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Wayback, Google Cache und die möglichen Folgen
Martin-Jung bereiten solche Archivierungslücken keine
Kopfschmerzen: "Es gibt da ja eine Site, die das in verdienstvoller
Weise für uns übernimmt." Gemeint ist das Internet
Archive, eine Non-Profit-Organisation, die den Sturz in
ein Digital Dark Age durch das Abspeichern ganzer Websites
dokumentierten will. Zumindest in dem Rahmen, den ihr Serverpark
im alten Fort Presidio an der Golden Gate Bridge erlaubt.
Mit der Wayback Machine des Internet Archive lassen sich die
gespeicherten Sites durchsuchen. So kann man beispielsweise
die Entwicklung der Stern-Website
zumindest teilweise nachvollziehen.
Ähnlich funktioniert der Google
Cache, in dem die Suchmaschine beim Crawlen einen Schnappschuss
zwischenspeichert. Die Cache-Funktion zeigt die Seiten dann
zumindest temporär so an, wie Google sie gefunden hat,
auch wenn sie inzwischen geändert wurden: praktisch beim
Suchen, aber möglicherweise folgenreich für Online-Redaktionen
und private Webmaster.
"Das Abspeichern alter Seiten ist meinerseits erwünscht",
sagt stern.de-Leiterin Hamm. Das sehen nicht alle so. Denn
Internet Archive und Google legen das Urheberrecht großzügig
aus: Sie spiegeln Inhalte fremder Websites ohne Rücksicht
auf Copyrights, es sei denn, ein Website-Betreiber legt ausdrücklich
Widerspruch ein bzw. blockiert die Speicherung durch einen
entsprechenden Eintrag
in seiner robots.txt-Datei. So eröffnet sich ein
Tummelfeld für Medienrechtler bis hin zu Abmahnexperten.
In einer ausführlichen rechtlichen
Bewertung folgerte der Jurist Martin
Bahr 2002, "dass die Archivierung durch The Wayback
Machine gegen geltendes deutsches Urheberrecht" verstoße.
Der Google Cache sei hingegen als Proxy-ähnlicher Zwischenspeicher
rechtlich gedeckt. Bahr sieht die durch die Wayback Machine
"gerade auch in wissenschaftlicher Hinsicht [...] ungeahnte
Möglichkeiten." Aber er kennt seine Zunft und gibt
zu bedenken: "Etwaige Urheberrechtsverstöße
und Urheberrechtsverletzungen könnten auch nach der Löschung
der Seite vom Webserver des Betreibers verfolgt werden."
Versenden ist so eine Sache
"Es versendet sich viel", meint Helmut Martin-Jung.
Die Online-Leser seien nicht so aufmerksam wie bei einer Zeitung.
Ruckzuck sind online kleine Tippfehler korrigiert, kann aus
Militärquellen ein Armeepressesprecher samt Namen werden,
sobald die zweite Agenturmeldung da ist oder aus 17 Toten
zwölf Verletzte, drei Todesopfer und ein Selbstmordattentäter,
sind doppelte Worte getilgt und fehlende Halbsätze ergänzt.
"Es versendet sich gar nichts", sagt Holger Meier.
Er meint das, was das Internet vom flüchtigen Medium
Radio unterscheidet: "Es kommen täglich Mails von
Nutzern. Wir überprüfen mögliche Fehler und
korrigieren. Dann ist es Wurst, von wann der Text ist."
Auch Barbara Hamm freut sich über Mails aufmerksamer
User. Das käme bei stern.de aber nicht sehr häufig
vor: "Die meisten Fehler werden von der Redaktion selbst
entdeckt."
Und wenn sie nicht entdeckt werden? In den umfangreichen
Archiven der Online-Magazine können sich potenzielle
Zeitbomben verbergen: Was im Radio oder Fernsehen an Fehlern
durchschlüpfen kann, bleibt im Netz weiter abrufbar.
"Unsere Artikel erscheinen auf der Basis der zu diesem
Zeitpunkt vorliegenden Informationen", erläutert
Hamm. Beispiel: "Ein Konzern schließt 50 Filialen.
Ändert sich der Stand der Dinge – der Konzern schließt
nun 100 Filialen – so ist es unsere Aufgabe, die Entwicklung
aufzuzeichnen. Somit wird ein neuer Artikel mit aktuellem
Datum und dem Stand der Dinge verfasst und veröffentlicht."
Praxis bei stern.de, Alltag auch in vielen anderen Online-Redaktionen:
Kleinere Operationen werden am lebenden Objekt durchgeführt,
bei größeren wird ein neuer Artikel angelegt.
Aber viele Texte lassen sich im Archiv noch Wochen oder Monate
später leicht aufspüren, auch wenn die Redaktion
diese längst vergessen hat. Dank Wayback Machine und
Google Cache möglicherweise sogar, wenn ein Artikel auf
der eigentlichen Website längst nicht mehr online ist.
» weiter in
Teil 3:
Ankläger aus
dem Cache,
Entlastungszeuge überschrieben
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