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PODCASTING 05.07.2005
"Das Radio hat jetzt die Chance zur Wiedergeburt" (2/2)
Von Fabian Mohr | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

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Warum sollte sich beispielsweise ein etablierter Radiojournalist überhaupt mit Podcasting auseinandersetzen?

Weil die Radiostation der Zukunft nur noch einen Teil ihres Programms über Antenne und in Echtzeit ausstrahlen wird. Die Live-Antenne war bisher nur der mit Abstand preiswerteste Vertriebskanal für Audio-Inhalte. Das wird sich bald ändern und wenn Deutschlands Radiosender den Online-Karren nicht genauso an die Wand fahren wollen, wie es die Mehrheit der deutschen Zeitungsverleger bereits getan hat, wären sie gut beraten, mutiger über On-Demand-Konzepte nachzudenken. Wer das als Journalist versteht, hat die besten Zukunftschancen.

Wenn Du heute aber einen deutschen Radiojournalisten fragst, was Radio ist, erhältst Du in der Regel eine Antwort, die lediglich den derzeitigen Vertriebsweg eines Radiosenders beschreibt. Diese technische Definition von Radio als Echtzeit-Medium via Antennne, Kabel oder Satellit ist nicht mehr brauchbar. Radio-Journalismus ist Journalismus zum Hören, that’s all.

Ich kann aber schon verstehen, dass ein altgedienter Radiojournalist Podcasting zunächst als "niedrigere Lebensform" fürchtet, schließlich genießen wir alle das wohlige Gefühl, vor einem großen Live-Mikro zu sitzen und zu wissen, dass wir gerade direkt in die Autoradios, Badezimmer und Küchen der Nation hineinschallen dürfen. Podcasting wird das bisherige Radio jedoch nicht verdrängen, es wird es bereichern. Es wird uns ermöglichen, unsere Produktionen mehr Hörern zugänglich zu machen als bisher und es wird hoffentlich auch zu einer inhaltlichen Erneuerung des Radios beitragen.

Während einige kanadische, britische und amerikanische Sender gerade jede Menge neuer partizipatorischer Programmkonzepte ausprobieren, scheint im deutschen Radio die Zeit still zu stehen. Die meisten Sender pendeln qualitativ zwischen Aldi und Abendgymnasium und vermitteln das Gefühl, dass von dem Medium zwar durchaus gutes Handwerk, aber keine Überraschungen mehr zu erwarten sind. Ich setze große Hoffnungen auf die Kreativität und den Mut deutschsprachiger Podcaster und hoffe, dass die ARD-Intendanten rechtzeitig erkennen, dass Podcasts Teil eines größeren weltweiten Medien-Phänomens sind, das keine Mediengattung verschont und das unabwendbar ist.

Wie sehen in etwa die Nutzerzahlen aus? Über welche Größenordnungen sprechen wir? Kann man halbwegs seriöse Prognosen abgeben, wie sich die Zahlen in 1 oder 2 Jahren entwickeln werden?

Mir ist bisher nur die externer LinkPEW-Studie bekannt, wonach im April 2005 bereits 6 Millionen US-Bürger einen Podcast heruntergeladen haben. Wobei Download ja noch nicht bedeutet, das der Podcast auch tatsächlich angehört wurde. Es gibt aber bereits Technologien, um auch das tatsächliche Hörverhalten bei Podcasts zu messen und dann wird es nicht lange dauern, bis auch erste Werbeformen für Podcasts entstehen. Herkömmliche Werbespots in Podcasts einzublenden halte ich aber für unsinnig, Podasts werden vor allem über Kopfhörer gehört, grelle Radiospots stoßen da noch schneller auf Ablehnung als im herkömmlichen Radio. Ein Flaschenhals für das weitere Wachstum von Podcasts ist meiner Ansicht auch nach noch das Autoradio. Es gibt zwar schon allerlei Adapter, um mobile MP3-Player mit der Autostereoanlage zu verbinden, für einen Massenmarkt sind diese Lösungen aber noch nicht simpel genug.

 WOLFGANG HARRER: 
Wolfgang Harrer (37) ist seit 1999 freier Korrespondent in San Francisco. Im Bereich Online-Audio hat er für "Die Welt" 1999 das erste Audio-Portal einer deutschen Tageszeitung, die "Audio-Welt", realisiert; er beriet "Die Zeit" bei der Entwicklung ihres Online-Audio-Angebots und initiierte die Gründung des deutschsprachigen Hörbuch-Download-Portals Audible.de, ein Joint-Venture von Audible USA, Holtzbrinck und Bertelsmann. Harrers Podcast für das gemeinsame externer LinkWahl-Blog von ZDF.de und Deutscher Welle anlässlich der US-Präsidentschaftswahl war der erste Podcast eines deutschen Medienunternehmens. Sein Tsunami-Weblog wurde für den Grimme Online Award 2005 nominiert. Vor seinem Wechsel in die USA war Harrer Chef vom Dienst beim BLR-Radiodienst in München, davor Sprecher und Moderator für verschiedene ARD-Hörfunksender und das ARD-Fernsehen.

Apples neue Version von iTunes unterstützt Podcasts. Der endgültige Durchbruch für Podcasting?

iTunes 4.9 wird Podcasts in jedem Fall noch sehr viel populärer machen. Apple geht es mit seinem iTunes-Store ja nicht primär darum, Musik zu verkaufen, sondern einen Anreiz für den Kauf von iPods zu schaffen. Einen 60-Gigabyte iPod aber mit iTunes-Songs zu füllen, würde rund 15.000 Dollar kosten. Kostenlose Podcasts sind deshalb das beste, was Apple passieren konnte.

Bei deinen Blogs für ZDFonline und Deutsche Welle über die US-Wahl und die Tsunami-Katastrophe hast du Podcasts eingesetzt, um Interviews in Originalsprache und voller Länge zu publizieren. Kannst Du diesen Ansatz näher erläutern? Wie sind die User damit umgegangen, dass nicht in ihrer Muttersprache gesendet wurde?

Der Podcast war eigentlich nicht geplant, ZDF und Deutsche Welle baten mich damals lediglich, die Endphase des Präsidentschaftwahlkampfs von Washington D.C. aus mit einem Blog zu begleiten. Meine Partnerin Alysa Selene und ich haben uns dann erst vor Ort entschieden, die Aufnahmen der Interviews auch noch als Podcast ins Netz zu stellen.

Es nervt einfach, wenn Du glaubst, ein spannendes Interview geführt zu haben, und daraus dann aber nur ein paar Sätze in Textform veröffentlichen kannst. Ich fand die Kombination von Blog und Podcast deshalb naheliegend. Wer zu dem jeweiligen Thema nur kurz etwas lesen wollte, konnte dies tun, wer mehr dazu erfahren wollte, konnte sich auch das gesamte Interview anhören oder sogar nur die Audio-Interviews als kostenlosen Podcast abonnieren.

Die Tatsache, dass die meisten Interviews in Englisch geführt wurden, ist natürlich für manche Hörer ein Problem. Gleichzeitig gibt es aber auch eine große Hörerschaft, die gerne mehr Interviews im englischen Original hört, statt nur den üblichen 30-Sekunden Clip mit oft mangelhaft übersetztem Voice-Over im Formatradio vorgesetzt zu bekommen.

Ich habe einst in Deutschland als CvD eine der meistgehörten deutschsprachigen Hörfunknachrichtensendungen geschrieben und präsentiert. Noch nie hatte ich aber so viel Kontakt und konstruktiven Austausch mit meinen Hörern, wie während dieser beiden Podcast-Projekte. Seither weiß ich wieder, warum ich Radio so mag.

Wie groß ist der zeitliche und materielle Aufwand, um eigene Podcasts zu produzieren? Was muss man in Hardware und Software investieren?

Der zeitliche Aufwand hängt natürlich ganz davon ab, was Du produzierst. Für Online-Audio gilt aber grundsätzlich, dass die Tonqualität Deines Ausgangsmaterials so hochwertig wie möglich sein sollte, schließlich muss das Material noch den Qualitätsverlust der MP3-Komprimierung überstehen. Was die Hardware angeht, gibt es Podcaster, die mit simplen Computer-Mikros für 19 Euro direkt in den PC hinein aufnehmen. Für erste Experimente finde ich das ausreichend.

Wer aber seine Hörer längerfristig begleiten will, braucht schon ein gescheites Mikrophon, einen Vorverstärker und ein Schnittprogramm, das zumindest über einen digitalen Equalizer und einen Kompressor verfügt. Ich bin vorsichtig mit Produktempfehlungen, eine bewährte und preiswerte Kombination ist aber zum Beispiel ein dynamisches, also unempfindlicheres Mikrophon von Shure (SM58, auch gebraucht), ein Mackie-Mischpult als Vorverstärker (VLZ 1202-Serie, gebraucht) und die kostenlose Schnittsoftware Audacity. Die Edel-Variante wäre ein empfindlicheres Kondensator-Mikrophon und die Schnittsoftware ProTools, die mit eigener Soundkarte (Mbox) ausgeliefert wird.

Kannst Du Anleitungen empfehlen, falls jemand seinen eigenen Podcast starten will?

Für das Publizieren des Podcasts:
externer Linkwiki.podcast.de/Veröffentlichen
externer Linkpodcast.de/

Für den Audioschnitt:
externer Linktransom.org/tools/index.php (englisch)

Gibt es – obwohl das Phänomen Podcasting noch sehr jung ist – schon so etwas wie klassische Fehler, die man immer wieder beobachten kann?

Ja. Unser Hörverstehen funktioniert nach anderen Prinzipien als unser Leseverstehen, viele Podcaster und auch die derzeitigen Online-Audio-Angebote einiger Tageszeitungen und Magazine scheinen das aber noch zu ignorieren und lesen Texte vor, die für den Druck und nicht für Audio geschrieben wurden. Es funktioniert fast nie, einen Print-Text unverändert zu vertonen.

Im Vergleich zu Print braucht Audio kürzere Sätze, noch mehr anschauliche Bilder statt abstrakter Formulierungen, noch weniger Passiv-Formulierungen und ein gutes Verhältnis von Nahaufnahme und Vogelperspektive bei der Behandlung eines Themas. Auch das chronologische Erzählen von Ereignissen wird beim Zuhören schneller langweilig als beim Lesen.

Insgesamt freue ich mich aber immer, wenn ich Podcasts höre, die nicht nach konventionellem Radio riechen. Ohne Podcasts hätten wir demnächst bald vergessen, was Radio alles sein könnte. Das Radio hat jetzt seine Chance auf eine Wiedergeburt.

Kontakt Wolfgang Harrer: externer Linkwolfgangharrer.com

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