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PODCASTING 05.07.2005
"Das Radio hat jetzt die Chance zur Wiedergeburt" (1/2)
Von Fabian Mohr | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Wolfgang Harrer, freier Korrespondent und Online-Journalist in San Francisco, ist ausgewiesener Experte für die Integration von Audio-Inhalten in Netzangebote. Im Gespräch mit onlinejournalismus.de berichtet Harrer über seine praktischen Erfahrungen mit Podcasting – und warum sich deutsche Medien bei neuen Technologien gerne taub stellen.

Wolfgang Harrer. (Foto: Alysa Selene)

Wolfgang, seit Monaten wird intensiv über Podcasting und sein Potenzial berichtet wie diskutiert – trotzdem gehörst Du zu den ganz wenigen deutschsprachigen Journalisten, die diese Technik auch tatsächlich schon eingesetzt haben. Woran liegt's? Warum verschlafen deutsche Medien die Entwicklung?

Ich wäre ja froh, wenn deutsche Medienmanager die Entwicklung wirklich verschlafen würden, denn dann müssten wir sie nur aufwecken. Tatsache ist aber, dass viele Entscheider in der Branche hellwach sind und bei vollem Bewusstsein versuchen, die absehbaren Veränderungen der Branche so lange wie möglich hinauszuzögern. Das gilt nicht nur für Podcasting, sondern auch für viele andere neue Formen des Online-Journalismus. Das Angstmotiv ist dabei in allen Medienbranchen dasselbe: Die Angst vor "Kannibalisierung", also dem unnötigen Entstehen einer selbstgemachten Konkurrenz.

Was die Entscheider in den Sendern aber noch nicht verstehen wollen, ist, dass sie mit umfangreicheren Podcasts viele Hörer wieder erreichen könnten, die ihnen schon vor Jahren verloren gingen. Die große Schwäche des Mediums Radio ist ja, dass es von seinen Hörern immer noch erwartet, ihre private Tagesplanung nach dem starren Programmschema der Sender auszurichten. Eine Erwartung, die nicht mehr haltbar ist. Es gibt nichts antiquierteres als die morgendlichen Programmhinweise auf BR2 oder SWR2, in denen den Hörern angekündigt wird, welche Sendungen sie heute wieder verpassen. Was spräche beispielsweise dagegen, einen RSS-Podcastfeed aller Wissenschaftssendungen aller ARD-Hörfunksender anzubieten? Wir haben für diese Sendungen bereits bezahlt, warum macht die ARD sie uns nicht leichter zugänglich?

Anders als in den USA haben deutsche Radiosender allerdings auch noch größere juristische Hürden zu überwinden, bevor sie "podcasten" können, nicht nur, wenn es um Musikrechte geht, sondern aber auch bei Autoren- und Darstellerrechten.

Daneben gibt es noch einige weitere Unterschiede zu den USA, die das langsamere Wachstum der privaten deutschen Podcast-Szene erklären könnten. Der Werbeanteil amerikanischer Privatsender ist beispielsweise sehr viel höher als in Deutschland. Amerikaner haben damit einen noch größeren Anreiz, sich für die tägliche Fahrt zur Arbeit werbefreie Audio-Inhalte, wie etwa Podcasts, aus dem Netz herunterzuladen.

Amerikaner sind auch sehr viel unbefangener im Umgang mit Dialekten. Eine vergleichbare Medienhochsprache wie das leicht blasierte, aber stilbildende ARD-Hochdeutsch gibt es in den USA nicht. Hinzu kommt, dass das Medium Radio in den USA ingesamt weniger Respekt genießt als in Europa und viele Colleges und Unis in den USA eigene Radiostationen betreiben, wo Jugendliche bereits Mikrofonerfahrung sammeln können. Die kulturelle Hemmschwelle für Podcast-Neulinge ist in den USA also deutlich niedriger. Auch die Tatsache, dass in den USA bereits mehr iPods im Umlauf sind, dürfte eine Rolle spielen.

Du bist nah am amerikanischen Markt – wie stehen etablierte US-Medien zum Pocasting?

Viele amerikanische Medienunternehmen, von Disney bis ABC, nehmen Podcasting sehr ernst und bieten auch schon eigene Podcasts an. Die Amerikaner haben ja schon in der TV-Branche mit dem TiVo-Rekorder erlebt, dass der On-Demand-Gedanke nicht mehr aufzuhalten ist: Die TiVo-Besitzer sehen nicht weniger fern als früher, dafür aber kaum noch live. Nach dem Verlust ihrer Massenmärkte und der immer stärkeren vertikalen Marktfragmentierung in immer mehr Nischenkanäle verlieren die Sender jetzt also auch die Kontrolle über den Zeitpunkt ihres Zuschauerkontaktes. Dasselbe wird auch für die amerikanische Radiolandschaft erwartet.

Podcasting ist da nur ein Aspekt von vielen, interessant ist zum Beispiel auch der Radioshark, ein UKW-Empfänger mit USB-Anschluss an den PC, der deine Lieblingssendungen automatisch aufnimmt und als MP3-Dateien abspeichert. Und wenn das mobile Breitbandinternet erst einmal flächendeckend und preiswert verfügbar ist, verliert das UKW-Echtzeitradio gegenüber Podcasts auch vollends den Vorteil des mobilen Empfangs.

Kannst du für Laien näher beschreiben, wo der Benefit für traditionelle Medien liegt?

Vor allem die wortlastigen Sender könnten sehr viel mehr Hörer haben, wenn sie ihre Inhalte nicht nur live, sondern zusätzlich auch on-demand anbieten würden. Podcasting ist dafür eine gute Technologie. Viele aufwändig produzierte Sendungen, die heute auf unattraktiven spätabendlichen Sendeplätzen in den Äther verschwinden, könnten mit zusätzlichen Podcasts endlich wieder einen größeren Hörerkreis erreichen. Es gäbe auch schon die nötigen Dienstleister, um zum Beispiel nur Hörer mit GEZ-Nummer auf Podcasts zugreifen zu lassen.

Podcasts könnten den Sendern außerdem neue Aufschlüsse über das tatsächliche Nutzerverhalten ihrer Hörer geben. Die halbjährlichen Media-Analysen, nach denen bisher noch der Werbewert der Sender bemessen wird, verblassen neben der Messgenauigkeit von Online-Medien zur saisonalen Kaffeesatzleserei. Es erstaunt mich immer wieder, dass die Werbewirtschaft diese Umfragen überhaupt als Geschäftsgrundlage akzeptiert.

Aber auch Print-Medien können von Podcasts profitieren. In Ländern wie Japan ist schon jetzt nicht mehr das Laptop oder der PC das primäre Zugangsmedium zum Netz, sondern Handys und PDAs, sprich, das Internet der Zukunft ist das mobile Internet und für den mobilen Konsum ist Audio den Sparten Text und Video klar überlegen. Printmedien sollten sich deshalb überlegen, welche Textinhalte sie hörgerecht aufbereiten können.

weiter in Teil 2 »
Warum sich auch etablierte Radiomacher
mit Podcasting auseinandersetzen sollten.

 

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