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SCHLAGZEILE, TEASER, HYPERLINK 10.09.2003
Texten fürs Web (1)
Von Email an Stefan Heijnk sendenStefan Heijnk | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Print-Texte werden gern unverändert ins Internet gestellt. Die Vorzüge des Onlinemediums bleiben dabei aber ungenutzt. Wer es richtig machen will, muss wissen, worin sich Zeitungs- und Webtext unterscheiden.

So sehr sich das Lesen am Bildschirm vom Studieren der Zeitung unterscheiden mag, die Texte müssen doch eines gemeinsam haben: Um gelesen zu werden, sollten sie nicht langweilig sein. (Foto: Mischel)

Erst kürzlich ist in einer [externer Link]Studie der Universität Trier über die E-Paper-Ausgabe der Rhein-Zeitung wieder sehr schön herausgearbeitet worden, worin sich Zeitung und Website am augenscheinlichsten unterscheiden. Hans-Jürgen Bucher und sein Forschungsteam befragten 460 Abonnenten der E-Paper-Ausgabe über die Vor- und Nachteile der 1 zu 1 ins Netz gestellten Tageszeitung und schauten außerdem 24 Testpersonen beim Manövrieren in der elektronischen Zeitung über die Schulter.

Das wichtigste Ergebnis: Die Nutzer beklagten die kleine Sichtfläche am Bildschirm und vor allem das Fehlen der Hyperlinks. Im Kommunikationskontext "Computer", wo normaler Weise eine engmaschige Vernetzung üblich ist, stand die elektronische Kopie ohne einen einzigen Hyperlink völlig isoliert im Raum. Buchers Fazit: "Der deutliche Wunsch nach mehr Interaktivität zeigt, dass reine PDF-Lösungen kaum auf Akzeptanz stoßen dürften."

Kontext schafft Mehrwert

Der ausdrückliche Wunsch nach Internetverweisen ist sicher kaum überraschend. Wer regelmäßig auf Websites unterwegs ist, wird wissen, dass die Hypertext-Dimension des Internet ein Vorzug ist, den ein Druckmedium nie wird anbieten können: Jede beliebige Zusatzinformation zu einem Artikel kann auf simplen Knopfdruck im Volltext ins Blickfeld gerufen werden. Entsprechend gilt für die onlineredaktionelle Arbeit: Vernetzen ist Pflicht. Wer einen ursprünglich für die Zeitung geschriebenen Text im Internet nicht durch Hyperlinks ergänzt, begeht einen Kardinalfehler. Wenn die redaktionellen Ressourcen es nicht erlauben, jeden Text mit Hyperlinks aufzuwerten, dann sollten eben nur ausgewählte Print-Artikel ins Web transferiert werden.

Auf der anderen Seite macht wildes, ungerichtetes Verlinken natürlich auch keinen Sinn. 100.000 zusätzliche Links sind für die Nutzer kein gigantischer Mehrwert, sondern bescheren gigantischen Selektionsaufwand – nicht ohne Grund werden bei Suchanfragen an Google und Co. in der Regel nur die ersten zwanzig Treffer beachtet. Weniger ist also mehr. Ziel beim Verlinken muss es sein, die Tiefendimension des Webs nutzerorientiert zu erschließen und die angebotenen Links mit Blick auf das jeweilige Thema sorgfältig auszuwählen. Wer das schafft, geht mit dem Geld und der Zeit der User verantwortlich um und schafft die Grundlage für eine tragfähige Nutzer-Website-Bindung.

Gezielt Neugier wecken

Auch die in der E-Paper-Studie angesprochene, begrenzte Sichtfläche hat für das Einstellen von Print-Texten ins Web eine gern unterschätzte Konsequenz. Weil die Monitore vergleichsweise klein bemessen sind, können auf den Startseiten meist nur die Teaser untergebracht werden, also Vorspann samt Schlagzeile, manchmal garniert mit Bild und Bildunterzeile. Für vollständige Artikel ist dort kein Platz. Anders als in der Zeitung zerfallen ins Web gestellte Printtexte also in ihre Einzelteile. Schlagzeile und Vorspann stehen auf der Startseite, während der Fließtext erst auf einer zweiten Seite seinen Platz findet.

Für die Internetnutzer wird der Weg vom Vorspann in den Fließtext damit deutlich länger. Um den vollständigen Text lesen zu können, müssen sie zuerst mit der Maus einen Link ansteuern, den Link anklicken, die Ladezeit für die neue HTML-Seite abwarten und erst dann können sie in die Lektüre einsteigen. Zeitaufwand: um die zwei Sekunden, je nach Internetverbindung. Zeitungsleser haben es da deutlich komfortabler: Sie schwenken auf den großformatigen Papierseiten einfach den Blick in Richtung Fließtext. Zeitaufwand: zwei bis drei Millisekunden.

Die Gefahr, dass ein Nutzer erst gar nicht ins Lesen des Volltextes einsteigt, ist im Web also deutlich größer als in Print. Für die Online-Redaktion heißt das zwingend: Auf der Startseite muss größtmögliche Neugier geweckt werden. Mit klassischen Nachrichtenvorspännen allein lässt sich das nicht schaffen, denn wer seine sieben W-Antworten schon auf der Startseite verpulvert, muss sich fragen lassen, warum ein Nutzer dann noch den Fließtext lesen soll.

Entsprechend sind im Web sprachliche Tricks und Kniffe notwendig, um die Site-Besucher zum Lesen zu bringen. Eine der wichtigsten Empfehlungen lautet hier: Formulieren Sie Cliffhanger-Vorspänne und lassen Sie gezielt eine W-Frage offen. Nichts reizt die Neugier stärker als eine offene Frage.

Beispiel: Bei einem Zugunglück sind gestern drei Menschen schwer verletzt worden. Glück im Unglück hatte dabei ein 12jähriger Junge.

Allerdings gibt es auch beim Einsatz von Cliffhangern eine Kehrseite der Medaille: Sie nutzen sich ab. Wer ausnahmslos auf Cliffhanger setzt, wird seine Leser auf Dauer eher nerven. Nachrichtliche Vorspänne sind also auch im Web keinesfalls aus der Mode. Es kommt auf die richtige Mischung aus News-Leads und Cliffhangern an.

» weiter in Teil 2:
die optimale Länge,
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