Windkraft ist in Deutschland das sichtbarste Zeichen
für die von der Bundesregierung angestrebte Energiewende.
Doch die expansionsgewohnte Branche ist in einer schwierigen
Phase: Gute Standorte im Binnenland
sind
knapp
und Zukunftsprojekte liegen in
weiter Ferne.
Die mehr als 15.000
Windkraftanlagen in Deutschland decken mittlerweile
vier Prozent des Stromverbrauchs. (Foto:
Mischel)
"Growian" hieß der Riese aus Stahl, der alle
anderen seiner Art in den Schatten stellen sollte. Die erste
"GROße WIndenergie ANlage",
die im Januar 1983 nahe des 400-Seelen-Ortes Kaiser-Wilhelm-Koog
bei Brunsbüttel in Betrieb genommen wurde, ragte 96
Meter in den Himmel. Die beiden Flügel mit einer Spannweite
von 100 Metern kurbelten bei voller Auslastung drei Megawatt
Strom ins Netz - das war mehr als genug für 4000
Haushalte.
Doch die Technik, die in der 345 Tonnen schweren Gondel
der Größe eines Einfamilienhauses untergebracht
war, bereitete den Ingenieuren Bauchschmerzen: 99 Prozent
seiner Betriebszeit stand
der Koloss still. So beschlossen die Forscher im Sommer
1987, das Projekt zu beenden. "Growian" wurde
in seine Einzelteile zerlegt und abtransportiert. Der
Wunsch, emissionsfrei Energie zu erzeugen, war damit aber
nicht begraben.
Vielmehr konzentrierten sich die Forscher auf den Bau kleinerer
Anlagen, die weniger störanfälig
und vor allem wirtschaftlicher arbeiten sollten.
INFO:
Nach Informationen des
Bundesumweltministeriums erzeugen die mehr
als 15.000 alternativen Kraftwerke inzwischen
23 Milliarden Kilowattstunden Strom in einem
durchschnittlichen Jahr. Das entspricht dem
Verbrauch von fast acht Millionen Haushalten
bzw. einem Anteil von rund vier Prozent am
Gesamtstrombedarf.
Mit Erfolg: Binnen 15 Jahren schossen
quer durch die Republik so viele stählerne Spargel
aus dem Boden, dass Deutschland heute als "Windweltmeister"
gilt. Das Wachstum der Branche war politisch gewollt: Bereits
die Regierung Kohl ebnete
den Weg für eine nachhaltige Energiegewinnung, als sie
1990 das Stromeinspeisungsgesetz auf den Weg brachte, welches
zehn Jahre später
unter rot-grüner Regie durch das Erneuerbare Energien Gesetz
(EEG)
abgelöst wurde. Stets waren den Betreibern
von Windkraftanlagen für die Einspeisung höhere
Preise als marktüblich
garantiert - ein Wettbewerbsvorteil, der im Laufe
der Zeit immer wieder für
politische Auseinandersetzungen sorgen sollte. Zudem bildeten
sich vielerorts Bürgerbewegungen, die gegen
die Verspargelung
der Landschaft demonstrierten und längst geplante Projekte
verzögerten.
Investoren scheuen Risiko
"Allen Institutionen
und Ländern ist klar, dass der Klimawandel
begonnen hat und dass wir etwas dagegen tun
müssen",
sagt Jörg Weber. (Foto: Mischel)
Im vorigen Jahr erreichten die Querelen ihren Höhepunkt
und sorgten erstmals für ein spürbares Minus in
der sonst so erfolgsverwöhnten
Branche. Wie aus einer Bilanz (PDF;
1,5 MB) der Europäischen
Windenergie Vereinigung (Ewea)
hervorgeht, installierten die Anlagenbauer nur 2645
Megawatt Leistung - etwa
600 Megawatt
weniger als
im Rekordjahr 2002. Das Geld für weitere Investitionen
saß
nicht mehr so locker wie zuvor, wichtige Kreditverhandlungen
scheiterten. "Bei
den Banken hat 2003 und auch Anfang 2004 eine sehr große
Rolle gespielt, dass das EEG sehr stark in der politischen
Diskussion
war",
sagt Jörg Weber, Chefredakteur des Finanzdienstes ECOreporter.de. "Es
herrschte eine sehr große Verunsicherung darüber,
ob die Einspeisevergütungen weiter gezahlt werden oder
nicht."
Die zweite Novelle des
EEG, die der Bundestag Anfang April auf den Weg brachte,
soll der Branche wieder neue Hoffnung geben. Das Gesetz,
das noch vor der Sommerpause in Kraft treten wird, garantiert
Betreibern
von Windkraftanlagen
nach wie vor einen höheren Preis für die
Einspeisung als marktüblich, jedoch nicht mehr in dem
Maße
wie zuvor. Zudem soll die Vergütung für jede eingespeiste
Kilowattstunde künftig von Jahr zu Jahr stärker
sinken. Die bisher gültige Regelung sah einen Rückgang
von 1,5 Prozent vor. Dieser Wert ist mit dem neuen Gesetz
auf 2 Prozent
angehoben worden. Außerdem sollen Anlagen in windschwachen
Gebieten
von der Förderung ausgeschlossen werden. Stattdessen
liegt der Fokus nun klar auf dem Ausbau der Windkraft auf
hoher See.
Zukunftsmarkt Offshore-Windparks
Gehen die Pläne der Regierung auf, wird der durchschnittliche
Preis für eine Kilowattstunde Strom aus Windkraft kontinuierlich
sinken, heißt es in der Zukunfts-Studie Windstärke
12. Die
von Greenpeace und Ewea erhobenen Daten zeichnen die weltweite
Entwicklung der Windkraft unter optimalen Bedingungen bis
2020 auf. Eine Schlüsselfunktion nehmen dabei die sogenannten
Off-Shore-Parks ein: "In Deutschland können wir mit Anlagen
auf See den Anteil der Windenergie verdreifachen", schätzt Greenpeace-Energieexperte Sven Teske.
INFO:
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Die Branche arbeitet
mit Hochdruck an der Entwicklung
neuer Kraftwerke, steht dabei aber vor ganz neuen Herausforderungen. Weil
der Wind auf dem offenen Meer ungleich höher bläst, sind
Installationsarbeiten nur zu ganz bestimmten Zeiten möglich.
Außerdem sind "die
Anlagen auf See drei bis vier Mal so groß wie
Kraftwerke aus dem Binnenland",
sagt Jörg Weber. "Die neue
Technik muss ganz andere klimatische Bedingungen vertragen
können." Daher brauche auch die
Entwicklung solcher Kraftwerke seine Zeit. Der
erste deutsche Windpark auf See
mit 80 Anlagen westlich vor Sylt soll 2006 ans
Netz gehen.
Obwohl derzeit rund 20 Offshore-Parks in Planung seien,
rechnet der Bundesverband WindEnergie (BWE)
jedoch erst gegen Ende des Jahrzehnts mit Großaufträgen.
Austausch alter Anlagen
In der Zwischenzeit muss sich die Branche anderweitig über
Wasser halten. So könnte
zum Beispiel der Ersatz kleinerer, älterer
Windkraftanlagen durch größere, neuere eine Rolle
spielen. Das Deutsche Windenergie-Institut (DEWI)
in Wilhelmshaven weist in einer Studie (PDF;
353 kB) darauf hin, dass bei bestimmten Anlagentypen rund
60 Prozent des Anschaffungspreises
zur Erhaltung reinvestiert werden müssen. "Die
Anlagen laufen nicht, wie zunächst erhofft, zwanzig
Jahre lang wartungsfrei",
sagt Jörg Weber. "In
der Vergangenheit haben die Getriebe oft den Schwachpunkt
gebildet, und die sind recht teuer."
Eine wichtige Rolle wird in den kommenden Jahren
auch das Exportgeschäft spielen, sagt BWE-Präsident
Peter Ahmels. Derzeit liege die Ausfuhrquote bei etwa einem
Viertel, ideal wäre aber eine Angleichung an die 80-Prozent-Quote
wie im übrigen Maschinenbau. Die wichtigsten Märkte
lägen dabei in westeuropäischen
Ländern wie Portugal, Großbritannien
oder
Irland. Dort waren laut Ewea-Statistik (PDF;
1,5 MB) Ende 2003 insgesamt 1134 Megawatt Leistung installiert.
Zum Vergleich: "Windweltmeister"
Deutschland
bringt es allein auf fast das 13-fache.
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im sonstigen Internet:
ECOreporter.de
Sonderheft "Windkraft Spezial": Nachdem
der "Spiegel" seinen umstrittenen Titel "Der
Windmühlen Wahn" veröffentlichte, antwortete
die Redaktion von ECOreporter.de mit einem zweiteiligen,
kostenlosen
Sonderheft im PDF-Format zum Thema "Windenergie".
Darin ist unter anderem auch ein seinerzeit nicht veröffentlichter
Artikel von Ex-Spiegel-Redakteur Harald Schumann dokumentiert.
Machtkampf
um den Energiemix: Auch die Netzeitung hat den
damals nicht abgedruckten Artikel von Harald
Schumann (und Gerd Rosenkranz) in voller Länge ins Netz
gestellt.
Schumann, der zwischenzeitlich auch das Berliner Büro
der Spiegel Online-Redaktion leitete, kündigte nach
Erscheinen
des Titels "Der
Windmühlen Wahn".
Six
big fears about wind farms: Großbritanniens Küstenregionen
gelten als vielversprechende Standorte für Offshore-Windparks.
Doch auch dort ist der Widerstand groß. Die BBC stellt
sechs Argumente von Windkraftgegnern und -befürworten gegenüber.