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LINIE 25 04.06.2004
Alles in einem Bus
Von Email an Fiete Stegers sendenFiete Stegers | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Davon hätten sich die deutschen Sender eine Scheibe abschneiden können: Statt wie sie die EU-Osterweiterung mit einer pompösen Gala, einer "Nacht der Neuen" im sterilen Space-Studio oder einem eingeflogenen Anchorman vor Ort abzufeiern, setzte das holländische Fernsehen auf eine multimediale Kooperation mit Internet und Radio. Per Bus ging es zehn Wochen lang durch das vergrößerte Europa.

Kontinuierliche Berichterstattung aus dem zusammenwachsenden Europa bietet "Lijn 25". (Foto: Stegers)

"Lijn 25", Linie 25, tauften die Journalisten ihre Busfahrt. Los ging die Reise am 28. März in Riga. Sie endet mit der Europawahl in Brüssel. Dazwischen fuhr Lijn 25 je eine Woche durch fünf neue und fünf alte Länder der EU 25. Mit an Bord waren Fernsehjournalisten der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenprogramme externer LinkNOS und externer LinkNova, ihre Kollegen von externer LinkRadio 1 und jeweils eine Reporterin von externer LinkNOS Online. Genauer gesagt: im Wechsel entweder Henny Kok oder Yvonne Hofs. Die jeweils andere Online-Journalistin betreute zusammen mit CvD Henk van Appeveen die externer LinkProjekt-Website vom NOS-Standort in Hilversum aus.

Statt einmaliger Events liefert Lijn 25 den niederländischen Zuschauern, Hörern und Usern kontinuierliche Berichterstattung über das zusammenwachsende Europa. Das Fernsehen bringt jeden Samstag eine Live-Sendung mit Gesprächsgästen und Einspielfilmen vom Standort des Busses. Hinzu kommen unter der Woche Beiträge aus den jeweiligen Ländern für NOS Journaal, Nova und Radio 1. Thematisch bemühen sich die Journalisten, die Themen aus der Ferne mit den Niederlanden zu verknüpfen: So zeigt ein Stück, wie polnische Saisonarbeiter ihre Heimat gen Holland verlassen. Andere berichten über holländische Künstler in Berlin oder die Auswirkungen repressiver Drogenpolitik in Lille. Alle Berichte lassen sich im externer LinkWebarchiv abrufen.

Henny Kok fuhr als Online-Reporterin mit Lijn 25 durch Europa. (Foto: Stegers)

Darüber hinaus bietet die Site aber noch eine Menge eigener Inhalte und versucht dabei den breitest möglichen Bogen zu spannen – von grundlegenden Informationen über die Beitrittsländer, über die Europawahl bis hin zu politischen Analysen und Gast-Kolumnen niederländischer Politiker und Journalisten. Am spannendsten zu lesen sind aber die Reportagen aus den zehn Ländern, die der Bus besucht. Online-Redakteurin Henny Kok: "Meist gehe ich mit den Radio- oder Fernsehkollegen los, wenn sie einen Bericht machen. Manchmal mache ich aber auch ganz eigene Themen." Außerdem schreibt sie (oder Kollegin Yvonne Hofs) ein externer LinkWeblog. Für Blog-Puristen mag das eher ein Tagebuch als ein Weblog sein (Nutzerkommentare sind nicht möglich, Links gibt es auch nicht). Aber hier erfahren die Leser, wie lange an welcher Grenze gewartet werden musste, wo die Sonne schien und was TV-Journalisten tun, wenn sich plötzlich am vor ihnen fahrenden Bus der tonnenschwere Generator-Anhänger löst.

Flash-Spielzeuge bringen nicht viel mehr Informationen

Für Auflockerung sorgt außerdem der externer Link"Stemwijzer" für die Europawahl, die niederländische Variante des Entscheidungshelfers externer LinkWahl-O-Mat. Das externer LinkEuropa-ABC, das den Nutzern helfen soll, sich in Begriffsdschungel der Europapolitik zurechtzufinden, enttäuscht dagegen: Startpunkt ist eine Buchstabenleiste in der rechten Außenspalte. Leider ist völlig unklar, was für Begriffe einen beispielsweise hinter "a" erwarten und nach welchen Kriterien diese ausgewählt wurden. Klickt man einen Buchstaben an, lädt der Browser eine Liste von Begriffen und deren Erklärungen auf einer Seite. Hier wäre eine dazwischen geschaltete Übersichtsseite für jeden Buchstaben nützlich gewesen. Für das Gesamt-ABC gibt es eine solche Indexseite auch nicht. Der Trick mit dem Wegkürzen des URL bis zum letzten Schrägstrich führt nur zu einer Fehlermeldung. Leider ist das nicht die einzige Stelle, wo die Verzeichnisstruktur etwas mehr Logik und Benutzerfreundlichkeit gut getan hätten.

Optisch fällt die Website durch ein dreispaltiges, aber keineswegs standardmäßiges Layout auf. Es beweist, dass sich in einem frischen Design auch schwarze Balken unterbringen lassen. Die Seitenbreite ist fest, die Schriftgröße ziemlich klein gewählt. Technisch haben wir die Seite nicht überprüft. Sie hätte aber wohl durchaus schlanker und ladefreundlicher gestaltet werden können.

Auf der Homepage und den Center Pages der Rubriken haben die Aufmacher statt normaler Bilder kleine Flash-Animationen. Das sieht nett aus, wiegt aber den Ladenachteil nicht unbedingt auf: Die externer LinkKarte mit der Route des Busses und der externer LinkZeitstrahl zur Entwicklung der Europäischen Union sind ganz nette Spielzeuge, bieten aber nur einen geringen Mehrwert an Informationen. Unglücklich ist Flash dagegen bei der wöchtlichen externer LinkMeinungsumfrage zur Europawahl eingesetzt: Hier kann man nur erahnen, dass man in der Flash-Grafik noch weit nach rechts scrollen muss, um die Prognosen für weitere Parteien angezeigt zu bekommen.

Lijn 25 ist Testfall für den multimedialen Newsroom

Die Satellitenverbindung zum Internet und zur TV-Heimat-Redaktion funktionierte laut Online-Redakteurin Henny Kok prima. Den Zugang zum CMS für die Website bekamen die Techniker in Hilversum dagegen trotz wochenlanger Anstrengungen nicht zum Laufen. Texte und Bilder gingen per Mail nach Hilversum und mussten dort eingepflegt werden.

Und die Zusammenarbeit mit den Kollegen von Radio und Fernsehen? "Man muss sich schon an andere Arbeitsweisen gewöhnen", sagt Henny Kok. Anfangs hatte sie gehofft, die Rundfunkkollegen würden ihr Texte zuliefern: "Aber dafür hat keiner Zeit."

Beim NOS wird man wohl genau auswerten, wie die Zusammenarbeit im engen Studio-Bus geklappt hat. Denn das Projekt ist eine Art Generalprobe für den multimedialen Newsroom. Anfang 2005 wollen in Hilversum Radio 1 Journaal, NOS Journaal und NOS Online zusammen in ein riesiges Büro ziehen. Alles Arbeitsabläufe sollen digitalisiert werden. Vom "Neuen NOS" verspreche man sich nur sich nicht nur effizienteres Arbeiten, erklärt Sietske van Weerden, stellvertretende Chefin von NOS Online: "Wir hoffen, dass viele Journalisten crossmedial arbeiten."

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Aber persönlich ist sich Henny Kok schon sicher, dass sich die Testfahrt gelohnt hat. Als Lijn 25 ihre vorletzte Haltstelle in Berlin-Mitte erreicht hat, sagt sie: "Ich habe den schönsten Job im Internet-Journalismus in Holland."

Fiete Stegers war im Rahmen des externer LinkDeutsch-Niederländischen Journalistenstipendiums zu Gast in den Redaktionen von NOS Journaal und NOS Online in Hilversum.

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