| MEINUNG |
25.10.2004 |
| Mehr Online als Journalismus:
Zehn Jahre Copy and Paste |
Von Fabian
Mohr |
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1994 wagten sich die ersten deutschen Verlage und
Sender ins Netz. Zehn spannende, aufregende Jahre –
inzwischen ist Online ein etabliertes, lebendiges Medium.
Mit einer Einschränkung: Journalismus spielt keine nennenswerte
Rolle.
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| Strg +c, Strg +v:
Tastaturkürzel, die den Online-Redaktionsalltag
bestimmen? (Montage: ojour.de) |
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Herbert Riehl-Heyse schüttelte den Kopf. Sie wolle zu
einem Online-Medium wechseln, hatte ihm da gerade eine junge
Zeitungskollegin gebeichtet. Alles Mist, brummelte der große
Riehl-Heyse und subsummierte in zwei Worten, was A-Class-Journalisten
aus den alten Medien noch Ende der 90er-Jahre über
Online dachten.
Und – höchstens in etwas mildere Worte verpackt
- großenteils immer noch
denken. Aus freien Stücken und journalistischen Erwägungen
in eine
Internet-Redaktion zu wechseln, gilt gestandenen Print- oder
TV-Machern als
undenkbar, jenseitig. Es gibt Ausnahmen wie Spiegel Online-Chef
Müller von
Blumencron. Es sind wenige.
Im Trüben fischen
Anfangs spielte bei der barschen Abwehrhaltung auch Unkenntnis
mit - etwa,
als Wolf von Lojewski zu "heute journal"-Zeiten
einen ihm mühsam
abgerungenen Online-Hinweis vor Millionen Zuschauern mit den
Worten
einleitete: "Falls Sie mal wieder im Trüben fischen
wollen...". Inzwischen
ist das Netz als Phänomen bis zum hintersten Old-Media-Redakteur
durchgedrungen. Nur – es entfaltet keinen Sex-Appeal.
Welch ein Unterschied zu den Anfangstagen des Fernsehens.
Als die Bilder
auch im TV laufen lernten, wechselten renommierte Hörfunk-
und
Printjournalisten in das neue Medium. Neben Unterhaltung stand
Fernsehen in
Deutschland von Beginn an auch für journalistische Formate
- eine neue,
elektrisierende Spielwiese für Reporter und Autoren.
Der Schwenk in die Gegenwart macht das ganze Ausmaß
der
onlinejournalistischen Versteppung deutlich. Überläufer
wie Heribert Prantl
oder Claus Kleber wird es nicht geben. Natürlich nicht
- dazu findet zu
wenig guter, originärer Journalismus im Netz statt.
Wirklich? Vielleicht sollte man sich darüber verständigen,
was guter,
ernstzunehmender Online-Journalismus überhaupt ist.
Kopieren, dichten, kopieren
Ist es bereits Journalismus, die Meldung einer Nachrichtenagentur
in ein
Content Management System (CMS) zu kopieren? Wird Journalismus
daraus, weil
man eine eigene Headline erfindet, einen eigenen Vorspann
dichtet? Ist es
schon Journalismus, einen Print-Text oder ein Sende-Manuskript
1:1 ins
Online-Angebot zu stellen? Ist es noch Journalismus, PR-Texte
unredigiert
ins Netz zu stellen - etwa Verlagstexte als Buchrezensionen?
Ist es noch
Journalismus, aus einer Handvoll mal mehr, mal weniger glaubwürdiger
Internetquellen einen eigenen Beitrag zusammenzukopieren?
In allen vier Fällen lautet Ihre Antwort vermutlich
"nein" oder "nicht
wirklich". Nur: Diese vier Szenarien decken beinahe die
gesamte Spannbreite
der Mainstream-Online-Publizistik ab. Informationen kommen
fast immer aus
zweiter Hand: Selber nachhaken, zum Telefon greifen, "auf
Termine" gehen,
mit Menschen reden, sich ein eigenständiges Urteil bilden
aufgrund eigener
Recherchen - für das Gros der Online-Journalisten nicht
mehr als Theorie.
Rundum eigenrecherchierte Geschichten zu produzieren, eine
zentrale
Fertigkeit jedes Journalisten, wird Onlinern nicht abverlangt.
Schlimmer: Es
gilt als Luxus.
Dass eigene Geschichten nicht oder höchstens sporadisch
auftauchen, wird
gerne mit "Klicks" begründet. Selbstgeschriebene
Geschichten bringen keine
Klicks. Heißt es. Mindestens aber zu wenige Klicks,
stellt man die
Mehrkosten für eigenproduzierte Inhalte in Rechnung.
Hintergrund: IVW, das
Zählsystem, mit dem die meisten deutschen Internet-Angebote
ihre Zugriffe
standardisiert messen lassen.
Ein 1x1 des Klicks
Aus journalistischer Perspektive gesehen, bewertet IVW die
Online-Inhalte
auf absurde Art und Weise. Eine spannende, im besten Fall
sogar Image
bildende Story aus eigener Herstellung – ein Klick.
Eine 28-teilige
Bildergalerie über die "Arschbomben-WM" (zu
bestaunen bei einem ehemals
Grimme-prämierten Nachrichtenangebot) – 28 Klicks.
Noch grotesker wird es,
wenn PDA-Seiten ins Spiel kommen. Wer seine abonnierten Nachrichtenkanäle
auf dem Handheld-Computer aktualisiert, generiert auf einen
Schlag Dutzende
IVW-konforme Klicks. Unabhängig davon, ob auch nur eine
der
heruntergeladenen Seiten jemals gelesen wird.
Dass die werbetreibende Industrie dadurch potemkinsche Reichweiten-Daten
erhält – ihr Problem. Journalisten aber sollten
beunruhigt sein, wenn ihr
Output, wenn ihre Ideen letztendlich nur im Licht solcher
Zahlenspielereien
taxiert werden. Und eine Ecke weiterdenken. Man könnte
sinnieren, welchen
Weg die Süddeutsche Zeitung gegangen wäre –
hätte sie ihre "Seite Drei" mit
austauschbaren Belanglosigkeiten und Agenturtexten, nicht
mit exklusiven
Reportagen bestückt. Heute ist die "Seite drei"
eine eigene Marke, ein
geldwertes "Asset" - viele Jahre lang beharrlich
mit hochwertigen Inhalten
angefüttert und aufgebaut.
Spiegel Online, im Oktober seit 10 Jahren "auf Sendung",
geht im Rahmen
seiner Möglichkeiten in eine ähnliche Richtung –
eigene Autoren besetzen oft
die besten Plätze auf der Homepage. Ist das ein Gradmesser
dafür, wie es um
Online-Journalismus in Deutschland bestellt ist? Natürlich
nicht. Spiegel
Online ist nicht repräsentativ für den Rest der
Branche. Wenn die Hamburger
zum zehnjährigen Jubiläum für ihre Pionierarbeit
und die redlich erarbeitete
Marktführerschaft in ihrem Segment gewürdigt werden,
sollte man das im Blick
behalten. Ebenso, dass jede bessere Regionalzeitung pro Woche
mehr eigenen
Journalismus generiert als die großen deutschen Online-Angebote
zusammen.
Subjektiv punkten
Sind Blogs die Lösung? Spätestens seit die US-Parteitage
von Bloggern als
offiziell akkreditierten Berichterstattern begleitet wurden,
denken große
Online-Medien über Weblogs nach, integrieren sie wie
Zeit.de und
tagesschau.de in ihre konventionellen Angebote. Der Charme
solcher "embedded
blogs": Was das Muttermedium nicht darf – extrem
subjektiv berichten, Themen
abseits der gewöhnlichen News-Agenda anstoßen –
macht das Blog erst zum
Blog.
Der besondere Reiz liegt im Nebeneinander von traditionellem
Journalismus
und Weblogs. Etwa, wenn es um den amerikanischen Wahlkampf
geht: Würde man
auf klassische Meldungen und Analysen verzichten wollen? Wohl
kaum. Wird das
Bild schärfer, wenn die einschlägigen Blogs gelesen
werden? Definitiv.
Somit bleiben die selbst ernannten Online-Qualitätspublikationen
vor ihren Hausaufgaben sitzen: Ohne eigene und unverwechselbare
journalistische Inhalte geht es nicht. Neudeutsch heißt
so etwas USP, Unique Selling Proposition. Gute, exklusive
Storys sind so eine USP. Nein - sie wären. Aber das ist
das Thema für die nächsten zehn Jahre.
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