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ONLINE-REDAKTEURE IM WARTESTAND 22.09.2004
„Chronische Existenzangst“
Von Email an Stefan Heijnk sendenThomas Mrazek | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Online-Redakteure haben oft mit einem schlechten Image zu kämpfen. Und können nur selten so viel Journalismus betreiben, wie sie gerne wollten.

Unrespektiert, missverstanden, abgeschoben - Online-Redakteure haben in Medienhäusern oftmals einen schweren Stand. (Foto/Collage: Tüshaus)

"Rein phänotypisch ist er vom gemeinen Journalisten kaum zu unterscheiden. Er wirkt nur stärker gebeugt: Gram infolge chronischer Existenzangst." So beschrieb 2002 Thomas Becker, stellvertretender Chefredakteur bei [externer Link]sueddeutsche.de, den Online-Redakteur. Bei einigen Medien haben die Onliner zudem mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen. Laut Umfrage des Magazins "iBusiness" fühlen sich 69 Prozent der Online-Redakteure in Verlagen "überhaupt nicht oder nur teilweise respektiert". Auch eine vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger vorgelegte Studie zur Organisation von Internet-Redaktionen erwähnt dieses Manko: Online werde häufig als "fünftes Rad am Wagen" betrachtet.

Überzeugungsarbeit

Offen über die Missstände reden will kaum jemand. "Wir sind personell völlig unterbesetzt", klagt ein Internet-Redakteur einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. "Wir haben daher kaum Chancen, selbst journalistisch tätig zu werden." Kollegen der anderen Medien wiesen ab und zu gerne darauf hin, "dass wir von deren Rundfunkgebühren leben." Vor allem die Hörfunkredaktion betrachte das Internet als minderwertig: "Uns gibt’s schon seit 80 und euch erst seit ein paar Jahren." Es sei bei den Anstalten noch Überzeugungsarbeit notwendig, um zu zeigen, dass mit dem Angebot im Netz etwa "Zuschauer an den Sender gebunden und neue hinzugewonnen werden können", erklärt der Redakteur.

Bei anderen Sendern sei dies mitunter besser. Von einer guten Integration berichtet Holger Hank, Redaktionsleiter bei [externer Link]DW Online: "Wir arbeiten inzwischen formal gleichberechtigt mit den klassischen Medien der Deutschen Welle, Radio und TV, zusammen. Es gibt einen intensiven Austausch, und wir können eigene Schwerpunkte setzen."

Echter Netz-Journalismus ist die Ausnahme

Davon können die Onliner einer süddeutschen Zeitungsgruppe nur träumen. Ein Redakteur erzählt: "Die Internet-Redaktion ist eigentlich nur damit beschäftigt, druckfertige Beiträge fürs Web zu optimieren. Eigenständige journalistische Arbeiten sind die Ausnahme." Bezeichnend für die geringe Bedeutung des Online-Angebots sei auch, dass nie ein Kollege dieser Redaktion in den Konferenzen anwesend ist. "Der verstärkte Einsatz des E-Papers macht diese Journalisten vielleicht überflüssig", befürchtet der Redakteur.

"Einige Medienunternehmen benachteiligen die Internet-Journalisten auch in anderen Bereiche", sagt Michael Hirschler, als Referent des Deutschen-Journalisten Verbandes zuständig für die Betreuung des [externer Link]Fachausschusses Online. "Oft werden die Online-Abteilungen in eigenständige GmbHs ausgegliedert – ohne tarifvertragliche Bindung." Bei öffentlich-rechtlichen Anstalten bediene man sich verstärkt freier Mitarbeiter, um die Kernredaktionen möglichst klein zu halten.

Online-Redakteure einbinden

Klaus Meier, Leiter des [externer Link]Studiengangs Online-Journalismus an der FH Darmstadt, stellt fest, dass den Redaktionen "nicht genug Wertschätzung entgegengebracht wird". Das Management betone zwar die Bedeutung von "crossmedialer" Zusammenarbeit in den Redaktionen, "aber bei diesen Sonntagsreden bleibt es dann auch. Die Online-Redaktionen müssen fest in den Arbeitsalltag eingebunden werden – zum Beispiel in die Newsrooms der Zeitungen und durch regelmäßige Teilnahme an Redaktionskonferenzen", fordert der Journalistik-Professor.

Bei sueddeutsche.de, einem führenden Internet-Angebot unter den deutschen Tageszeitungen, ist seit einem Jahr Ruhe eingekehrt. Die Abteilung ist von 30 Mitarbeitern auf zehn geschrumpft. Die Online-Redakteure können wieder aufrecht gehen. "Letztlich hat man gemerkt, dass es ohne Online-Redaktion nicht geht", sagt Thomas Becker. Für die verbliebenen Kollegen sei die Arbeit allerdings wesentlich umfangreicher geworden. "Zudem können wir nicht mehr so in die Tiefe gehen. Es wäre viel mehr möglich. Aber die Print-Kollegen sind verständlicherweise sehr mit sich selbst beschäftigt."

Der Beitrag ist zuerst erschienen in der Medienzeitschrift
[externer Link]journalist
(Ausgabe 9/2004).

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