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FORSCHUNG 21.10.2004
Apokalypse und Euphorie: Über neue Medien und ihre Erforschung
Von Email an Thomas Meier sendenKlaus Meier | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Zehn Jahre Online-Journalismus – das bedeutet acht Jahre Forschung über den Online-Journalismus. Sozialforschung hinkt gesellschaftlichen Entwicklungen immer ein wenig hinterher. Darf man deshalb von einem jungen Forschungsfeld (noch) weniger erwarten als von einem jungen Medium? Einige Impressionen zur Medien- und Forschungsentwicklung.

Klaus Meier leitet den Studiengang Online-Journalismus an der Fachhochschule Darmstadt. (Foto: Benedikt Tüshaus)

Neue Medien – neue Zeiten

Es war das Jahr 1660, als die Tageszeitung zehn Jahre alt wurde und eine Reichweite von knapp zwei Prozent erreichte. Und es dauerte noch weitere 17 bis 35 Jahre, bis die ersten "Medienforscher" über die "neue Zeitungs-Sucht" wetterten, aber auch den Nutzen der Zeitung für alle Arten von Welterkenntnis und die Lust am Lesen hervorhoben. Es sollte noch fast 200 Jahre dauern, bis die ersten hauptberuflichen Journalisten von ihrem Job leben konnten.

Es war das Jahr 1933, als der Hörfunk in Deutschland zehn Jahre alt wurde und schon zehn Millionen Hörer hatte. Weder das Engagement der ersten Radiomacher noch gut gemeinte Reflexionen und Utopien (z.B. Bertolt Brechts Radiotheorie) konnten verhindern, dass die Nationalsozialisten das neue Medium sehr schnell übernahmen und zu einem gigantischen Propaganda-Apparat ausbauten.

Es war das Jahr 1962, als das Fernsehen in Deutschland zehn Jahre alt wurde. Wer einen Fernseher hatte, saß schon damals jeden Abend zwei Stunden davor – obwohl es nur ein Programm zu sehen gab. Die Zeitungsverleger hatten gerade gegen das Werbefernsehen (erfolglos) geklagt, weil sie um ihre Anzeigenerlöse fürchteten. Und das Bundesverfassungsgericht hatte Konrad Adenauer verboten, ein zweites Programm, nämlich ein von der Regierung kontrolliertes "Deutschland-Fernsehen", einzuführen. Kaum einer rechnete damit, dass sich jemals mehr als zwei oder drei Programme rentieren könnten: Die Fernsehminute kostete 500 Mark, die Radiominute nur 25 Mark.

Im Jahr 2004 ist nun der Online-Journalismus zehn Jahre alt. 95 Prozent der Jugendlichen nutzen das Internet, aber nur noch 52 Prozent lesen eine Tageszeitung. Spiegel Online zum Beispiel hat schon eine höhere Reichweite als der gedruckte Spiegel. Die Deutschen surfen im Schnitt 43 Minuten pro Tag im Netz – und sitzen 230 Minuten vor der Glotze. Die allgemeine Skepsis, dass sich Online-Journalismus jemals rentieren wird, ist nach der Krise der New Economy weit verbreitet, obwohl die Internet-Ableger von Presse und privatem Rundfunk schon 250 Millionen Euro im Jahr durch Werbung einnehmen und seit Jahren der Werbeträger mit den höchsten Zuwachsraten sind.

Angst und Hoffnung, Apokalypse und Euphorie, Unterdrückung und Freiheit. Wenn neue Medien nicht nur das Licht der Welt erblicken, sondern sich in Gesellschaften etablieren, spielen sowohl gesellschaftliche Machtkonstellationen als auch Gefühle und Befindlichkeiten des Publikums eine Rolle. Und die beste Delphi-Studie kann nicht vorhersehen, was in fünf, zehn oder gar 20 Jahren sein wird. Dennoch müssen sich Medienmanager und Redaktionsleiter immer wieder entscheiden, welchen Weg sie einschlagen wollen.

Forschung als Ratgeber, als Analyse – und als kritischer Widerpart

Wie kann wissenschaftliche Forschung und Lehre einem Journalismus nutzen, der ein junges Medium als Plattform einsetzt? – Nun, zunächst einmal hat die Wissenschaft einen gesellschaftlichen Auftrag und keinen privatwirtschaftlichen. Deshalb ist die Journalistik auch immer kritischer Widerpart des Journalismus, beschreibt Defizite und Fehlentwicklungen, belässt es aber nicht bei der Kritik, sondern zeigt Fakten und Argumente für neue Wege auf und erforscht systematisch Innovationen zur Verbesserung journalistischer Qualität. Der hauptsächliche "Output" der Wissenschaft ist dabei nicht die Publikation von Forschungsergebnissen, sondern die Ausbildung von akademisch geschultem Nachwuchs.

Forschung lässt sich analytisch in zwei Bereiche trennen: Grundlagen- und Anwendungsorientierung. Dank Grundlagenforschung wissen wir zum Beispiel, dass es in Deutschland rund 600 Journalisten gibt, die ausschließlich für das Internet arbeiten, und weitere ca. 3600, die einen Teil ihrer Arbeitszeit in Online-Medien investieren. Wir wissen, wie sie generell arbeiten und vor welchen Problemen sie stehen. Die interner LinkForschungsprojekte der TU Ilmenau oder des Münsteraner Professors interner LinkChristoph Neuberger zum Beispiel analysieren die Genese und Realität des Online-Journalismus und bieten damit Grundlagen für Reflexion und Weiterentwicklung.

Anwendungsorientierte Projekte haben dagegen einen direkten Nutzen für die Praxis und arbeiten oft mit Partnern aus der Medienwirtschaft zusammen. Schon immer interessiert dabei die Journalisten die Frage nach dem Publikum am meisten: Was will mein Leser? Wo klicken die Nutzer und warum? Wie bringe ich sie dazu, sich mehr als drei Seiten unseres Online-Magazins anzusehen oder sich am Forum zu beteiligen? Die Usability Studies zum Beispiel kümmern sich um Fragen des Designs und der Nutzerführung. Schon manches Forschungszentrum hat frühzeitig ein Usability Lab eingerichtet – in den USA beispielsweise das [externer Link]Poynter Institute, in Deutschland etwa die [externer Link]Forschergruppe um Hans-Jürgen Bucher an der Universität Trier.

Nicht zu unterschätzen sind die vielen Projekte, die das Wissen um das neue Medium systematisieren und als Lehrbuch, Vortrag, Weiterbildung, Coaching oder Beratungsleistung der Praxis zur Verfügung stellen. Das Handbuch interner Link"Internet-Journalismus" zum Beispiel wurde an einer Universität entwickelt und an einer Fachhochschule fortgeschrieben; es hat sich seit 1998 insgesamt 6200 Mal verkauft. Interessant wäre eine Studie dazu, ob sich das Buch in irgendeiner Weise auf die journalistische Praxis ausgewirkt hat. Hier allerdings stößt die Wirkungsforschung an Grenzen – wie auch bei der Frage nach der Wirkung von Studiengängen oder der Wirkung der Journalistik generell. Man darf skeptisch sein, aber auch hoffen, dass Wissenschaft dazu beiträgt die Berufsfelder zu professionalisieren. Im Sommer 2005 werden die interner Linkersten Diplom-Online-Journalisten die Fachhochschule Darmstadt verlassen. Schon die ersten Diplomarbeiten werden demnächst einigen anwendungsorientierten Nutzen bieten.

Klaus Meier ist Professor für Online-Journalismus an der FH Darmstadt und Herausgeber des Standardwerks "Internet-Journalismus".

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