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WEBLOGS & CO. 23.04.2004
Partizipation statt Redaktion? (2/2)
Von Email an Christoph Neuberger sendenChristoph Neuberger | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

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Stärken der Weblogs sahen die Blogger selbst im leichten Zugang zum Autor (95%), dessen persönlicher Perspektive (90%), dem vielfältigen (65%) und intensiven (70%) Meinungsaustausch, der aktuellen Kommentierung des Tagesgeschehens (51%), der Unterhaltsamkeit (53%) und der Aktualität (52%). Dagegen wurde dem traditionellen Journalismus zugute gehalten, Themen tiefer zu behandeln (57%) und neutraler zu berichten (65%). In Bezug auf die Relevanz (53%), Richtigkeit (54%) und Vielfalt (50%) der Informationen sowie beim Service (56%) sah jeweils mehr als die Hälfte der Befragten keine gravierenden Unterschiede.

Ganz ähnlich fiel der Vergleich der Peer-to-Peer-Anbieter mit dem herkömmlichen Journalismus aus. So betrachteten auch sie die Zugänglichkeit (100%) und den persönlichen Stil der Autoren (64%) sowie die Meinungsvielfalt (71%) und die Intensität der Diskussionen (100%) als eigene Vorzüge. P2P-Anbieter (57%) und Blogger (60%) hielten mehrheitlich die Behauptung für falsch, dass traditioneller Journalismus meist glaubwürdiger ist als Angebote ihrer Gattung.

Anbietermotive, Zielgruppen und Themen

Weshalb betreiben die Befragten ihr Angebot? Blogger wollten in erster Linie ihre eigene Meinung verbreiten (75%) und unterhalten (64%). Rund die Hälfte wollte auch über wichtige Themen informieren (53%) und mit anderen Leuten diskutieren (50%). Hier zeigte sich ebenfalls eine starke journalistische Orientierung.

Peer-to-Peer-Anbieter stellen eine Plattform bereit, auf der sich Nutzer betätigen können. Welche Beteiligungsmöglichkeiten haben Nutzer? Am häufigsten sollten sie sich gegenseitig helfen (86%) und über wichtige Themen informieren (71%). Meinungskundgabe (57%) und -austausch (64%), das Kennenlernen (57%) und die Unterhaltung (50%) waren vergleichsweise nachrangig.

Welche Themen werden in den Weblogs behandelt? Bei dieser Frage konnten mehrere Schwerpunkte angekreuzt werden. Rund zwei Drittel der Blogger konzentrierten sich auf Internet- und Computerthemen (66%). Ebenfalls mehr als die Hälfte (59%) hatte einen kulturellen Schwerpunkt; meist ging es hier um Medien (26%), Kunst (23%) und Musik (16%). Zwei andere journalistische Sparten, Politik (26%) und Wirtschaft (13%), waren dagegen eher selten vertreten.

Welche Zielgruppen haben die Blogger im Visier? An alle Internetnutzer, also an ein breites Publikum, richtete sich rund ein Drittel von ihnen (34%). Nutzer, welche die speziellen Interessen des Bloggers teilen, wollten dagegen mehr als die Hälfte der Befragten erreichen (58%). An den eigenen Bekanntenkreis wandten sich lediglich 9%. Weblogs mit relativ hoher Reichweite (mehr als 2000 Visits im April 2003) nannten oft alle Nutzer als Zielgruppe (40%).

Welchen Charakter haben die Beiträge? Im Wesentlichen enthielten die Weblogs selbst geschriebene Beiträge, die sich auf andere Beiträge im Internet bezogen (42%) oder aber ohne solche Bezüge waren (49%). Nur ein relativ kleiner Teil begnügte sich mit Zusammenfassungen fremder Beiträge (9%).

Auch Portale verfügten über journalistische Inhalte: Fast zwei Drittel (64%) boten aktuelle Nachrichten an. Allerdings wurden diese meistens zugeliefert (46%). Auch die Börsennachrichten und der Wetterdienst stammten überwiegend aus einer fremden Quelle. Da Portale also vor allem Inhalte zweitverwerten, sind sie unter journalistischen Gesichtspunkten von geringer Bedeutung.

Finanzierung: P2P-Anbieter wollen Geld verdienen

Nur ein Zehntel der Blogger hatte den Vorsatz, Geld zu verdienen (10%). Sie finanzierten ihre Weblogs fast ausschließlich aus der eigenen Tasche (90%). Im Unterschied zu den fast kostenfreien Weblogs fallen für die Betreiber einer P2P-Plattform erhebliche Kosten an. Deshalb überrascht es nicht, dass zwei Fünftel (43%) der P2P-Anbieter Geld verdienen wollten. Bei den Erlösquellen von P2P-Angeboten sowie von Portalen hatten, der oft kommerziellen Zielsetzung entsprechend, Werbung (64% bzw. 79%) und E-Commerce-Kooperationen (50% bzw. 53%) eine große Bedeutung. Knapp ein Drittel (32%) der Portale erhob außerdem Nutzergebühren, und zwar vor allem für SMS-Versand, Handylogos, E-Mails und Telefonate.

Interne und externe Qualitätssicherung

Journalismus ist nicht nur durch die Behandlung öffentlich relevanter Themen gekennzeichnet, sondern auch durch die Einhaltung journalistischer Normen. Diese Aufgabe übernehmen in den Massenmedien die Redaktionen, die bereits vor der Veröffentlichung Informationen und Meinungen prüfen. Bei Weblogs und P2P-Angeboten – das ist ein wesentlicher Unterschied – geschieht diese Prüfung erst nach der Veröffentlichung. Das heißt: Alles, was auf den Seiten zu lesen ist, gilt als vorläufig und unfertig. Es steht unter dem Vorbehalt einer genaueren Prüfung durch die Nutzer und andere Anbieter.

Wie sind die Nutzer an P2P-Angeboten beteiligt? Sie konnten durchgängig Beiträge lesen und schreiben. Meistens konnten sie darüber hinaus Beiträge kommentieren (79%). Auch die Bewertung fremder Beiträge war verbreitet (64%), nicht jedoch die Möglichkeit, diese zu löschen (14%). Das heißt: Die Nutzer konnten nicht als "Gatekeeper" selektieren, aber durch Kommentare und standardisierte Bewertungen fremde Beiträge öffentlich beurteilen und so anderen Nutzern Hinweise auf die Qualität geben. Beispiele für solche partizipativen Websites sind die "Open source"-Community externer Linkslashdot.org und die Nachrichtensite externer Linkshortnews.de.

Zwölf der 14 befragten P2P-Anbieter (86%) verfügten zusätzlich über eine Redaktion. Verbreitet ist also ein Mischsystem aus redaktioneller und partizipativer Qualitätssicherung. Sechs Redaktionen konnten über die Veröffentlichung von Beiträgen entscheiden, fünf überarbeiteten eingereichte Beiträge vor der Publikation. Alle nahmen sich das Recht heraus, unpassende Beiträge zu löschen.

Während bei P2P-Angeboten die Qualität intern durch die Beteiligung der Nutzer gesichert werden soll, geschieht dies bei Weblogs – neben der Nutzerbeteiligung – auch durch Stellungnahmen anderer Blogger, deren Angebote untereinander eng vernetzt sind: 86% der untersuchten Weblogs waren mit anderen Weblogs verlinkt. Blogger reagierten im eigenen Angebot auf Beiträge in fremden Weblogs (68%) und schrieben auch für diese (75%). Aber auch auf die Nutzerbeiträge im eigenen Weblog gingen sie ein (74%). Blogger besaßen zu fast zwei Fünfteln (38%) journalistische Berufserfahrungen. Das heißt: Sie kannten die beruflichen Standards.

Mehr als zwei Drittel der Blogger (68%) waren bereits im Computerbereich beruflich tätig. Anbieter mit hoher Reichweite besaßen relativ oft Erfahrungen im Journalismus (44%) oder im Computerbereich (80%). Ihre Kompetenz spiegelt sich also im Reichweitenerfolg.

Partizipatorischer Journalismus und Individualjournalismus

Ein überraschend hoher Anteil der P2P-Anbieter und Blogger interpretiert die eigene Rolle als journalistisch. Nicht nur Subjektivität und Kommentierung bezeichnen die Befragten als eigene Stärken, sondern sie erbringen nach ihrer Auffassung auch in einigen Aspekten gleiche oder bessere Informationsleistungen als der traditionelle Journalismus.

Die explorative Studie erbrachte auch eine Reihe von Hinweisen darauf, dass Weblogs und P2P-Angebote sich strukturell deutlich vom traditionellen Journalismus unterscheiden. Sie repräsentieren zwei neue Berichterstattungsmuster im Online-Journalismus, die man als "Individualjournalismus" und "partizipatorischer Journalismus" externer Linkbezeichnen könnte.

Künftig zu untersuchen wäre vor allem die Effizienz der in die Öffentlichkeit verlagerten Qualitätsprüfung – gemessen an den klassischen journalistischen Normen.

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