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GRIMME ONLINE AWARD 2003 25.06.2003
Rohkost für die Großhirnrinde
Von Email an Marcus Bölz sendenMarcus Bölz Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

onlinejournalismus.de ist mit dem Grimme Online Award 2003 in der Kategorie Medien-Journalismus ausgezeichnet worden.

Die gesamte Redaktion freut sich über die Auszeichnung. Laut WDR gilt der Grimme Online Award als "wichtigster deutscher Preis für Internetangebote". (Animation: Mischel)

Das Netz ist der Traum des in sein Hamsterlaufrad aus vierzig TV-Programmen eingesperrten Fernsehfernbedienungsfatalisten. Der muss mit dem bisschen Hoffnung, das er hat, dass nämlich nach einem bedächtig vorwärts gezappten Durchgang durch die ganze Programmlandschaft vielleicht doch irgendwo etwas Unblödes angefangen haben könnte, streng haushalten.

Das Netz lockt mit der Verheißung, quasi mit jedem Klick ein neues Programm anschalten zu können. Prinzip Hoffnung, der nächste Level. Hängenbleiben kann er bedenkenlos bei onlinejournalismus.de, dort findet er seit April 2000 zumindest eine konsequente Nabelschau einer qualitativen Unterart des Web: den Onlinejournalisten und ihren Produkten. Drei Jahre danach ist es den Machern der Seite, Roman Mischel, Fiete Stegers und Fabian Hoberg gelungen, in die "Hall of Fame" des Onlinejournalismus aufgenommen zu werden, in die Liste der Preisträger des Grimme-Institutes.

Da die Jungs geradezu unverschämt bescheiden sind, wird natürlich auch in dieser Stunde des offensichtlichen Erfolges darauf hingewiesen, dass die Idee World Wide Web den Traum der filterlosen Information für alle immer noch nicht aufgegeben hat zu träumen.

Die oft zitierte Forderung Andy Warhols nach fünf Minuten Starkult für jeden Bürger kann im Netz umgesetzt werden, das zumindest beweist der Erfolg von onlinejournalismus.de beim diesjährigen Grimme Online Award eindrucksvoll. Im Hintergrund der Seite steht im Gegensatz zu den bisherigen Gewinnern diversester Grimme-Preise keine staatssubventionierte öffentlich-rechtliche Anstalt oder kein milliardenschwerer Medienkonzern, sondern allerhöchstens ein gut ausgestatteter Kühlschrank in einer nur mittelmäßig illuminierten Wohngemeinschaft an der Randlage Dortmunds.

Während andernorts bezahlte Redakteure mit Informationen hantieren, die sie von bezahlten Schreibern bekommen, arbeitet onlinejournalismus.de konsequent gratis. Kein Einkommen - keine Honorare. Die einzige Vergütung der Autoren Thomas Mrazek, Benedikt Tüshaus, Robert Stark, Fabian Mohr, Jan Peter Steppat, Sven Kauffelt, Stefan Heijnk, Dr. Gabriele Hooffacker, Dr. Klaus Meier, Dr. Christoph Neuberger, Mario Oleschko, Michael Soukup, Matthias Spielkamp und Sebastian Holzapfel sowie des Designers Arjen Jonas und des Programmierers Tobias Heim ist die potenzielle Aufmerksamkeit, die sie mit ihrer Arbeit erregen.

Die weiteren Gewinner:
  • Käpt'n Blaubär: "Unterhaltung ist unaufdringlich mit Wissensvermittlung verknüpft ... Die Navigation ist intuitiv, die Aufbereitung der Inhalte verlockt zum Stöbern und Erkunden", urteilte die Jury.
  • Östlich der Sonne: Die Jury war überzeugt von einer "multimedialen Komposition, in der Text, Animation, Musik, Fotos und Video fein aufeinander abgestimmt sind."
  • Lexi-TV: Die Jury begründete die Preisvergabe sowohl mit der klaren Gestaltung als auch der journalistischen Aufbereitung der Texte, appellierte aber an die Redaktion, den Gebrauch von externen Links zu intensivieren.
  • Perlentaucher: "Fein und uneitel gestaltet lässt dieser Internet-Auftritt stets dem Wort den Vortritt", lobte die Jury. "Eine kleine Redaktion betreibt - hiermit im Wortsinn - ausgezeichneten Medienjournalismus."
  • Der Mietmensch: Der Publikumspreis, über den User im Internet abstimmen konnten, ging an ZDF-Online-Reporter Phillip Müller, der acht Wochen lang jeden Job angenommen hat, den ihm das Internet aufgetragen hat.

Wenn man aus der Perspektive dieser neuen Ökonomie eine Menge Aufmerksamkeit besitzt, ist man reich. Aber wo ist der Reichtum, sozusagen das Eigentum? Mit einem Zeilenhonorar ist das nicht zu vergleichen. Es ist kein Reichtum, den man in einen Safe stecken kann, aber man kann ihn auch nur sehr schwer stehlen.

Die so genannte Informationsgesellschaft hat in dem Moment begonnen, in dem klar war, dass definitiv zu viel Information da ist. Gerade im uferlosen Informationsdschungel World Wide Web zeigt sich die Notwendigkeit professioneller Journalisten, die gelernt haben Informationen ordnen und aufbereiten zu können. Die Zivilisation wird zur Zuvielisation.

Heranwachsende sind heute mit einer neuen Form der Umweltverschmutzung konfrontiert. Überinformation ist der Smog des 21. Jahrhunderts. Wir haben ein Informationsproblem. Je kompakter und intelligenter jemand heute seine Ideen oder Informationen aufbereitet, desto wertvoller wird sein Beitrag. In einer Wissensgesellschaft (Wissen ist gleich Information plus Bedeutung) gelten Redundanz und Geschwätzigkeit als Formen virtuellen Schadstoffeintrags. Der Onlinejournalismus versucht hier Informationsleuchttürme zu schaffen. Onlinejournalismus.de wird auch weiterhin das Treiben dieser Leuchttürme kritisch unter die Lupe nehmen.

Früher sind die Menschen, wenn sie etwas über die Welt wissen wollten, hinaus in dieselbe gegangen. Heute gehen sie dazu nach Hause. Früher sind wir in den Plattenladen gegangen, um uns mit neuer Musik zu versorgen. Heute heißt zwar der Plattenladen noch so, nur dass es im Großen und Ganzen keine Platten mehr gibt, sondern CDs. Aber auch das ist längst nicht mehr bequem genug. Wir ziehen uns Musik aus dem Netz oder hören zumindest in die Soundbytes rein, ehe wir bei einem Online-Versender bestellen. Genau so sieht auch die Gegenwart des Onlinejournalismus aus Konsumentensicht aus. Wir haben den PC, der aus der Klobigkeit der frühen Rechenzentren herausgeschrumpft und auf unseren Schreibtisch gekrochen ist. Jetzt benutzen wir ihn als Zeitung, Plattenspieler, Radio und Fernseher. Dennoch bleibt zu bedenken: Daten sind tote Teile, und Information ist nicht mehr als Rohkost für die Großhirnrinde. Das eigentlich Köstliche sind die Ideen.

Schön zu wissen, dass die Macher von onlinejournalismus.de mit ihrer Seite auch weiterhin Ideen umsetzen werden. Das Geheimnis guter Kommunikation liegt wohl immer noch darin, dass man etwas zu sagen hat - und wie man es sagt.

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Professorin an der University of Florida.
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