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WEBLOGS 25.10.2004
Die neue fünfte Gewalt im Staate?
Von Email an Benedikt Tüshaus sendenBjörn Ognibeni | [externer Link]Homepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Während Weblogs in Deutschland gerade beginnen sich zu etablieren, sind sie in den USA bereits eine feste Größe in der Medienlandschaft: sie erreichen dort inzwischen jeden Tag Millionen von Lesern, haben es geschafft, das bisherige Monopol der Medien aufzubrechen und helfen, politische Karrieren zu starten oder vorzeitig zu beenden. Was sind die Gründe für diesen Erfolg? Wie reagieren traditionelle Medien darauf? Und welche Auswirkungen hat dies für uns hierzulande?

(Montage: ojour.de)

Wir hören es seit Mitte der 90er Jahre mit schöner Regelmäßigkeit immer mal wieder: das Internet wird Politik und Gesellschaft von Grund auf verändern. Bald wird alles viel transparenter, viel basisdemokratischer. Der Einzelne erhält mehr Einfluss auf das große Ganze usw. usf. Aber während Amazon & Co. im Unternehmensbereich so einiges durcheinander gewirbelt haben, scheinen unsere demokratischen Systeme deutlich resistenter gegenüber Einflüssen aus der virtuellen Welt. Wirklich geändert hat sich bisher jedenfalls nur sehr wenig.

Doch nun unternimmt ein neues Online-Format einen neuen, vielleicht aussichtsreicheren Anlauf: die Rede ist von [externer Link]Weblogs oder kurz Blogs!

Was ist das Neue an Weblogs?

Bereits im Sommer hatte Onlinejournalismus.de dem Medium Weblog ein ganzes interner LinkDossier gewidmet und dort ausführlich beschrieben, was man darunter versteht und wie es eingesetzt werden kann. Blogs haben vor allem einen Vorteil: Mit ihnen kann sich zum ersten Mal praktisch jeder zu extrem niedrigen Kosten sein eigenes kleines, aber trotzdem globales Medium aufbauen - Leserschaft inklusive!

Innerhalb weniger Minuten ist es so möglich eine professionell aussehende Website online zu bringen und darüber kontinuierlich die Dinge zu publizieren, die man der Welt mitteilen möchte. Größere technische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Wer diese erste Hürde genommen hat, steht schnell vor der Frage, wie er potenzielle Leser auf seine Veröffentlichungen aufmerksam macht. Doch auch hier hat man mit Weblogs gute Karten. Denn zum einen landen Weblog-Seiten, aufgrund ihrer Struktur in den Ergebnislisten von Suchmaschinen wie Google häufig sehr weit oben. So stößt man heutzutage bei fast jeder Online-Recherche schnell auf zahlreiche derartiger Sites. Zum anderen existieren Weblogs nicht allein und isoliert im Internet, sondern sind mehr oder weniger automatisch Bestandteil eines eigenen Netzwerkes - der sogenannten Blogosphäre.

Durch einen Mix aus speziellen Webseiten und verschiedenen Technologien hat sich hier eine Infrastruktur entwickelt, die auf vielen Ebenen alle Weblogs weltweit miteinander verbindet. So kann man z.B. sehen, wer in diesem Augenblick etwas Neues in seinem Weblog "gepostet" hat ([externer Link]Blogg.de) oder welche Themen zur Zeit diskutiert werden ([externer Link]Blogdex.net). Durch dieses System schaffen es manche Blog-Postings enorme Reichweiten zu erzielen. Vor allem dann, wenn andere Blogger so auf einen Artikel aufmerksam werden, hierüber in ihren eigenen Weblogs berichten und damit einen Schneeballeffekt auslösen.

Wird der richtige Inhalt zur richtigen Zeit per Weblog veröffentlicht, kann die Blogosphäre für den einzelnen Blogger schnell zu einem riesigen Megaphone werden, mit dem er die ganze Welt erreicht. So haben manche, von Privatpersonen geführte Politik-Weblogs in den USA, wie zum Beispiel DailyKos oder Instapundit, inzwischen schon etwa 250.000 Besucher pro Tag bzw. 8 Millionen pro Monat (Quelle: [externer Link]Focus, [externer Link]Instapundit Stats) - deutlich mehr als viele Seiten von kommerziellen Medien.

Aber selbst wenn nicht Millionen das eigene Blog lesen, was eher selten passiert, kann man auch mit geringeren Reichweiten große Wirkungen erzielen. Insbesondere wenn man eine kleine, aber einflussreiche Gruppe (zum Beispiel Journalisten) damit zielgenau erreicht - Grundsatz: [externer Link]"Weblogs influence the Influencers".

Weblogs holen sich ihren ersten Skalp!

Dass dies nicht nur graue Theorie ist, bekam der prominente US-Senator Trent Lott im Dezember 2002 zu spüren. Damals hatte er in einer Rede auf der Geburtstagsfeier eines Kollegen eine eindeutig rassistische Bemerkung gemacht, was seine Zuhörer im ersten Augenblick erkennbar schockierte. Aber obwohl zahlreiche Journalisten anwesend waren, berichteten die Medien kaum darüber. In Zeiten des "24-Hour-News Cycle" wurde das Thema schnell alt und verschwand von der Agenda. Doch dann erschienen in zwei einzelnen Weblogs unabhängig voneinander Artikel zu dem Vorfall. Dies machte wiederum andere Blogger auf das Ereignis aufmerksam, die daraufhin begannen ebenfalls darüber zu schreiben. Plötzlich erhielt das Thema neue Aktualität. Nach einigen Tagen griffen auch große Medien es wieder auf und weniger als 2 Wochen später, war der öffentliche Druck so groß, dass Trent Lott sich gezwungen sah, zurückzutreten. Das Internet hatte seinen ersten Skalp, wie ein Zeitungskommentator damals schrieb.

Weblogs und die Presse - der Leser schreibt zurück

In diesem Fall war aber nicht allein das Verhalten von Trent Lott Gegenstand der Weblog-Artikel, sondern vor allem auch die fehlende Berichterstattung in der Presse. Plötzlich wurden die Medien selbst von ihren eigenen Konsumenten publizistisch zum Thema gemacht und damit zu einer Reaktion gezwungen. So etwas wäre bisher nur schwer möglich gewesen und zeigt exemplarisch, was Weblogs und die Blogosphäre leisten können. Natürlich ersetzen sie nicht die traditionelle Presse. Aber die Medien erhalten damit eine Art Rückkanal, der ihre Arbeit überwacht und mit dem sie sich auseinandersetzen müssen. Denn zukünftig dürften so Defizite in der Berichterstattung immer häufiger und schneller offen gelegt werden.

Derartige Weblogs, Watchblogs genannt, die sich zur Aufgabe gemacht haben, systematisch bestimmte Bereiche des öffentlichen Lebens kritisch zu begleiten, gibt es auch hierzulande. Ein gutes Beispiel dafür ist das [externer Link]BILDBlog. Ein Gruppe von Journalisten nutzt hier das Medium Weblog, um "die kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme" in Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung aufzudecken. Zum ersten Mal bekommt man so all die Unstimmigkeiten, welche bisher in der Masse der Berichte untergegangen sind, Tag für Tag geballt vor Augen geführt. Im Mai 2004 gestartet, erreicht Bildblog.de heute bereits viele Tausende Leser pro Tag - verglichen mit der Millionen-Auflage der BILD sicher noch nicht viel, aber immerhin ein Anfang.

Perspektiven

Neben Medien und Politik werden sicher sehr bald auch andere Gruppen, vor allem Unternehmen, feststellen, dass sich spezialisierte Watchblogs ihrer annehmen. Wahrscheinlich ist auch, dass zukünftig verstärkt Insider anonyme Weblogs nutzen, um darüber internes Wissen, vorbei am Filter Presse, direkt in die Öffentlichkeit zu bringen. Ist das, was sie zu sagen haben, interessant genug, wird die Blogosphäre schon für die gewünschte Reichweite sorgen. Hier wird auch schnell deutlich, wo eines der zentralen Probleme vieler, vor allem anonymer, Weblogs liegt: Wenn die Identität eines Bloggers genauso unbekannt ist, wie seine Motive und wenn er nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, wie beurteilt man dann die Glaubwürdigkeit seiner Artikel?

Belege von Fakten durch Weblinks zu Originalquellen und Interaktion mit Blog-Lesern über Kommentarfunktionen können dieses Problem zwar etwas entschärfen. Trotzdem sollte man es nicht aus den Augen verlieren. Sind Weblogs nun der große basisdemokratische Durchbruch auf dem Weg in die eDemocracy? So etwas wie die zukünftige Stimme der schweigenden Mehrheit?

Noch ist das schwer zu sagen. Aber sie sind mit Sicherheit schon heute für viele eine willkommene Abwechslung vom Einheitsbrei der aktuellen Medienlandschaft, weil sie ein wenig Glasnost und Perestroika in unsere realexistierenden Demokratien bringen. Was jedoch am Ende wirklich vom Weblog-Boom bleibt, liegt an uns selbst und was wir daraus machen...

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