgefühl
aus. Viele machen unser BILDblog zu ihrem BILDblog und zeigen
uns das
durch Beteiligung – und Kritik. Unsere Leser wissen
nicht nur alles, sie wollen auch alles. Sie wollen einen
RSS-Feed (selbstverständlich!), aber am liebsten auch
einen Newsletter; sie wollen, dass die Seite auch im Ganzbildmodus
von Opera 8.0 gut aussieht und dass sie auch als reine Feed-Leser
informiert werden, wenn sich in der Link-Liste etwas tut;
sie wollen, dass man einzelne Einträge auch ausdrucken
kann (wörtlich: "Ich will ab morgen eine
Funktion zum Ausdrucken implementiert haben *aufstampf*"),
und wehe, man nimmt das Angebot wegen technischer Probleme
wieder
zurück.
Aber dafür schicken Sie uns auch hundertfach Entwürfe,
wenn wir sie bitten, uns eine Gratis-Werbepostkarte zu gestalten.
Als wir so unvorsichtig waren, sie um Erklärungen für
eine besonders unerklärliche "Bild"-Formulierung
zu bitten, hatten wir nach drei Minuten fünf E-Mail-Antworten
und nach drei Stunden 170. Die meisten mit klugen Gedanken,
und einige mit wunderbar abwegigen Theorien. Die Lust, mitzuwirken
an BILDblog, scheint grenzenlos.
Und führt gelegentlich zu beunruhigenden Auswüchsen.
Als wir einmal einen Beitrag über Hauke Brost brachten,
einen "Bild"-Kolumnisten, der zu seinen
Artikeln voller Klischees über Frauen und Ausländer
nur stehen kann, indem er sie als Satire verstanden wissen
will,
war darin auch ein Link zu seiner Homepage enthalten. In
kürzester Zeit hatten unsere Leser dem Mann sein Gästebuch,
man kann es nicht anders sagen: vollgekotzt. Eine offenbar
jahrelang aufgestaute Wut brach sich Bahn. Erschrocken verfolgten
wir, wie sich – trotz unserer Bitten um Zurückhaltung – die
Schreiber in immer groteskeren und abstoßenderen Beschimpfungen überboten.
Ein Mitarbeiter von "Bild" sagte später:
Da sehe man mal, wir sollten von unserem hohen moralischen
Ross runterkommen. Unter unseren Lesern sei genauso ein "Mob"
wie unter denen der Zeitung, für die er arbeitet. Wir hätten
ihm den vermeintlichen Beweis für diese Illusion lieber
nicht geliefert.
Als wir vor gut einem Jahr anfingen, ein paar Notizen über
die "Bild"-Zeitung in einem Blog zu sammeln,
hatten wir keinen Plan, wohin das einmal führen sollte.
Wir hatten keine Vorstellung, wie viele Leute das lesen wollen
würden, sondern nur das Bedürfnis, all das, was
uns täglich in "Bild" begegnete, festzuhalten.
Für uns. Und jeden, den es interessiert. Wir haben bis
heute keine Werbung gemacht, es gibt nach über einem
Jahr immer noch kein offizielles BILDblog-Banner (weshalb
viele Leser sich rührenderweise selbst welche basteln),
und trotzdem schauen an Werktagen inzwischen deutlich über
20.000 verschiedene Menschen vorbei, ob es etwas Neues bei
uns gibt. Fast jede Woche kommen neue hinzu, und erstaunlicherweise
bleiben die meisten.
Fast vom ersten Tag an bekamen wir Mails mit der Frage,
ob wir Unterstützung gebrauchen könnten, Spenden
oder so. Als wir dann endlich eine Kontonummer eingerichtet
hatten, gaben uns viele Geld. Es kam nicht ganz so viel zusammen,
wie wir uns erhofft hatten. Denn die, die etwas spendeten,
gaben meistens kleine und kleinste Beträge – gelegentlich
mit dem Hinweis, mehr sei leider nicht drin. Wir hatten gehofft,
dass sich noch mehr Menschen mit kleinen Beträgen beteiligen,
dass sich vielleicht ein paar Großspender finden würden,
und vor allem: dass das Geld regelmäßiger fließen
würde. Nachdem die erste Welle vorbei war und die Einnahmen
nur noch tröpfelten, waren wir etwas ernüchtert.
Aber dass überhaupt so viele Leute es Wert fanden, uns
Geld zu geben, bleibt eine wunderbare Erfahrung.
Die meisten Leser stellen uns (und anscheinend auch sich)
nicht die Frage, ob das etwas bringt, was wir da machen.
Ob man an "Bild" etwas ändern kann,
an ihrer Skrupellosigkeit, ihrer Fahrlässigkeit, ihrer
Parteilichkeit, ihren Lügen– oder
wenigstens an der Art, wie "Bild" wahrgenommen
wird. Wir haben BILDblog nicht gegründet in der festen
Annahme, damit bei anderen etwas bewirken zu können.
Wir hätten uns nicht erträumt, eines Tages zu erfahren,
dass viele "Bild"-Redakteure morgens im
Büro
als erstes mit mulmigem Gefühl bei uns nachsehen, ob
es sie heute "erwischt" hat.
Nach einem Jahr BILDblog fühle ich mich gegenüber
der größten und einflussreichsten deutschen Zeitung
weniger ohnmächtig denn je. Es fängt damit an,
dass ich mich früher nicht getraut hätte, der "Bild"-Zeitung "Lügen"
zu unterstellen - aus Furcht vor juristischen Konsequenzen
und
aus dem Gefühl, das möglicherweise nicht beweisen
zu können: dass "Bild" wissentlich
Fakten falsch darstellt. Heute weiß ich: Mit dem Archiv,
das BILDblog darstellt, kann ich es beweisen, wenn ich muss.
Und jeder andere, der es will, kann es auch.
Viele Skeptiker nehmen an, dass wir mit unserem Projekt
nur die Leute erreichen, die sich ohnehin keine Illusionen
machen, was die Qualitäten von "Bild" angeht.
Ich glaube, das ist doppelt falsch: Erstens liefern wir denen,
die immer schon das Gefühl hatten, dass "Bild" häufig
nicht die Wahrheit schreibt, erstmals aktuelle Argumente
und Beweise. Und zweitens erreichen wir auch ganz andere
Leute als die vielleicht anzunehmende Zielgruppe von Linken
und Intellektuellen. Seit wir über ein paar grobe Schnitzer
in der Fußballberichterstattung geschrieben haben,
lesen uns zum Beispiel nachweislich viele Mitglieder von
Fanclubs. Und zum Tollsten gehört es, in Internetforen
zu beliebigen Themen die Kraft der Aufklärung am Werk
zu sehen. Wenn irgendjemand eine "Tatsache" gepostet
hat und auf "Bild" als Quelle verweist,
findet sich oft schnell ein anderer, der mit einem dezenten
Hinweis
auf uns die Glaubwürdigkeit dieser Quelle in Frage stellt – und
im Idealfall sogar auf einen Eintrag bei uns verlinken kann,
der den Sachverhalt in ein anderes Licht rückt.
Auch das ist eine Form unmittelbarer Wirkung, von der ich
als klassischer Journalist immer geträumt habe und als
BILDblogger am Anfang nicht zu träumen gewagt hätte. |