|
Online-Redakteure haben oft mit einem schlechten
Image zu kämpfen. Und können nur selten so viel
Journalismus betreiben, wie sie gerne wollten.
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Unrespektiert, missverstanden,
abgeschoben - Online-Redakteure haben in Medienhäusern
oftmals einen schweren Stand. (Foto/Collage: Tüshaus) |
|
 |
 |
 |
 |
"Rein phänotypisch ist er vom gemeinen Journalisten
kaum zu unterscheiden. Er wirkt nur stärker gebeugt:
Gram infolge chronischer Existenzangst." So beschrieb
2002 Thomas Becker, stellvertretender Chefredakteur bei sueddeutsche.de,
den Online-Redakteur. Bei einigen Medien haben die Onliner
zudem mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen. Laut Umfrage
des Magazins "iBusiness" fühlen sich 69 Prozent
der Online-Redakteure in Verlagen "überhaupt nicht
oder nur teilweise respektiert". Auch eine vom Verband
Deutscher Zeitschriftenverleger vorgelegte Studie zur Organisation
von Internet-Redaktionen erwähnt dieses Manko: Online
werde häufig als "fünftes Rad am Wagen"
betrachtet.
Überzeugungsarbeit
Offen über die Missstände reden will kaum jemand.
"Wir sind personell völlig unterbesetzt", klagt
ein Internet-Redakteur einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt.
"Wir haben daher kaum Chancen, selbst journalistisch
tätig zu werden." Kollegen der anderen Medien wiesen
ab und zu gerne darauf hin, "dass wir von deren Rundfunkgebühren
leben." Vor allem die Hörfunkredaktion betrachte
das Internet als minderwertig: "Uns gibt’s schon
seit 80 und euch erst seit ein paar Jahren." Es sei bei
den Anstalten noch Überzeugungsarbeit notwendig, um zu
zeigen, dass mit dem Angebot im Netz etwa "Zuschauer
an den Sender gebunden und neue hinzugewonnen werden können",
erklärt der Redakteur.
Bei anderen Sendern sei dies mitunter besser. Von einer guten
Integration berichtet Holger Hank, Redaktionsleiter bei DW
Online: "Wir arbeiten inzwischen formal gleichberechtigt
mit den klassischen Medien der Deutschen Welle, Radio und
TV, zusammen. Es gibt einen intensiven Austausch, und wir
können eigene Schwerpunkte setzen."
Echter Netz-Journalismus ist die Ausnahme
Davon können die Onliner einer süddeutschen Zeitungsgruppe
nur träumen. Ein Redakteur erzählt: "Die Internet-Redaktion
ist eigentlich nur damit beschäftigt, druckfertige Beiträge
fürs Web zu optimieren. Eigenständige journalistische
Arbeiten sind die Ausnahme." Bezeichnend für die
geringe Bedeutung des Online-Angebots sei auch, dass nie ein
Kollege dieser Redaktion in den Konferenzen anwesend ist.
"Der verstärkte Einsatz des E-Papers macht diese
Journalisten vielleicht überflüssig", befürchtet
der Redakteur.
"Einige Medienunternehmen benachteiligen die Internet-Journalisten
auch in anderen Bereiche", sagt Michael Hirschler, als
Referent des Deutschen-Journalisten Verbandes zuständig
für die Betreuung des Fachausschusses
Online. "Oft werden die Online-Abteilungen in eigenständige
GmbHs ausgegliedert – ohne tarifvertragliche Bindung."
Bei öffentlich-rechtlichen Anstalten bediene man sich
verstärkt freier Mitarbeiter, um die Kernredaktionen
möglichst klein zu halten.
Online-Redakteure einbinden
Klaus Meier, Leiter des Studiengangs
Online-Journalismus an der FH Darmstadt, stellt fest,
dass den Redaktionen "nicht genug Wertschätzung
entgegengebracht wird". Das Management betone zwar die
Bedeutung von "crossmedialer" Zusammenarbeit in
den Redaktionen, "aber bei diesen Sonntagsreden bleibt
es dann auch. Die Online-Redaktionen müssen fest in den
Arbeitsalltag eingebunden werden – zum Beispiel in die
Newsrooms der Zeitungen und durch regelmäßige Teilnahme
an Redaktionskonferenzen", fordert der Journalistik-Professor.
Bei sueddeutsche.de, einem führenden Internet-Angebot
unter den deutschen Tageszeitungen, ist seit einem Jahr Ruhe
eingekehrt. Die Abteilung ist von 30 Mitarbeitern auf zehn
geschrumpft. Die Online-Redakteure können wieder aufrecht
gehen. "Letztlich hat man gemerkt, dass es ohne Online-Redaktion
nicht geht", sagt Thomas Becker. Für die verbliebenen
Kollegen sei die Arbeit allerdings wesentlich umfangreicher
geworden. "Zudem können wir nicht mehr so in die
Tiefe gehen. Es wäre viel mehr möglich. Aber die
Print-Kollegen sind verständlicherweise sehr mit sich
selbst beschäftigt."
Der Beitrag ist zuerst erschienen in der Medienzeitschrift
journalist
(Ausgabe 9/2004).
|