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WEBLOGS VON JOURNALISTEN 26.07.2004
Mehr als ein Spielplatz
Von Email an den AutorTobias Rabe | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Immer mehr (deutsche) Journalisten eröffnen ihr
eigenes, privates Weblog. Da stellt sich zwangsläufig
die Frage nach den Gründen, neben der zeitraubenden
beruflichen Tätigkeit auch noch regelmäßige
Tagebuch-Einträge im Internet zu verfassen.

So mancher hält Weblogs lediglich für eine Art "Spielplatz" von Journalisten. Doch mittlerweile haben viele Szenekenner ihre Meinung geändert. (Foto: Rabe)

Viele bloggende Journalisten schätzen an Weblogs besonders die Möglichkeit, in ihren Einträgen das zu schreiben, was sie wollen. Ganz ohne Vorgaben, auch nicht seitens des Arbeitgebers. Daher bietet diese Freiheit für etliche, die auch beruflich viele Texte verfassen, einen speziellen Anreiz. "Sie sind free speech, free press – und nicht der Platz zwischen Anzeigen", erklärt Peter Praschl, mit seinem Le Sofa Blogger einer der bekanntesten deutschen Weblog-Journalisten.

Dennoch sieht der gebürtige Österreicher die Sache nicht sehr verbissen: "Ich schreibe mir nichts von der Seele. Nicht, dass ich das gering schätzen würde – es trifft bloß auf mich nicht zu." Der Ressortleiter beim Hamburger Frauenmagazin "Amica" gibt auch zu, dass sich das Weblogschreiben wenig mit der typischen täglichen Tätigkeit vergleichen lässt: "Es stimmt, dass meine journalistische Arbeit sich von dem unterscheidet, was ich in meinem Weblog mache; das liegt aber eher daran, dass mein Weblog eben nicht oder nur zu einem geringen Teil journalistisch sein soll." Zum gesamten Interview mit Peter Praschl.

Eigenwerbung durch Weblogs

Das Weblog: also nur ein Spielplatz für Journalisten? Mitnichten. Auch der Vermarktungsaspekt spielt eine Rolle, gerade bei jungen und freiberuflichen Journalisten. Der 41-jährige Thomas Jungbluth, freier Computer-Journalist, beispielsweise, versteht sein Weblog als Marketing-Instrument, mit dem er Redaktionen auf sich aufmerksam machen kann.

Ähnlich ergeht es dem freien Journalisten Mario Sixtus: "Mein Blog erfüllt die Funktion eines permanenten Lebenszeichens." Der Düsseldorfer hat die Vorteile von Weblogs schätzen gelernt: "Bei Erstkontakten mit Redaktionen verweise ich als Antwort auf die berühmte Frage nach Referenz-Artikeln schlicht auf mein Archiv im Netz. Dort können sich Redakteure nach Belieben
durch die Texte klicken. Wer sich für meine Themen interessiert, dem ist diese Möglichkeit meist
sympathischer, als megabyteschwere PDFs gemailt zu bekommen." Zum gesamten Interview mit Mario Sixtus

Geld verdienen ist noch die Ausnahme

Dass Journalisten mit einem Weblog auch direkt Geld verdienen können, beweist die Ausnahme Rafat Ali aus London. Bei Paidcontent.org berichtet der Wirtschaftsjournalist täglich kostenlos über den Markt kostenpflichtiger Internetinhalte. Sein
Verdienst, das angeblich doppelt so hoch, wie in seiner vorigen Position als leitender Redakteur beim "Silicon Alley Reporter" in New York ist, bezieht er aus Werbung, die er auf seiner Site schaltet. Sich selber bezeichnet er als "Journoblogger". Doch Rafat Ali ist eine der großen Ausnahmen und Experten bezweifeln, dass sich ein breiter Markt für sein Modell entwickelt. Ali selber betont in einem Interview mit der Netzeitung, dass vor allem eine glücklich gefundene Nische entscheidend für seinen Erfolg gewesen sei. Aber es gibt auch noch andere Möglichkeiten. Andrew Sullivan (New York Times und Sunday Times) verdient mit seinem Weblog pro Monat bis zu 6000 Dollar. Zum einen bittet er einfach um Spenden seiner Leser, zum anderen kassiert er im Umfeld seiner Buchkritiken Provisionen des Online-Buchhändlers Amazon.

Publizieren ohne finanziellen Druck

In der Blogosphäre glauben viele daran, dass Weblogs Journalisten die Möglichkeit geben, Eigen-PR zu betreiben oder sich selbstständig zu machen, da die Kosten sehr gering sind. Zudem können persönliche Weblogs die Wahrnehmung der Leser entscheidend verändern, denn die Leser achten bei der Auswahl ihrer Texte mehr auf den Autor, statt auf die Publikation, in der der Bericht erscheint.

Andere Journalisten wollen dagegen gar keine ökonomischen oder öffentlichkeitswirksamen Vorteile aus ihren Weblogs ziehen. Peter Praschl fühlt sich bei den Einträgen in seinem Le Sofa Blogger ohne Bezahlung besser: "In einer Welt, in der zu viel über Verdienstmöglichkeiten geredet wird, ist es durchaus ein Glück, dass es noch ein Schreiben und ein Veröffentlichen gibt, das sich keine Gedanken über Geld macht." Zudem drängt viele die Angst, dass die Weblogs durch eine Kommerzialisierung ihre Glaubwürdigkeit verlieren würden.

Journalisten belauern Weblog-Charts

Viele Journalisten, auch die, die gar kein eigenes Weblog haben, nutzen Blog-Indizes wie Blogdex und Daypop, um den Erfolg einer Geschichte oder die Konjunktur eines Themas in der Blogosphäre zu verfolgen. Wie aktuell journalistische Weblogs sein können, zeigte Dan Gillmor in seinem Blog bei siliconvalley.com, der drei (!) Tage vor dem renommierten „Wall Street Journal“ und der "Washington Post" berichtete, dass der größte Anbieter für Weblogsoftware, Pyra Labs, von Google gekauft worden war. Deutsche Weblog-Journalisten hinken (noch) hinterher.

Trotz alledem: In Deutschland hält sich die Anzahl der bloggenden Journalisten, im Gegensatz zum Vorreiter USA (noch) in Grenzen. Neben dem zeitlichen Aufwand und der fehlenden Verdienstmöglichkeit wird auch mit dem Misstrauen und der Unwissenheit der Betroffenen
argumentiert. Dies könnte das Motiv sein, warum hierzulande bisher noch kein wirklich prominenter Journalist sein Weblog eröffnet hat. Mario Sixtus zeigt Verständnis: "Dass Berufsschreiber keine Lust haben, auch noch ihre Freizeit vor der Tastatur zu verbringen, kann ich gut verstehen." Peter Praschl prophezeit dennoch eine positive Zukunft für Journalisten-Weblogs: "Ich habe die Vermutung, dass es mehr von ihnen geben wird."

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