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WEBLOGS VON JOURNALISTEN 26.07.2004
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Von Email an den AutorTobias Rabe | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

In den USA ist die Weblog-Dichte unter Journalisten besonders hoch. Doch dem freien, unredigierten Schreiben in persönlichen Journalen werden immer mehr Grenzen gesetzt. Die Meinungen von Experten und Lesern zu diesem Thema gehen weit auseinander.

Spätestens nach dem Antisemitismus-Skandal in Greg Easterbrooks Weblog werden gerade die Einträge von Journalisten genauer unter die Lupe genommen. (Foto: Rabe)

Als der bekannte amerikanische Politik-Redakteur und Kolumnist Greg Easterbrook am 13. Oktober 2003 um 9.27 Uhr den täglichen Eintrag für seinen Easterblogg postete, ahnte er nicht, welche Diskussionen seine Zeilen auslösen würden. Easterbrook wollte eigentlich nur den neuen Quentin Tarantino-Film "Kill Bill Volume 1" bewerten, doch seine Kritik endete in einem Antisemitismus-Skandal. Er schrieb, dass der Streifen von verantwortungslosen Hollywood-Managern gemacht wurde, "die Geld über alles lieben" und verurteilte die Gewalt in einigen Szenen. Dabei spielte er unverständlicherweise auch auf die jüdische Abstammung zweier Verantwortlicher an und ließ somit veraltete Klischees unnötig wieder aufleben.

Die Leserschaft war empört, galt der "Easterblogg" in der Szene doch als eines der anerkannten Vorzeigeobjekte im Bereich der Journalisten-Weblogs. Der Sportkanal ESPN kündigte ihm sofort, seinen Platz beim Washingtoner Magazin "The New Republic" durfte er nur mit Gnade seiner Vorgesetzten behalten. Sie gingen von einem einmaligen Ausrutscher ihres verdienten Redakteurs aus. Dennoch war die Öffentlichkeit in Aufruhr. Alle wichtigen US-Medien, auch im Print- und Rundfunkbereich, berichteten über Easterbrooks Entgleisung. Zwar entschuldigte sich dieser drei Tage später in seinem Weblog, doch der Vorfall wirft eine wichtige Frage auf: Dürfen hauptberufliche Journalisten Einträge für ihr privates Weblog schreiben, ohne dass diese von ihrem Arbeitgeber gegengelesen werden?

Neuerdings nehmen einige Publikationen die Texte ihrer Angestellten vor Veröffentlichung genau unter die Lupe, andere hatten sich bereits vor Easterbrooks Eintrag zur vorherigen Kontrolle entschieden. Gerade wenn das Weblog auf der Website der Redaktion platziert ist, werden die Einträge wie jeder andere Text in den Redaktionsprozess eingebunden. So erging es auch Daniel Weintraub, der in seinem California Insider die Gouverneurswahl 2003 beleuchtete. Nach einem Beitrag, der heftige Leserkritik auslöste, veranlasste sein Arbeitgeber, die "Sacramento Bee", eine interne Überprüfung. Das Ergebnis: Der Journalist muss seine Texte vorher redigieren lassen, damit die Zeitung "ethische und journalistische Standards" einhalte. Viele Redaktionen stellt dies allerdings vor Probleme, da sie nicht über genügend Redakteure für diese aufwendige Extraarbeit verfügen.

Heimliche Weblog-Journalisten gehen hohes Risiko

Bevor dies geschehen kann, muss der bloggende Journalist sich natürlich outen – oder er wird geoutet. Steve Outing vom Poynter Institute hat Weblog-Journalisten daher bereits vor einiger Zeit in zwei Gruppen unterteilt. Auf der einen Seite die, die mit Zustimmung ihrer Arbeitgeber in der Freizeit bloggen und auf der anderen Seite die, die heimlich schreiben. Etliche Redaktionen sind dazu übergegangen, bereits bei Vorstellungsgesprächen das Thema "Weblog" zu klären. So bleiben negative Überraschungen aus – zumindest wenn die Bewerber ehrlich sind.

Anlässlich der vermehrten Kontrolle gibt es weitere Kontroversen. Denn viele Leser wollen gar keine begradigten Einträge. Sie empfinden dies als nicht tolerierbaren Eingriff in den Geist der Weblogs, deren Charme oft gerade in ihrer Spontaneität liegt. Andere halten dagegen, dass die Beiträge durch Gegenlesen und Redigieren deutlich an Qualität gewinnen würden.
Jason McCabe Calacanis, Gründer der Internet-Zeitschrift
Silicon Alley Reporter baut neben dem gewissenhaften Publizieren der Journalisten auch auf das Verständnis der Leser: "Sie wissen, dass Weblogs schnell produziert werden und daher Fehler enthalten können." Jedoch müssten diese dann auch ganz offen zugegeben werden.

Es geht auch ganz ohne Konflikte

Bislang keine Probleme hat Martin Kilian, USA-Korrespondent des Zürcher "Tages-Anzeigers". Sein
privates Weblog, in das er alles schreibt, was ihm "gerade durch den Kopf geht und was ein Journalist tut, wenn er mal keine Zeitungsartikel verfasst", ist in die Website seines Arbeitgebers integriert. Die Idee dazu kam von Kilian selbst, die Redaktion war und ist begeistert. Der Journalist kann schreiben, was er will, und hat keine Vorgaben, bis auf die, dass die Zeitungsarbeit immer Priorität besitzen muss.

Letztendlich hängt nach Meinung vieler bloggender Journalisten vieles von den Autoren selber ab. Denn wer sich auch beim Bloggen an die Regeln des professionellen Journalismus hält, der wird keine Skandale oder anderen Probleme auslösen.

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