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FOREN UND CHATS 09.07.2003
Kommunikative Kundschaft
Von Email an Thomas Mrazek sendenThomas Mrazek | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Dialogmöglichkeiten wie Foren und Chats gehören zum Standard erfolgreicher journalistischer Internet-Angebote. Doch der optimale Umgang mit den Nutzern ist aufwändig und mühsam.

"I learn best by reading, but talking about information with someone else is an equally efficient way to absorb data", schrieb einst Joshua Quittner, als er 1995 in externer LinkHotwired die Geburt eines Way New Journalism feierte. Viele journalistische Websites verzichten aber auf die Meinung ihrer User. (Screenshot: Arjen Jonas)

Wie kann man den Raubtierkapitalismus bändigen? Oder: Gibt es Indizien dafür, ob ich ins Visier der Steuerfahndung geraten bin? – UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler beziehungsweise Hanno Kiesel vom Beratungsunternehmen Ernst & Young müssen sich ungewöhnlichen Fragen stellen. Und das auf der Website des Nachrichtensenders externer Linkn-tv. Die Fragesteller sind keine Journalisten, sondern Besucher eines Experten-Chats. Wöchentlich bis zu 15 solcher Online-Konferenzen veranstaltet n-tv.de; zu festen Zeiten debattieren Politiker, Wissenschaftler, Künstler und Manager mit interessierten Internet-Nutzern.

Thomas Leidel ist gelernter Nachrichtenredakteur und betreut seit zweieinhalb Jahren als "Community-Manager" die interaktiven Angebote bei n-tv.de. Neben moderierten Chats bietet er Foren und Umfragen zum Mitmachen. Die externer Linkn-tv-Community zählt 88.000 registrierte Nutzer; 35.000 haben eine Schutzgebühr von 2,50 Euro bezahlt und können damit sämtliche Kommunikationsangebote der n-tv-Website nutzen. "Die Gebühr haben wir vor einem Jahr eingeführt, um Hetzereien und Beleidigungen einzudämmen. Das hat sich sehr bewährt. Die Qualität der Forenbeiträge ist besser geworden und die Nutzung hat sich nach Page-Impressions sogar verdoppelt", sagt Leidel.

Fingerspitzengefühl

Bis zu 400 Kommentare sammeln sich an einem Tag an. Beliebtestes Diskussionsthema: die Krise im Nahen Osten – zirka 46.000 Wortbeiträge finden sich dazu. Im Vergleich zur Website des amerikanischen TV-Senders externer LinkABC sind diese Zahlen jedoch bescheiden. Am Tag der Anschläge des 11. September 2001 gab es dort 3,4 Millionen Einträge.

Bei der Einrichtung der Diskussionsräume muss Leidel nach eigenen Angaben viel Fingerspitzengefühl zeigen: "Ein Forum zum Tode von Hannelore Kohl wurde zum Beispiel mit sarkastischen Beiträgen 'zugemüllt'. Es kommt auch vor, dass bestimmte tagesaktuelle Themen überhaupt nicht von den Nutzern angenommen werden." Besonders wichtig sei die Resonanz auf das TV-Programm.

Die Kontrolle der Wortmeldungen erfolgt mit Hilfe einer Software, die die Moderatoren auf indizierte Worte wie etwa "Hitler" oder Fäkalbegriffe aufmerksam macht. Praktikanten helfen bei dieser Arbeit; die Redakteure wirken unterstützend durch Hinweise in Artikeln für die Community. Leidel betrachtet seine Tätigkeit als "am Rande journalistisch"; die umfangreichen Kommunikationsmöglichkeiten auf n-tv.de hält er indes für einen "integralen Bestandteil" dieser Nachrichtenseite. "Für die Glaubwürdigkeit unseres Senders ist es wichtig, dass wir zu unserer Berichterstattung und zu verschiedenen Themen eine öffentliche Debatte über den Tag hinaus ermöglichen. Das kostet aber Geld und steht unter den wirtschaftlichen Vorbehalten, mit denen der Qualitätsjournalismus derzeit leben muss."

Unmoderiert

Das letzte Wort gesprochen ist im externer LinkInternet-Forum der "taz". Das Alternativblatt, das 1994 als eine der ersten Tageszeitungen mit einer Volltextausgabe ins Netz ging, stellte im vergangenen November seine Kommunikationsplattform ein. "In den Foren gab es häufig rassistische und sexistische Äußerungen", erläutert Gaby Sohl, Assistentin von Chefredakteurin Bascha Mika. "Für eine professionelle Moderation bräuchten wir mindestens eine Person, und für die haben wir kein Geld. Der Einbau von technischen Sperren und eine Registrierung helfen da auch nicht weiter, die Leute finden immer wieder Schlupflöcher."

Das Sorgfalt nicht nur aus Imagegründen angebracht ist, schildert externer LinkKlaus Meier, Leiter des externer LinkStudiengangs Online-Journalismus an der FH Darmstadt, in interner Linkseinem Buch "Internet-Journalismus": Als im Oktober des Jahres 2000 Nazisprüche auf der Website der schwedischen Tageszeitung externer LinkAftonbladet gepostet und wegen einer technischen Panne nicht gelöscht wurden, hatte dies ein gerichtliches Nachspiel: Im März 2001 verurteilte ein schwedisches Gericht den verantwortlichen Redakteur. "Aftonbladet" schloss zunächst das externer LinkForum und hielt es später nur noch zu Redaktionszeiten offen.

Nicht sonderlich vertrauenserweckend wirkt das Forum des Münchner Boulevardblatts externer Linktz: nur rund hundert Einträge binnen eines Jahres füllen das schwarze Brett spärlich. Zudem sind kaum Diskussionsfäden ("Threads") entstanden. Die Qualität der Beiträge lässt häufig jegliches Niveau vermissen. Fragen von Nutzern an die Zeitungsmacher bleiben unbeantwortet. Redaktionsleiter Julian Spies interner Linkräumte dieses Manko vor einem halben Jahr selbst ein: "Die Seite ist kein Aushängeschild, die Mängel sind bekannt. In absehbarer Zeit wird es einen völlig neuen Auftritt geben."

Beim Münchner Mitbewerber externer LinkAbendzeitung spielt die Nutzereinbindung überhaupt keine Rolle; Diskussionsmöglichkeiten sucht man vergeblich. "Wir verfolgen keine nennenswerten strategischen Ziele mit unserem Internet-Auftritt", interner Linksagt Geschäftsführer Christoph Mattes. Dass sich diese legere Haltung nicht auszahlt, zeigten im April die IVW-Zahlen: Das E-Paper-Abo verkaufte sich innerhalb eines Jahres gerade neunmal. Dabei soll dieser Vertriebsweg einmal als ein Hoffnungsträger für das an Leserschwund leidende Blatt gegolten haben. "Ein aufwändigerer Auftritt würde nur fürchterlich Geld kosten, und das haben wir nicht", sagt Mattes.

Netztagebuch

Neue Wege zum Nutzer suchte bis vor kurzem hingegen die Berliner externer LinkNetzeitung. Zwischen April und Juni konnten die Besucher dort im externer LinkNetblog (auch Netztagebuch genannt) neben den Redakteuren mitschreiben. Im Augenblick ist das Projekt aber auf Eis gelegt. "Wir kommen wieder, sobald sich ein Ereignis anbietet", schreibt Netzeitungs-Autor Ben Schwan in seinem externer Linkvorerst letzten Eintrag.

Ein Blog ist eine Mischform aus Tagebuch, Forum, Newsticker und Linksammlung. Meist in ein, zwei Sätzen liefern die "Blogger" Link-Hinweise oder Einschätzungen zu interessanten, merkwürdigen Websites. Vorbild für die "Netzeitung" war unter anderem der externer LinkWeblog des Guardian. Bei der "Netzeitung" bloggten aber hauptsächlich die eigenen Mitarbeiter. Die Leser scheinen diese Möglichkeit, mit Journalisten auf einer Ebene zu agieren, noch nicht wahrgenommen zu haben.

Der Beitrag ist zuerst erschienen in der Medienzeitschrift externer Linkjournalist (Ausgabe 7/2003).

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