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Speicherkapazität und Langzeitarchivierung gelten
als eines der ganz wichtigen Merkmale des Mediums Internet:
Alte Inhalte können unbegrenzt neben neuen stehen und
diese ergänzen. Die Praxis prägen heute Pragmatismus
und Paid Content. Und sie birgt einige Fallstricke für
Redaktionen und Nutzer, die diesen nicht immer bewusst sind.
Spiegel Online hat im Archiv gekramt und gönnt seinen
Usern zum zehnjährigen Bestehen ein Surferlebnis aus
der Frühzeit des Web: Surfen
wie 1996. Möglicherweise waren der Redaktion Design
und Inhalte aus den allerersten Monaten doch etwas zu sparsam,
um sie der Öffentlichkeit noch einmal zu präsentieren
– oder die allerersten Webseiten sind schlicht nicht
mehr vorhanden. Denn trotz theoretisch unbegrenzter Speicherkapazität:
Bei vielen Online-Medien verschwinden Artikel auf die eine
oder andere Weise.
Die endlichen Archive
Häufig landen sie ganz automatisch hinter dem Internet-Äquivalent
einer Zollschranke, im kostenpflichtigen Archiv. Bei
Spiegel Online etwa muss man für exklusive Internet-Texte
nach drei Monaten, für Texte aus der Print-Ausgabe schon
nach einem Monat löhnen.
Die Süddeutsche
Zeitung hält Zeitungstexte sogar nur sieben Tage
auf der Website kostenlos bereit – dann verkauft sie
der Verlag über sein Tochterunternehmen DIZ.
Extra für die Online-Ausgabe erstellte Texte sind im
Gegensatz zu Spiegel Online gratis.
Aber auch sie bleiben nicht ewig verfügbar, sondern
– wie bei manch’ anderer Website – nur
zurück bis zum letzten Relaunch.Aus dem alten Angebot
sind laut Online-Chef Helmut Martin-Jung nur einige zeitlose
Dossiers, etwa zu Wissenschaftsthemen, übernommen worden:
"Wir sind ja kein Archivierungsunternehmen. Das hätte
uns technisch ausgebremst, wenn wir die alten Artikel alle
weiter vorhalten würden." Das gleiche Bild bei stern.de:
Artikel ab dem Relaunch im Dezember 2003 lassen sich über
die Suchfunktion
finden. "Darüber hinaus können Stern-Artikel
über die G+J-Pressedatenbank kostenpflichtig recherchiert
werden", erklärt Redaktionsleiterin Barbara Hamm.
Das Argument: die Technik. Immerhin seien seit dem Relaunch
vor gut zwei Jahren schon wieder rund 25.000 neue Artikel
produziert worden, meint Martin-Jung.
Holger Meier, stellvertretender Chef von heute.de,
argumentiert ähnlich: "Wir haben sehr viele Videos,
die rauben uns die Platte." Zwar seien beim letzten Relaunch
"fast komplett" alle Inhalte gespeichert worden.
Aber nur fürs interne Backup – für die Nutzer
werden Inhalte nur gut ein Jahr vorgehalten: "Ausnahmen
gibt es natürlich, wie zum Beispiel das Video von Saddams
Festnahme."
"Wen interessiert die fünfzigste Entwicklung
der Gesundheitsreform?"
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| "Das interessiert
höchstens jemanden, der eine Doktorarbeit dazu
schreibt." (Helmut Martin-Jung, sueddeutsche.de) |
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Nicht das Web ist endlich, aber offenbar Festplattenspeicher
und Serverkapazitäten. Für die User macht das im
Ergebnis wenig Unterschied. Nicht schlimm, findet Meier: "Das
Tagesgeschäft ist irgendwann durch. Wen interessieren
denn später noch drittrangige Themen von 1997?"
Das Nutzerverhalten bestätige das, hat man in Mainz wie
in München die Erfahrung gemacht. Martin-Jung: "Weder
wir, noch irgendjemand sonst haben Lust, Sachen durchzulesen
wie die fünfzigste Wendung in der Gesundheitspolitik.
Das interessiert höchstens jemanden, der eine Doktorarbeit
dazu schreibt."
Also eventuell geplagte Minderheiten wie Medienwissenschaftler
und Studenten, die sich mit dem Verfassen inhaltsanalytischer
Diplomarbeiten plagen. Oder sollte es darüber hinaus
von Belang sein, wenn sich in einigen Jahren die Frühzeit
der Webmedien womöglich kaum noch nachvollziehen lässt,
so wie heute einst auf 5 1/2 Zoll-Disketten gespeicherte Daten
unlesbar, verloren oder nur mühsam rekonstruierbar sind?
Mut zur Lücke
Holger Meier von heute.de macht sich keine Sorgen über
drohende Lücken im kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft:
"Ich wäre da nicht so kritisch." Obwohl Printprodukte
im Gegensatz zu digitalen Daten auch über Jahrzehnte
und Jahrhunderten noch erhalten und lesbar bleiben: "Auch
die Zeitungen haben ein lückenhaftes Archiv", sagt
er. Da würden Ausgaben nicht oder nur unvollständig
abgeheftet. Und zunehmend würden auch Verlage ihre Archiv
elektronisieren. Meier betont die Vorteile des XML-Formats,
das es erlaubt, Texte bei einem Relaunch relativ problemlos
von einem Design ins andere fließen zu lassen.
Der Webdesigner und Medienwissenschaftler Holger Rada sieht
das ganz anders. "Mir macht es große Sorgen, dass
Inhalt und Form voneinander getrennt werden. Beides gehört
zusammen. Für die Lesbarkeit eines Textes und das Verständnis
eines Beitrags sind typographische Gestaltung und Text-Bild-Relationen
von großer Bedeutung", sagt Rada. Er hat bereits
1999 in seiner Dissertation die Frühzeit
der Online-Medien von 1994 bis 1999 analysiert. "Als
ich aber für mein neues Projekt, eine Geschichte des
Web-Designs, recherchiert habe, habe ich die bittere Erfahrung
gemacht, dass das Design für die Online-Redaktionen überhaupt
keine Rolle spielt." So habe man sich bei heute.de nur
für die 'Artikel' interessiert. Rada: "Das Design
ist Sache der Webmaster – wenn überhaupt."
»
weiter in Teil 2:
Ausgetrickst!
Wayback, Google Cache und die möglichen Folgen
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