| HYPERMEDIA STORYTELLING |
27.05.2003 |
| Darstellungsformen
im Online-Journalismus |
Von Roman
Mischel | Homepage |
 |
Trotz geringer Budgets experimentieren viele Online-Redaktionen
mit neuen Darstellungsformen, die in anderen Medien nicht
zu reproduzieren sind. Ein Überblick.
Print plus X
Angelehnt an das Prinzip einer Zeitung werden Inhalte in
Form von Texten vermittelt. Unter ökonomischen Aspekten
ist diese Form am effizientesten: Texte sind verhältnismäßig
schnell produziert (mal abgesehen von der vorausgehenden Rechercheleistung
und stilsicheren Formulierung) und können seitens des
Users zügig abgerufen werden. Die eigentlichen Möglichkeiten
des Internet werden aber kaum genutzt.
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Slideshows
Mit einer Slideshow lässt sich eine Geschichte in Bildern
erzählen. Voraussetzung ist allerdings, dass diese in
die richtige Reihenfolge gesetzt und mit aussagekräftigen
Kommentaren versehen werden. Mit "Vor"- und "Zurück"-Buttons
behält der User stets die Kontrolle und kann das Rezeptionstempo
selbst bestimmen.
Slideshows sind also virtuelle Dia-Reihen, in denen jeder
Mausklick ein neues Bild auf den Schirm lädt. Gerade
Website-Betreiber, die Werbeplätze vermarkten und dementsprechend
hohe Seitenabrufzahlen (Page-Impressions) vorweisen müssen,
setzen Slideshows gern ein. Weil Bilder in der Regel schneller
rezipiert werden als Texte, kommt es auch schneller zu weiteren
Klicks und deshalb zu höheren PI-Zahlen.
Online-Redaktionen produzieren ihr Bildmaterial allerdings
selten selbst, sondern beziehen es über Agenturen oder
andere Quellen. Die Bilder später in eine chronologische
Reihenfolge zu setzen und eine Geschichte zu erzählen,
gelingt nicht immer. Oft bleibt es dabei, dass das einzelne
Bild inkl. Bildunterschrift für sich steht. Eine Chronologie
ist in diesen Fällen nicht zu erkennen, ein Spannungsbogen
wird nicht aufgebaut.
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Vertonte Slideshows
Um eine Bildergeschichte noch stärker wirken zu lassen,
können Töne eingesetzt werden. Entweder liefern
Sie in Form eines gesprochenen Kommentars – ähnlich
wie beim Fernsehen - zusätzliche Informationen, oder/und
es werden Hintergrundgeräusche eingesetzt, um den Rezipienten
direkt ins akustische Geschehen zu versetzen.
Wie beim Fernsehen sollten Text und Bilder Hand in Hand gehen,
damit keine "Schere" auftritt, also das Gesehene
vom Gehörten abweicht. Idealerweise ergänzt der
Ton die Informationen, die das Bild nicht liefern kann.
Gegenüber dem Fernsehen hat der User im Internet einen
Vorteil: Er kann das Rezeptionstempo selbst bestimmen, sich
also nach seinen eigenen Vorstellungen durch den Beitrag bewegen,
etwa entsprechende Passagen noch einmal anhören bzw.
ansehen). Bei der Flüchtigkeit des Fernsehens hingegen
muss die Information im ersten Anlauf beim Rezipienten angekommen
und von ihm verstanden worden sein.
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Audio Storys
und Clips
Werden Audio-Elemente in Online-Beiträgen eingesetzt,
handelt es sich meist um kleine Clips. Der User entscheidet
selbst, ob er diese hören will oder nicht. Entscheidet
er sich dagegen, sollte der Rest des Beitrags trotzdem die
wesentlichen Informationen liefern und sinnstiftend sein.
Audio-Clips bieten also lediglich einen Mehrwert.
Wenn es z.B. von Bedeutung ist, wie jemand etwas gesagt hat,
macht es durchaus Sinn, diese Aussage zusätzlich als
O-Ton anzubieten. Auch eine Version des kompletten Interviews
zum Download mag der ein oder andere User schätzen (Größenangabe
der Datei aber nicht vergessen).
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Animierte Infografiken
Wer die Zeitung oder ein Magazin aufschlägt, stößt
früher oder später auf Infografiken. Im Wirtschaftsteil
werden Kursentwicklungen durch ein Liniendiagramm visualisiert,
auf den Politikseiten symbolisieren Säulendiagramme die
aktuellen Wahlprognosen und im Sportressort wird der entscheidende
Spielzug zum 4:2 skizziert.
Inspiriert vom amerikanischen Journalismus kam der Trend
zur Infografik in Deutschland zu Beginn der 90-er Jahre auch
in Deutschland auf. Das Magazin Focus war Vorreiter, gefolgt
von der Woche. Daraufhin änderte auch der Spiegel sein
Layout.
Dank der Möglichkeit zur Interaktion haben speziell
für das Internet produzierte Infografiken einen großen
Vorteil gegenüber den Print- und Fernsehdarstellungen:
Sie lassen sich zu jedem Zeitpunkt anhalten und noch einmal
abspielen. Aus einem statischen Bild wird eine dynamische
Abfolge, die mehr sagen kann als tausend Worte. Einziges Manko:
Die Produktion solcher Grafiken ist in der Regel sehr aufwendig.
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Web-TV
Zwar ist es mittlerweile problemlos möglich, Videos
über das Netz zu vertreiben und diese mittels Streaming
in einigermaßen akzeptabler Geschwindigkeit auf den
Bildschirm des Users zu transportieren. Doch wirklich webgerecht
ist das nicht. Wegen der geringen Übertragungsbandbreiten,
auch im Zeitalter von DSL-Zugängen, sind Videobilder
im Internet kaum mit Bildern in Fernsehqualität zu vergleichen.
Wenn Nachrichtensites wie n-tv.de oder Spiegel Online zu ihren
geschriebenen Beiträgen auch Videos anbieten, ist das
zwar ein netter Service – doch eben nicht wirklich innovativ.
Interessante Experimente wagen allerdings chip.tv, der WDR
mit seinem Streaming-Portal und seit Mai 2003 auch tagesschau.de.
Sie bieten Videoübertragungen an, die mit zusätzlichen
Informationen versehen werden. So werden bei chip.tv zu den
laufenden Bildern Text- bzw. Infografikeinblendungen mit hilfreichen
Zusatzinformationen geliefert. Der User benötigt dazu
den Windows Media Player.
Das WDR Streaming Portal setzt voll auf die Fähigkeiten
des RealOne-Players. Nachdem der User eine Sendung ausgewählt
hat, spielt sich der Rest innerhalb der Oberfläche dieses
Players ab: das laufende Video in der Mitte, einzelne anwählbare
Passagen in der linken Menue-Leiste, weiterführende Infos
in der rechten Spalte.
Mit den Video-Fähigkeiten des Macromedia Flash MX-Plugins
experimentiert hingegen die Online-Redaktion der Tagesschau.
Das Prinzip ist ähnlich wie in den beiden anderen Beispielen:
In den laufenden Videobildern werden an bestimmten Stellen
für kurze Zeit verlinkte Infos eingeblendet. Klicken
User diese an, bleibt das Video stehen und ein Artikel mit
weiterführenden Informationen öffnet sich in einem
neuen Browser-Fenster. Später kann das Video an der Ausstiegsstelle
weitergesehen werden. Wer den Strom an bewegten Bildern nur
ungern unterbricht, kann sich "Lesezeichen" setzen
und die Passage später noch einmal anschauen.
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Mischformen: Lineares und non-lineares
Storyboard
Ab einem bestimmten Punkt fällt es schwer, die einzelnen
Formate klar voneinander zu trennen und Begriffe für
sie zu finden. Einzelne Beiträge oder ganze Websites
haben den Charakter von Dossiers, die eine Menge multimedial
aufbereitetes Hintergrundmaterial bieten.
Je nach ihrer vom Redakteur gewählten Erzählweise
kann sich der User seinen Weg durch das Informationsangebot
bahnen. Gabriele Hooffacker unterscheidet in ihrem Buch Online-Journalismus:
Schreiben und Gestalten für das Internet vier unterschiedliche
Varianten. Mit Absolventen der Münchner Journalistenakademie
hat sie die Bezeichnungen "Tunnel-", "Magazin-",
"Peer-To-Peer-" und "Hierarchisches" Storyboard
erarbeitet.
Folgende interaktive Karte zeigt Ihnen,
was sich hinter diesen Begriffen verbirgt.
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Tunnel-Storyboard
Das folgende Beispiel ist eine mit Flash realisierte Teilepisode
aus unserem Multimedia-Feature Großflughafen
Schönefeld: Sinn und Unsinn eines Milliardenprojekts.
Kurz zum Inhalt: Paul Peter wird vom geplanten Bau des Berliner
Großflughafens durch Lärm und Schmutz betroffen
sein. Nun will er sich im Infobus informieren, was er künftig
ertragen muss. Wir haben ihn dabei mit einer Videokamera begleitet
und das Gespräch verfolgt.
Herausgekommen ist dabei ein reportage-ähnlicher Beitrag,
der vor allem von seinen Audio- und Bewegtbildfragmenten lebt.
Diese einzelnen Fragmente werden durch längere Textpassagen
miteinander verbunden. Wie beim Fernsehen oder Radio führen
sie also gezielt auf die O-Töne hin. Der User klickt
sich entlang eines linearen Pfades bis zum Ende der Episode.
Sein einziger interaktiver Einfluss besteht also darin, das
Rezeptionstempo zu bestimmen. Die sog. "Aktions-Autonomie"
wird ihm genommen.
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Tunnel mit Nebenraum
Auch dieser Beitrag stammt aus o.a. Multimedia-Feature. Kurz
zum Inhalt: Diepensee, ein kleines Dorf im Osten Berlins,
soll spätestens 2003 wegen des geplanten Großflughafens
umgesiedelt werden. Der Anwohner Rudi Peters ist erbost darüber,
denn er wird sein Haus verlieren. Obwohl im die Flughafengesellschaft
andernorts ein neues bauen wird, schimpft er wie ein Rohrspatz.
Nachdem Rudi Peters zu Wort gekommen ist, geht die Geschichte
weiter. Der User hat jetzt allerdings die Möglichkeit,
einen Seitenweg einzuschlagen und sich die - weitaus ausgewogenere
- Meinung eines anderen Anwohners anzuhören. Egal welchen
Weg der User einschlägt: Er wird immer wieder auf den
roten Faden der Geschichte geführt.
Bei der Konzeption solcher Storyboards sollten Sie darauf
achten, dass keine logischen Brüche entstehen. Früher
oder später müssen Sie zurückkehren zum roten
Faden. Je weiter Sie allerdings ausschweifen, desto schwieriger
wird es.
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Peer-To-Peer-Storyboard
Auch der amerikanische Fernsehsender ABC News hat die Terroranschläge
vom 11. September 2001 und deren Folgen in einem Flash-Film
aufbereitet. Eine Zeitleiste am unteren Bildschirmrand dient
als Navigation. Die einzelnen Episoden können unabhängig
voneinander gestartet werden. Der Fernsehsender hat dabei
auf seine Ressourcen zurückgegriffen: Starke Bilder sowie
O-Töne und Original-Atmosphäre von den Schauplätzen
vermitteln dem User einen tiefgehenden Eindruck. Innerhalb
der einzelnen Episoden werden verschiedene Darstellungsformate
eingesetzt: Einfache Slideshows, angereichert durch kurze
Texte sowie kleine filmähnliche Beiträge (stark
reduzierte Bildsequenzen) mit Atmospähre und O-Tönen.
Der User hat stets die absolute Kontrolle: Er kann zurückspulen,
vorspulen, anhalten, aussteigen.
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Hierarchisches Storyboard
Das erste Beispiel, "360 Degrees", will einen Einblick
in das amerikanische Rechtssystem gewähren. Unter der
Rubrik "Stories" haben Häftlinge, Opfer, Richter
und Gefängnisaufseher Beichten abgelegt, die in Form
von Tontagebüchern einzelne Bildsequenzen untermalen.
Diese wiederum können User mit Hilfe des Quicktime VR-Plugins
interaktiv erforschen. 360-Grad-Bilder vermitteln einen Eindruck
von dem Gefängniszellen, Richterkammern und anderen Lokalitäten
des Rechtssystems. Unter der Rubrik "Dynamic Data"
ist die Meinung der User gefragt: In Foren werden Fragen diskutiert:
"Warum brechen Menschen das Gesetz?" Und: "Wie
sollen sie bestraft werden?"
Das zweite Beispiel, "Becoming Human", lässt
das Herz von Wissenschaftsjournalisten und Doku-Freunden höher
schlagen, vorausgesetzt sie besitzen einen schnellen Zugang
zum Internet und einen gut ausgestatten Computer. In vier
Kapiteln (News & Views, Learning Center, Resources, Becoming
Human) führt der Paleanthropologe Donald Johansen unterhaltsam
und informativ durch die komplette Geschichte menschlicher
Evolution.
Der Einsatz von Flash5 ist dabei vorbildlich und zeigt,
wie verschiedene multimediale Elemente zusammengeführt
werden können, um den User maximalen Nutzen zu bescheren.
Illustrationen und Fotos wechseln mit kurzen Videoclips ab;
stimmungsvolle Musik und Audio Clips untermalen den informativen
Text. Jederzeit kann der Nutzer - ganz nach seinem Wissendurst
- in laufende Sequenzen eingreifen und diese später an
derselben Stelle fortsetzen. Wer keine Lust auf Interaktion
hat, kann sich auch berieseln lassen. Ein Blick in die "Site
Credits" verrät, wie aufwendig die Produktion der
interaktiven Dokumentation war: Insgesamt haben mehr als hundert
Köpfe an "Becoming Human" mitgearbeitet.
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