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Dialogmöglichkeiten wie Foren und Chats gehören
zum Standard erfolgreicher journalistischer Internet-Angebote.
Doch der optimale Umgang mit den Nutzern ist aufwändig
und mühsam.
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"I learn best
by reading, but talking about information with someone
else is an equally efficient way to absorb data",
schrieb einst Joshua Quittner, als er 1995 in Hotwired
die Geburt eines Way New Journalism feierte. Viele
journalistische Websites verzichten aber auf die
Meinung ihrer User. (Screenshot: Arjen Jonas) |
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Wie kann man den Raubtierkapitalismus bändigen? Oder:
Gibt es Indizien dafür, ob ich ins Visier der Steuerfahndung
geraten bin? – UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler
beziehungsweise Hanno Kiesel vom Beratungsunternehmen Ernst
& Young müssen sich ungewöhnlichen Fragen stellen.
Und das auf der Website des Nachrichtensenders n-tv.
Die Fragesteller sind keine Journalisten, sondern Besucher
eines Experten-Chats. Wöchentlich bis zu 15 solcher Online-Konferenzen
veranstaltet n-tv.de; zu festen Zeiten debattieren Politiker,
Wissenschaftler, Künstler und Manager mit interessierten
Internet-Nutzern.
Thomas Leidel ist gelernter Nachrichtenredakteur und betreut
seit zweieinhalb Jahren als "Community-Manager"
die interaktiven Angebote bei n-tv.de. Neben moderierten Chats
bietet er Foren und Umfragen zum Mitmachen. Die n-tv-Community
zählt 88.000 registrierte Nutzer; 35.000 haben eine Schutzgebühr
von 2,50 Euro bezahlt und können damit sämtliche
Kommunikationsangebote der n-tv-Website nutzen. "Die
Gebühr haben wir vor einem Jahr eingeführt, um Hetzereien
und Beleidigungen einzudämmen. Das hat sich sehr bewährt.
Die Qualität der Forenbeiträge ist besser geworden
und die Nutzung hat sich nach Page-Impressions sogar verdoppelt",
sagt Leidel.
Fingerspitzengefühl
Bis zu 400 Kommentare sammeln sich an einem Tag an. Beliebtestes
Diskussionsthema: die Krise im Nahen Osten – zirka 46.000
Wortbeiträge finden sich dazu. Im Vergleich zur Website
des amerikanischen TV-Senders ABC
sind diese Zahlen jedoch bescheiden. Am Tag der Anschläge
des 11. September 2001 gab es dort 3,4 Millionen Einträge.
Bei der Einrichtung der Diskussionsräume muss Leidel
nach eigenen Angaben viel Fingerspitzengefühl zeigen:
"Ein Forum zum Tode von Hannelore Kohl wurde zum Beispiel
mit sarkastischen Beiträgen 'zugemüllt'. Es kommt
auch vor, dass bestimmte tagesaktuelle Themen überhaupt
nicht von den Nutzern angenommen werden." Besonders wichtig
sei die Resonanz auf das TV-Programm.
Die Kontrolle der Wortmeldungen erfolgt mit Hilfe einer Software,
die die Moderatoren auf indizierte Worte wie etwa "Hitler"
oder Fäkalbegriffe aufmerksam macht. Praktikanten helfen
bei dieser Arbeit; die Redakteure wirken unterstützend
durch Hinweise in Artikeln für die Community. Leidel
betrachtet seine Tätigkeit als "am Rande journalistisch";
die umfangreichen Kommunikationsmöglichkeiten auf n-tv.de
hält er indes für einen "integralen Bestandteil"
dieser Nachrichtenseite. "Für die Glaubwürdigkeit
unseres Senders ist es wichtig, dass wir zu unserer Berichterstattung
und zu verschiedenen Themen eine öffentliche Debatte
über den Tag hinaus ermöglichen. Das kostet aber
Geld und steht unter den wirtschaftlichen Vorbehalten, mit
denen der Qualitätsjournalismus derzeit leben muss."
Unmoderiert
Das letzte Wort gesprochen ist im Internet-Forum
der "taz". Das Alternativblatt, das 1994 als
eine der ersten Tageszeitungen mit einer Volltextausgabe ins
Netz ging, stellte im vergangenen November seine Kommunikationsplattform
ein. "In den Foren gab es häufig rassistische und
sexistische Äußerungen", erläutert Gaby
Sohl, Assistentin von Chefredakteurin Bascha Mika. "Für
eine professionelle Moderation bräuchten wir mindestens
eine Person, und für die haben wir kein Geld. Der Einbau
von technischen Sperren und eine Registrierung helfen da auch
nicht weiter, die Leute finden immer wieder Schlupflöcher."
Das Sorgfalt nicht nur aus Imagegründen angebracht ist,
schildert Klaus
Meier, Leiter des Studiengangs
Online-Journalismus an der FH Darmstadt, in seinem
Buch "Internet-Journalismus": Als im Oktober
des Jahres 2000 Nazisprüche auf der Website der schwedischen
Tageszeitung Aftonbladet
gepostet und wegen einer technischen Panne nicht gelöscht
wurden, hatte dies ein gerichtliches Nachspiel: Im März
2001 verurteilte ein schwedisches Gericht den verantwortlichen
Redakteur. "Aftonbladet" schloss zunächst das
Forum
und hielt es später nur noch zu Redaktionszeiten offen.
Nicht sonderlich vertrauenserweckend wirkt das Forum des
Münchner Boulevardblatts tz:
nur rund hundert Einträge binnen eines Jahres füllen
das schwarze Brett spärlich. Zudem sind kaum Diskussionsfäden
("Threads") entstanden. Die Qualität der Beiträge
lässt häufig jegliches Niveau vermissen. Fragen
von Nutzern an die Zeitungsmacher bleiben unbeantwortet. Redaktionsleiter
Julian Spies räumte
dieses Manko vor einem halben Jahr selbst ein: "Die
Seite ist kein Aushängeschild, die Mängel sind bekannt.
In absehbarer Zeit wird es einen völlig neuen Auftritt
geben."
Beim Münchner Mitbewerber Abendzeitung
spielt die Nutzereinbindung überhaupt keine Rolle; Diskussionsmöglichkeiten
sucht man vergeblich. "Wir verfolgen keine nennenswerten
strategischen Ziele mit unserem Internet-Auftritt", sagt
Geschäftsführer Christoph Mattes. Dass sich
diese legere Haltung nicht auszahlt, zeigten im April die
IVW-Zahlen: Das E-Paper-Abo verkaufte sich innerhalb eines
Jahres gerade neunmal. Dabei soll dieser Vertriebsweg einmal
als ein Hoffnungsträger für das an Leserschwund
leidende Blatt gegolten haben. "Ein aufwändigerer
Auftritt würde nur fürchterlich Geld kosten, und
das haben wir nicht", sagt Mattes.
Netztagebuch
Neue Wege zum Nutzer suchte bis vor kurzem hingegen die
Berliner Netzeitung.
Zwischen April und Juni konnten die Besucher dort im Netblog
(auch Netztagebuch genannt) neben den Redakteuren mitschreiben.
Im Augenblick ist das Projekt aber auf Eis gelegt. "Wir
kommen wieder, sobald sich ein Ereignis anbietet", schreibt
Netzeitungs-Autor Ben Schwan in seinem vorerst
letzten Eintrag.
Ein Blog ist eine Mischform aus Tagebuch, Forum, Newsticker
und Linksammlung. Meist in ein, zwei Sätzen liefern die
"Blogger" Link-Hinweise oder Einschätzungen
zu interessanten, merkwürdigen Websites. Vorbild für
die "Netzeitung" war unter anderem der Weblog
des Guardian. Bei der "Netzeitung" bloggten
aber hauptsächlich die eigenen Mitarbeiter. Die Leser
scheinen diese Möglichkeit, mit Journalisten auf einer
Ebene zu agieren, noch nicht wahrgenommen zu haben.
Der Beitrag ist zuerst erschienen in der Medienzeitschrift
journalist
(Ausgabe 7/2003).
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