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WEBLOGS & CO. 23.04.2004
Partizipation statt Redaktion? (1/2)
Von Email an Christoph Neuberger sendenChristoph Neuberger | externer LinkHomepage Druckversion dieses Artikels im neuen Fenster öffnen

Wie berichten Weblogs im Gegensatz zu klassischen Medien? Welche Ziele verfolgen Peer-to-Peer-Plattformen wie Slashdot? Betreiben Portale Journalismus? Eine Befragung untersuchte Arbeitsweisen und Selbstverständnis bei diesen neuen Informationsanbietern im Netz.

Rund zwei Drittel der Blogger konzentrieren sich auf Internet- und Computerthemen. Ebenfalls mehr als die Hälfte hat einen kulturellen Schwerpunkt; meist geht es hier um Medien. (Collage: Mischel)

Ist vom Journalismus im Internet die Rede, so sind meistens die Websites von Presse und Rundfunk gemeint. Dass daneben Angebotstypen im Internet entstanden sind, die ebenfalls aktuelle Informationen und Meinungen sammeln, prüfen und verbreiten, auch wenn sie andere Strukturen als der traditionelle Journalismus besitzen, hat bisher noch wenig Beachtung gefunden.

Die Massenmedien übertragen im Wesentlichen den traditionellen Journalismus ins Internet:

  • Die Seiten werden von Redaktionen produziert, in denen Berufsjournalisten tätig sind.
  • Ein Großteil der Inhalte wird vom Muttermedium übernommen, also wiederverwertet.
  • Die Mediensites wenden sich an ein großes Publikum.
  • Die Kommunikation verläuft überwiegend einseitig, unter Verzicht auf die interaktiven Möglichkeiten des Internets.

Diese Merkmale ließen sich in externer LinkUntersuchungen über den Online-Journalismus feststellen. Sind journalistische Angebote denkbar, die ohne Redaktion auskommen und nur von einer oder wenigen Personen betrieben werden? Können auch Nutzer gemeinschaftlich journalistische Aufgaben bewältigen? Kurzum: Gibt es externer Linkfunktionale Äquivalente für den traditionellen, das heißt: redaktionell und beruflich organisierten Journalismus im Internet?

Dieser Frage sind Studierende an der externer LinkUniversität Münster in einem Projektseminar nachgegangen. Sie analysierten Weblogs, Peer-to-Peer-Angebote und Portale und befragten deren Betreiber. Ausgangspunkt der Pionierstudie war eine Analyse von Metatexten. Das sind Texte im Internet, in denen diese Angebotstypen diskutiert und definiert werden. Auf diese Weise ließ sich klären, wie die Typen in der Praxis verstanden werden:

  • Weblogs liegen in der Verantwortung einer Person oder einer kleinen Gruppe. Entsprechend einem Tagebuch wird das Angebot regelmäßig durch neue Informationen aktualisiert (mindestens einmal wöchentlich), ohne dass größere Unterbrechungen vorliegen. Die Erhebung beschränkte sich auf thematische Weblogs, die – eher als rein persönliche Weblogs – journalistische Anforderungen erfüllen.
  • Angebote, die nach dem Prinzip "Peer-to-Peer" (P2P) organisiert sind, dienen dem Informationsaustausch zwischen Nutzern, die sowohl Kommunikator als auch Rezipient sein können. Für die Studie ausgewählt wurden nur solche Angebote, bei denen dies die zentrale Funktion war. Außerdem mussten sie einem unbegrenzten Teilnehmerkreis offen stehen und über Strukturen zur Qualitätssicherung verfügen. Thematisch mussten sie mindestens eine journalistische Sparte abdecken.
  • Portale bündeln Such-, Kommunikations- und Informationsfunktion, und sie bieten Personalisierungsmöglichkeiten. In der vorliegenden Studie mussten sie über ein thematisch breites Angebot verfügen (nämlich mindestens fünf Themengebiete abdecken).

Im Fall der Weblogs beschränkte sich die Suche nach relevanten Angeboten auf die Auswertung des umfangreichsten externer LinkLinkverzeichnisses für deutschsprachige Weblogs. Angesichts der Vielzahl der Weblogs und der mangelnden Transparenz des Gesamtangebots wurde nicht der Versuch unternommen, die Grundgesamtheit vollständig zu erfassen.

Bei den anderen Typen ist die Zahl der Angebote geringer. Peer-to-Peer-Angebote und Portale wurden mit Hilfe von Linkverzeichnissen und Suchmaschinen recherchiert, wobei auch hier kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird. Die Untersuchung beschränkte sich auf deutschsprachige Angebote.

Die Online-Befragung besaß einen explorativen Charakter. Sie sollte erste Hinweise auf Besonderheiten der Angebotstypen geben, ohne schon verallgemeinerbare Ergebnisse liefern zu können. Die Forschungsfragen lauteten: Wie klar sind die Angebotstypen definiert? Besitzen sie journalistische Merkmale? Und wie beurteilen die Anbieter ihr Verhältnis zum Journalismus?

Durchgeführt wurde die Befragung im Juni und Juli 2003. In der Auswertung konnten 17 auswertbare Fragebögen von P2P-Anbietern (43 wurden ermittelt und angeschrieben), 22 von Portalanbietern (57) sowie 137 von Weblogs berücksichtigt werden. Da die Internetadresse für den Fragebogen weitergereicht wurde, nahmen mehr Blogger an der Umfrage teil, als angeschrieben wurden (89). Über die Themenvariable ließen sich jedoch Fragebögen solcher Weblogs aussieben, die ausschließlich Persönlichem gewidmet waren.

Konsens über Angebotstypen und Vorbilder

Werden die Angebote übereinstimmend bezeichnet? Die Bezeichnungen "Weblog" und "Portal" haben sich offenbar bereits durchsetzen können: Die meisten Befragten gaben an, dass dies die zutreffende Bezeichnung für ihr Angebot sei (90% bzw. 76%). Deutlich geringer war die Zustimmung für den Ausdruck "Peer-to-Peer-Angebot" (12%).

Da dieses Ergebnis absehbar war, wurden den Anbietern dieses Typs weitere Namen zur Wahl gestellt: Von 17 Befragten gaben elf an, dass "Community" am ehesten passe. Nur jeweils zweimal wurden "Forum", "Plattform" und "Peer-to-Peer-Angebot" genannt.

Die Befragten sollten außerdem beurteilen, ob die Angebotsbezeichnungen ein- oder mehrdeutig sind. Die Bezeichnung "Peer-to-Peer-Angebot" wird am häufigsten (41%) als mehrdeutig qualifiziert. "Portal" (30%) und "Weblog" (23%) erschienen dagegen nur wenigen Befragten als mehrdeutig; sie bezeichnen ein bereits fest institutionalisiertes Medienschema, an dem sich Anbieter und Nutzer orientieren.

Haben die Befragten gemeinsame Vorbilder? Dies wäre ein Hinweis auf einen Konsens über die Definition des Angebotstyps und die an ihn gerichteten Qualitätserwartungen. Im Fragebogen konnten bis zu drei für die eigene Website vorbildliche Angebote eingetragen werden. Bei den Weblogs entfielen 21% der insgesamt 332 Nennungen auf sechs Angebote; ihr Name wurde mindestens fünfmal genannt. Mit Abstand am häufigsten wurde das Weblog externer LinkSchockwellenreiter von Jörg Kantel erwähnt: 30 Blogger bezeichneten dieses Angebot, in dem es vor allem um Internetthemen geht, als vorbildlich.

 VORBILDLICHE WEBLOGS: 
Titel des Angebots
Nennungen
externer LinkSchockwellenreiter
30
externer LinkLe Sofa Blogger
13
externer Linkmalorama
9
externer LinkIT&W
7
externer LinkDr. Web Weblog
6
externer LinkBanana Joe Weblog
5
Am häufigsten als vorbildlich bezeichnete Weblogs (117 befragte Blogger, Nennungen gesamt: 332)

Bei den P2P-Angeboten zeigte sich dagegen keinerlei Übereinstimmung: Hier wurden 14 Angebote jeweils nur einmal genannt. Darunter waren prominente P2P-Sites wie externer Linkslashdot.org, externer Linkplastic.com, externer Linkthewell.com, externer Linkshortnews.de und externer Linkivillage.com, aber auch eine Reihe weniger bekannter Angebote. Bei den Portalen wurden am häufigsten externer Linkweb.de (6 Nennungen) und externer Linkyahoo.de (3) genannt. Daneben wurden mehrere Medienangebote eingetragen (wie externer Linkspiegel.de, externer Linkard.de und externer Linkn-tv.de), die ebenfalls zu den Portalen gerechnet wurden.

Blogs, P2P-Sites und traditioneller Journalismus

 INFO: 
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des von Prof. Dr. Christoph Neuberger geleiteten Projektseminars "Angebotstypen im World Wide Web" (Wintersemester 2002/03, Sommersemester 2003) am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster waren: Petra Bäumer, Martin Birtel, Silke von Brockhausen, Sascha Dowidat, Birgit Eiglmeier, Silja Elfers, Henning Fischer, Katharina Fliess, Prólet Grigorova, Susanne Herrmann, Carina Holl, Nicola Keute, Kathrin Kissau, Sarah Knoop, Timo Koch, Daniel Krause, Thorsten Krimphove, Jörn Lepper, Maria Teresa Lopez Lopez, Daniel Meyering, Christian Nuernbergk, Kristin von Palubitzki, Robert Pauly, Birgit Peckedrath, Marius Rechenbach, Myriam Ressel, Nicole Riedel, Melanie Rischke, Ximena Rodríguez, Elica Savova, Sebastian Schmalz, Trixi Schornick, Stefan Segadlo, Tanbir Singh, Julia Sommerhäuser, Karen Weber.

Die meisten Blogger und P2P-Anbieter sahen eine Nähe zwischen ihren Angeboten und dem Journalismus: Das Statement "Angebote des Typs haben nichts mit dem Journalismus zu tun" wurde von 86% (P2P) und 82% (Weblogs) der Befragten abgelehnt. Auch die Anbieter von Portalen stimmten zu fast zwei Dritteln (63%) der Aussage zu, dass sie eine "journalistische Aufgabe" übernehmen. Die befragten Anbieter haben also ein journalistisches Rollenverständnis. Dass sie eine "neue Art" von Journalismus betreiben, meinten 86% der P2P-Anbieter und fast zwei Drittel (64%) der Blogger. Dass P2P-Sites (43%) und Weblogs (29%) den traditionellen Journalismus "teilweise verdrängen" werden, nahmen hingegen nur wenige Befragte an.

In welcher Hinsicht sind die neuen Angebotstypen dem traditionellen Journalismus überlegen? Die Befragten wurden gebeten, ihren Angebotstyp mit dem traditionellen Journalismus zu vergleichen. Dabei ist zu beachten, dass sie hier "in eigener Sache" urteilten. Das heißt: Ihr Interesse an positiver Selbstdarstellung dürfte die Ergebnisse beeinflusst haben.

weiter in Teil 2 »
Anbietermotive, Zielgruppen,
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