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Seine Stärken kann der Videojournalismus möglicherweise
in Situationen ausspielen, zu denen konventionelle Fernsehteams
bisher kaum Zugang finden konnten. So wird immer wieder die
Intimität hervorgehoben, die VJs dank
unauffälliger und kompakter Technik zu ihrem Umfeld
herstellen können.
Weil die Präsenz eines kompletten
TV-Teams fehle, kämen die Reporter näher an das
Geschehen heran und könnten viel unbefangener in privaten
Situationen agieren (vgl.
Rosenblum 2003, 44; Wolf
2003, 14; Wittke
2000, 115; Wegner
2004, 33; Foraci
2004, 20).
Das
hat zum Beispiel Marion Kainz mit ihrem mehrfach preisgekrönten
Film Der
Tag, der in der Handtasche verschwand bewiesen:
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"Der Autorin war es darin
gelungen, ihrer Protagonistin, einer Alzheimer-Patientin,
sehr nahe zu kommen. Das technische Gerät, da
sehr unauffällig, trat nicht als Hindernis
zwischen Autorin und Protagonistin. Der Film lief
in der Reihe 'Menschen hautnah' und ist ein Beispiel
dafür, dass in sorgsam und frei konfigurierten
Formaten die eigene Autorenhandschrift durchaus zur
Geltung kommen kann."
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(Wolf
2003, 14) |
Den Zusammenhang zwischen Authentizität und konsequenter
Reduktion der technischen Hilfsmittel haben auch verschiedene
Spielfilm-Regisseure erkannt. Bereits 1995 unterschrieben
vier dänische Filmmacher das "Dogma"-Manifest,
in dem sie sich u.a. darauf einigten, ausschließlich
mit handgeführter Kamera zu arbeiten und die am Drehort
vorhandene Beleuchtung zu nutzen. Dadurch sollten
die Schauspieler maximale Bewegungsfreiheit haben, da
die Kamera stets der Handlung folgen sollte – und
nicht umgekehrt (vgl.
Buck 1999, 107ff.).
Investigative Dreharbeiten
Wegen ihrer Unauffälligkeit wird die kompakte Technik
oft auch bei investigativen Dreharbeiten eingesetzt, wie
z. B. in der 45-minütigen NDR-Reportage "Drogenkampf
im Bürgerviertel". Mit ihrer MiniDV-Kamera,
so klein wie ein Walkman, gelang es den Autoren, unbemerkt
in Hamburgs Dealerszene zu drehen und Material von hohem
dokumentarischen Wert zu gewinnen (vgl.
Voigt 1996, 60ff.). Obwohl die technische Entwicklung der Geräte
1996 noch in den Anfängen steckte, fällt das
Fazit des Kameramanns durchaus positiv aus:
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"Wir lernen, die kleine
Mini-Kamera ernst zu nehmen. Sie hat ihren ersten
TV-Job souverän und zuverlässig überstanden.
Uns gab sie bei diesem Milieu-Film die Sicherheit,
keine Feinheit von dokumentarischem Wert versäumen
zu müssen. Auch nach der Überspielung auf
Betacam SP überzeugte uns die Qualität
des digitalen JVC-Camcorders."
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(Voigt
1996, 64) |
Zu einem ähnlichen Schluss kommen Thomas Höller
und Karl-Heinz Kreutzer, die für das ZDF drei Beiträge über
illegale Vogelfänger in Surinam produziert haben
(vgl.
Höller 1999, 74ff.). Dabei drehten sie ausschließlich
mit der kompakten MiniDV-Kamera VX
1000 von Sony. Das
Gerät unter den Arm geklemmt, blieben die beiden selbst
auf einem Vogelhändler-Markt in Paramaribo unentdeckt. "Die
Technik war ideal für den schnellen Einsatz ohne Eingriff
auf das Motiv. Die übersichtliche Bedienung hat diesen
Einsatz unter anderem möglich gemacht. Mit jeder anderen
Kamera wären wir nicht zu diesen Bildern gekommen."
(ebd.,
82)
Eine neue Qualität der Bilder sieht auch Mike Arnold,
Leiter des BBC-Videoreporter-Programms. Eine Reportagen-Serie
kommentiert er mit den Worten: "Solche Filme
hätten
wir in dieser Qualität niemals im Programm gehabt,
wenn wir mit herkömmlichen Drei-Mann-Teams angerückt
wären, die unter Kosten- und Zeitdruck eine Geschichte
hätten produzieren müssen." (zit.
nach Meuren 2003, 32)
Hohe Flexibilität
Der Einsatz kompakter Technik lässt den
Fernsehanstalten Freiraum für Experimente und neue
Formate, die wegen hoher Kosten durch konventionelle Produktionsabläufe
im TV-Alltag nie möglich gewesen wären. "Der
unbeschwerte Zugriff auf eine jederzeit drehbereite Aufnahmetechnik
erlaubt spontanes Drehen 24 Stunden am Tag",
sagt Dokumentarfilmer Rainer Komers (zit.
nach Nowara 2003a, 46), der einen Teil seines Films "ErdBewegung" in
Nordindien mit einer kompakten DV-Kamera drehte (vgl.
ebd,. 44ff.).
Auf diese Weise können Videojournalisten
Langzeitdokumentationen mit einer Vielzahl von Drehtagen
relativ kostengünstig realisieren. Zudem stehen ihnen
Wege zu Ereignissen offen, bei denen vorher gar nicht feststeht,
ob sie nicht doch eine brauchbare Story bieten – Situationen,
die es aus Kostengründen nicht ermöglichen, ein
komplettes Team "auf Verdacht" heraus zu schicken
(vgl.
Roether 2002, 4). Zudem ist es verzeihbar, wenn Videojournalisten
bei ihrer Arbeit Fehler machen - denn
ein produzierter, aber nicht ausgestrahlter Beitrag verschlingt
keine Unsummen mehr (vgl.
Angeli 2003, 87).
"Living Camera"
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| Das
ausklappbare LCD-Display ermöglicht
ungewöhnliche Bildperspektiven.
(Foto: Mischel) |
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Eine
weitere Eigenart des Videojournalismus ist ebenfalls durch
die kompakte Technik bedingt: Die kleinen, digitalen Kameras
sorgen für eine neue Bildästhetik, "deren
Grundlage im Bereich der 'Living Camera' liegt, einer Technik
aus den Anfangsjahren der Filmgeschichte, die durch den
Videojournalismus nun wiederentdeckt und kreativ genutzt
wird." (Wittke
2000, 115).
"Der Videojournalist", so bringt es Michael
Rosenblum auf den Punkt, "kann seine Kamera genauso
nutzen wie ein Zeitungsmann seinen Notizblock. Er
ist befreit aus der Zwangsjacke üblicher Fernseharbeit
mit all den horrenden Kosten und logistischen Schwierigkeiten,
die die Produktion eines Beitrags bislang verursacht" (zit.
nach Meuren 2003, 33). Für jeden Fernsehreporter müsse
eine Kamera daher wie ein "elektronischer Bleistift" zur
Grundausstattung gehören. (vgl.
ebd.). Metzger sieht
in Teilen des Fernsehens daher eine ähnliche
Entwicklung wie im Hörfunk:
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"Zuerst und vor allem braucht
es deswegen gute Reporter: Gespür für ein
Thema und seine Umsetzung, ein guter Blick für
Protagonisten, Offenheit und Genauigkeit bei der
Recherche, gute Bilder zu sehen und dann natürlich
auch aufs Band zu bringen, nachher im Schnitt die
Fähigkeit, eine Geschichte so zu erzählen,
dass sie das Publikum fesselt. Das hat mehr mit journalistischem
Handwerk und Persönlichkeit zu tun als mit Technik."
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(zit.
nach Nowara 2003b, 52f.) |
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im nächsten Teil »
Die technische Ausstattung von
Videojournalisten.
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