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WINDENERGIE 20.06.2004
Flaute an Land, Aufwind auf See
Von Email an Roman Mischel sendenRoman Mischel | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Windkraft ist in Deutschland das sichtbarste Zeichen für die von der Bundesregierung angestrebte Energiewende. Doch die expansionsgewohnte Branche ist in einer schwierigen Phase: Gute Standorte im Binnenland sind knapp und Zukunftsprojekte liegen in weiter Ferne.

Die mehr als 15.000 Windkraftanlagen in Deutschland decken mittlerweile vier Prozent des Stromverbrauchs. (Foto: Mischel)

"Growian" hieß der Riese aus Stahl, der alle anderen seiner Art in den Schatten stellen sollte. Die erste "GROße WIndenergie ANlage", die im Januar 1983 nahe des 400-Seelen-Ortes Kaiser-Wilhelm-Koog bei Brunsbüttel in Betrieb genommen wurde, ragte 96 Meter in den Himmel. Die beiden Flügel mit einer Spannweite von 100 Metern kurbelten bei voller Auslastung drei Megawatt Strom ins Netz - das war mehr als genug für 4000 Haushalte.

Doch die Technik, die in der 345 Tonnen schweren Gondel der Größe eines Einfamilienhauses untergebracht war, bereitete den Ingenieuren Bauchschmerzen: 99 Prozent seiner Betriebszeit stand der Koloss still. So beschlossen die Forscher im Sommer 1987, das Projekt zu beenden. "Growian" wurde in seine Einzelteile zerlegt und abtransportiert. Der Wunsch, emissionsfrei Energie zu erzeugen, war damit aber nicht begraben. Vielmehr konzentrierten sich die Forscher auf den Bau kleinerer Anlagen, die weniger störanfälig und vor allem wirtschaftlicher arbeiten sollten.

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Nach Informationen des Bundesumweltministeriums erzeugen die externer Linkmehr als 15.000 alternativen Kraftwerke inzwischen 23 Milliarden Kilowattstunden Strom in einem durchschnittlichen Jahr. Das entspricht dem Verbrauch von fast acht Millionen Haushalten bzw. einem Anteil von rund vier Prozent am Gesamtstrombedarf.

Mit Erfolg: Binnen 15 Jahren schossen quer durch die Republik so viele stählerne Spargel aus dem Boden, dass Deutschland heute als "Windweltmeister" gilt. Das Wachstum der Branche war politisch gewollt: Bereits die Regierung Kohl ebnete den Weg für eine nachhaltige Energiegewinnung, als sie 1990 das Stromeinspeisungsgesetz auf den Weg brachte, welches zehn Jahre später unter rot-grüner Regie durch das Erneuerbare Energien Gesetz (externer LinkEEG) abgelöst wurde. Stets waren den Betreibern von Windkraftanlagen für die Einspeisung höhere Preise als marktüblich garantiert - ein Wettbewerbsvorteil, der im Laufe der Zeit immer wieder für politische Auseinandersetzungen sorgen sollte. Zudem bildeten sich vielerorts Bürgerbewegungen, die gegen die Verspargelung der Landschaft demonstrierten und längst geplante Projekte verzögerten.

Investoren scheuen Risiko

"Allen Institutionen und Ländern ist klar, dass der Klimawandel begonnen hat und dass wir etwas dagegen tun müssen", sagt Jörg Weber. (Foto: Mischel)

Im vorigen Jahr erreichten die Querelen ihren Höhepunkt und sorgten erstmals für ein spürbares Minus in der sonst so erfolgsverwöhnten Branche. Wie aus einer externer LinkBilanz (PDF; 1,5 MB) der Europäischen Windenergie Vereinigung (externer LinkEwea) hervorgeht, installierten die Anlagenbauer nur 2645 Megawatt Leistung - etwa 600 Megawatt weniger als im Rekordjahr 2002. Das Geld für weitere Investitionen saß nicht mehr so locker wie zuvor, wichtige Kreditverhandlungen scheiterten. "Bei den Banken hat 2003 und auch Anfang 2004 eine sehr große Rolle gespielt, dass das EEG sehr stark in der politischen Diskussion war", sagt Jörg Weber, Chefredakteur des Finanzdienstes externer LinkECOreporter.de. "Es herrschte eine sehr große Verunsicherung darüber, ob die Einspeisevergütungen weiter gezahlt werden oder nicht."

Die zweite externer LinkNovelle des EEG, die der Bundestag Anfang April auf den Weg brachte, soll der Branche wieder neue Hoffnung geben. Das Gesetz, das noch vor der Sommerpause in Kraft treten wird, garantiert Betreibern von Windkraftanlagen nach wie vor einen höheren Preis für die Einspeisung als marktüblich, jedoch nicht mehr in dem Maße wie zuvor. Zudem soll die Vergütung für jede eingespeiste Kilowattstunde künftig von Jahr zu Jahr stärker sinken. Die bisher gültige Regelung sah einen Rückgang von 1,5 Prozent vor. Dieser Wert ist mit dem neuen Gesetz auf 2 Prozent angehoben worden. Außerdem sollen Anlagen in windschwachen Gebieten von der Förderung ausgeschlossen werden. Stattdessen liegt der Fokus nun klar auf dem Ausbau der Windkraft auf hoher See.

Zukunftsmarkt Offshore-Windparks

Gehen die Pläne der Regierung auf, wird der durchschnittliche Preis für eine Kilowattstunde Strom aus Windkraft kontinuierlich sinken, heißt es in der Zukunfts-Studie externer LinkWindstärke 12. Die von Greenpeace und Ewea erhobenen Daten zeichnen die weltweite Entwicklung der Windkraft unter optimalen Bedingungen bis 2020 auf. Eine Schlüsselfunktion nehmen dabei die sogenannten Off-Shore-Parks ein: "In Deutschland können wir mit Anlagen auf See den Anteil der Windenergie verdreifachen", externer Linkschätzt Greenpeace-Energieexperte Sven Teske.

 INFO: 
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Die Branche arbeitet mit Hochdruck an der Entwicklung neuer Kraftwerke, steht dabei aber vor ganz neuen Herausforderungen. Weil der Wind auf dem offenen Meer ungleich höher bläst, sind Installationsarbeiten nur zu ganz bestimmten Zeiten möglich. Außerdem sind "die Anlagen auf See drei bis vier Mal so groß wie Kraftwerke aus dem Binnenland", sagt Jörg Weber. "Die neue Technik muss ganz andere klimatische Bedingungen vertragen können." Daher brauche auch die Entwicklung solcher Kraftwerke seine Zeit. Der erste deutsche Windpark auf See mit 80 Anlagen westlich vor Sylt soll 2006 ans Netz gehen. Obwohl derzeit rund 20 Offshore-Parks in Planung seien, rechnet der Bundesverband WindEnergie (externer LinkBWE) jedoch erst gegen Ende des Jahrzehnts mit Großaufträgen.

Austausch alter Anlagen

In der Zwischenzeit muss sich die Branche anderweitig über Wasser halten. So könnte zum Beispiel der Ersatz kleinerer, älterer Windkraftanlagen durch größere, neuere eine Rolle spielen. Das Deutsche Windenergie-Institut (externer LinkDEWI) in Wilhelmshaven weist in einer externer LinkStudie (PDF; 353 kB) darauf hin, dass bei bestimmten Anlagentypen rund 60 Prozent des Anschaffungspreises zur Erhaltung reinvestiert werden müssen. "Die Anlagen laufen nicht, wie zunächst erhofft, zwanzig Jahre lang wartungsfrei", sagt Jörg Weber. "In der Vergangenheit haben die Getriebe oft den Schwachpunkt gebildet, und die sind recht teuer."

Eine wichtige Rolle wird in den kommenden Jahren auch das Exportgeschäft spielen, externer Linksagt BWE-Präsident Peter Ahmels. Derzeit liege die Ausfuhrquote bei etwa einem Viertel, ideal wäre aber eine Angleichung an die 80-Prozent-Quote wie im übrigen Maschinenbau. Die wichtigsten Märkte lägen dabei in westeuropäischen Ländern wie Portugal, Großbritannien oder Irland. Dort waren laut externer LinkEwea-Statistik (PDF; 1,5 MB) Ende 2003 insgesamt 1134 Megawatt Leistung installiert. Zum Vergleich: "Windweltmeister" Deutschland bringt es allein auf fast das 13-fache.

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